Stalins Schattenriss – vom Großen Terror der Diktatur

 

Im Eingangsbereich wurde ich sofort von meinen strafrechtlich auffälligen Leidensgefährten getrennt. Während die Drei, durch einen langen Korridor huschend, innerhalb von Sekunden meinen Blicken entschwanden, vernahm ich Momente später noch einen weiblichen Aufschrei, einen vorwurfsvollen Protest, so als sei eines der Mädchen irgendwie unzulässig berührt, belästigt oder brüskiert worden. Kurz darauf hörte ich wieder Schreie, eine schrille weibliche Stimme, die durch Mark und Bein ging. Die „Ziganiade“, Gezeter, Schreie, Streit und herbe Flüche, die man sonst Zigeunern zum Vorwurf machte, hier fand sie nun statt. Offensichtlich wurde erneut wahllos auf die Opfer eingeprügelt, aus bloßer Gewohnheit heraus, rituell. Wer hier ankam, musste einstecken.

Blieb ich verschont? Wie lange noch? Eine Tirade von obszönen Schimpfwörtern hallte durch den Raum; Umschreibungen, Flüche und Ausdrücke im milieuspezifischen Jargon, wie ich sie bis dahin noch nie vernommen hatte – schon gar nicht aus dem Munde eines jungen Kindes, das die dreizehn bestimmt noch nicht erreicht hatte. Eines der Mädchen wehrte sich und schrie, so laut sie konnte. Dann krachte es dumpf und wurde still. Wo war ich hier gelandet – im Arrest oder im Irrenhaus?

Erst als der Lärm endgültig verhallt war, erinnerte sich der Feldwebel an der Pforte meiner und führte mich in einen größeren, offenen Raum unweit des Empfangsbereiches. Nach seinem Fingerzeig sollte ich auf der Holzbank in der linken Ecke Platz nehmen, etwa einen halben Meter von der weißen Zimmerwand entfernt.

„Mit dem Gesicht zur Wand“

konkretisierte er scharf, als ich mich etwas phlegmatisch fallen ließ, ohne ihn dabei aus dem Blick zu verlieren. Der absurd erscheinende Befehl verwunderte mich; trotzdem drehte ich mich um und starrte auf die fahle Mauer. Weshalb ich hier zu sitzen hatte, weshalb ich nicht gleich in eine der Untersuchungshaftzellen im Keller vis-à-vis gesteckt oder gleich ins Geheimdienstgebäude nebenan verfrachtet wurde, konnte ich nicht wissen. Inzwischen zeigte der kleine Zeiger meiner Armbanduhr auf die Zehn. Der Schichtwechsel stand an, ein Zeremoniell ohne Besonderheiten. Bevor der eine Uniformierte abgelöst wurde, hörte ich, wie er dem Kollegen etwas zuflüsterte. Was er sagte, war nicht zu verstehen. Verstohlen schielte ich hinüber. Eine auf Anhieb abstoßende Gestalt war da gerade angetreten. Die Ähnlichkeit mit Väterchen Stalin war frappierend, der gleiche Kopf, der gleiche buschige Schnurrbart und wohl auch der gleich „böse Blick“?

Zigeuner fürchteten Menschen mit dem „bösen Blick“. Und auch bei mir machte sich gleich ein ungutes Gefühl breit. Es war wie eine Art Vorahnung, das Unheil aufzieht. Es war, als ob sich die negative Aura der Unperson bereits auswirkte, noch bevor ich ihre Bekanntschaft gemacht hatte. Gab es die „negative Kraft“ wirklich, von der mir ein leicht abergläubisch veranlagter Student erzählt hatte? Wurde das aufziehende Böse, das Satanische von feinsten Sensoren bereits erfasst, noch bevor es offensichtlich wurde? Nach der Wachablösung blieb es zunächst ruhig. Müdigkeit kam auf. Kopf und Glieder wurden schwerer und ich fühlte Stunde für Stunde, wie die Last des Körpers die Muskeln erschlaffen und mich zusammen sinken ließ. Nach Mitternacht konnte ich mich kaum noch aufrecht halten; doch keiner kam, um mich zu erlösen. Sollte ich die ganze Nacht hindurch hier auf der Holzbank sitzen, aufrecht, den Blick auf die weiße Wand gerichtet, statt in einem Bett zu schlafen. Was hatte ich verbrochen, um so malträtiert zu werden? Wo blieben die Menschrechte? Die Beachtung der Würde? Oder standen potenzielle Straftäter außerhalb von Recht und Gesetz, obwohl ihre Schuld noch nicht erwiesen war? Seit einem Tag hatte ich nichts mehr gegessen, auch nichts getrunken. Der Körper rebellierte. Nur das Adrenalin hielt mich noch wach. Doch was konnte ich tun, als aufgeregt abzuwarten, was noch geschah. Die Zeit verrann so träge wie noch nie. Von Zeit zu Zeit schielte ich auf die Armbanduhr. Es war längst nach Mitternacht. Doch die Zeit wollte nicht verstreichen. Sie stand still wie beim großen Mittag, wenn der Dämon kreist und den Mönch der Melancholie preisgibt. Nach einer unendlich langen Stunde, nach einer Ewigkeit, saß ich immer noch vor der nackten Wand, gekrümmt, mit verspannter Nackenmuskulatur und schmerzendem Rücken und starrte ins Nichts.

Die Gedanken suchten sich Objekte und flogen zurück nach Bukarest, in die Welt der Botschaften, der Luxushotels, der Ministerien, zurück zum Kreuzverhör, den Drohungen und dann hinaus in die unbekannte Zukunft, die gerade begonnen hatte. Was kam am nächsten Morgen auf mich zu, wenn die Geheimdienstler von nebenan ihr Verhör aufnehmen würden? Würde ich den Tag überleben? Würde ich in der nächsten Nacht in einer Zelle landen, auf einer Pritsche, die sicher bequemer war als diese harte Bank? Wie lange würden sie mich wohl festhalten? Würden sie mich beim Verhör verprügeln, foltern, erpressen, verurteilen, einsperren? Oder würden sie mir, wie angekündigt, den Hals umdrehen? Worin bestand die schlechteste aller Möglichkeiten, die es auch diesmal mental vorwegzunehmen galt? Die Schrecken antizipierend so gut es ging, versuchte ich mich zu beruhigen und etwas von dem zu praktizieren, was ich über buddhistische Meditation gelesen hatte. Das Loslösen von den Dingen der Außenwelt, von den Beeinflussungen und Reizen der Innenwelt in einer Konzentration auf die Leere. Die weiße Wand vor mir war ein gutes Hilfsmittel dazu. Langsam wurde ich ruhiger und ruhiger … und war fast schon vor dem Einnicken im Sitzen, als ich plötzlich etwas im Genick fühlte. Doch es war nicht der Stockschlag des Mönchs nach langer Meditation, der die Muskeln entspannt und dem Geist neue Bahnen öffnet, sondern eine Kralle, die mich packte – eine Teufelskralle, die wuchtig in meine halblangen, leicht herabfallenden Haare griff und mich mit einem mächtigen Ruck nach hinten zerrte. Mein gesamter Körper überzog sich mit Gänsehaut. Es war wie in jenem schlimmen Albtraum, wo das Ungeheuer zupackte – doch dieses war echt. Während ich versuchte, den Kopf zu wenden, um zu ergründen, was da mit mir vorging, sah ich wie die schreckliche Fratze hinter und über mir gerade den rechten Arm hochzog, um mit der zur Faust geballten Pranke auf mich einzuschlagen. Der kräftige Hieb traf mich im Gesicht zwischen Kinn und Schläfe. Ein Licht erschien vor meinen Augen, ein inneres Licht, dann folgten nur noch Sterne. Wie ein Boxer im Ring nach einem Kinnhaken taumelte ich und stürzte nieder von der Bank auf den Fußboden, wo ich dann für Augenblicke umnebelt und benommen liegen blieb. Die Zeit, Schmerz zu empfinden, fehlte. Fußtritte folgten. Die harten Lederstiefel trafen mich überall. Dann nochmals heftige Faustschläge. Über mir tobte sich ein stämmiger Schläger aus, eine graue Gestalt kurz vor der Rente, markant nur der mächtige schwarze Schnauzbart aus grauschwarzen Haaren, der unweigerlich an den schrecklichen Georgier erinnerte, an Iosif Dschugaschwili, an den Völkerschlächter der Sowjetunion, und – nach Tito, wie einige meinten – an „den größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte“, größer noch als Hitler!? – an „Stalin“! Stalin war zurück, nachdem er schon längst tot und verwest war!

Stalins „Geist“ war da, physiognomisch gut verpackt – und echt als Mordgeselle. Mein Albdruck wollte kein Ende nehmen:

 „Steh auf, Bandit, und setz’ dich wieder auf die Bank – aufrecht, mit dem Gesicht zur Wand“,

befahl er.  Ohne Widerrede folgte ich der Aufforderung. Während ich dann versuchte, den ersten Schock zu überwinden und die Sinne erneut zusammenzunehmen, griff der blanke Sadist zu einer großen Schere, packte mich von hinten wieder an den Haaren und schnitt mir mit nur einem gezielten Dazwischenfahren den Schopf vom stolzen Kopf. Die Haarpracht war dahin … mein Symbol der Freiheit, die vor Tagen noch leicht im Wind flatternde Mähne, war es auch – und mit dem schiefen Schnitt auch meine Würde! In der Seele getroffen, schrie ich auf wie ein Indianer, dem man sein Totem wegnimmt und mit ihm die Identität. Wer war hier der Räuber und Verbrecher? Der Bürger auf der Suche nach seinem Recht oder der Handlanger der Diktatur?

„Was fällt Ihnen ein!“

brüllte ich aus Leibeskräften.

„Wie kommen Sie dazu, mir die Haare wegzuschneiden!“

Vom Schmerz enthemmt und wie von Sinnen schrie ich mir den Frust aus dem Leib. Irgendwie hatte ich das Gefühl, die Bestie hätte mir gerade das Herz aus dem Leib geschnitten – und das Menschsein noch dazu. Amputiert, ja kastriert fühlte ich mich, unfreiwillig beschnitten wie ein Mastochse und kapaunisiert wie ein Kastrat. Am liebsten wäre ich aufgesprungen, hätte ihn gewürgt oder noch lieber erwürgt. Doch statt mir zu antworten, warf er nur hämisch grinsend die Schere von sich, dann die Jagdtrophäe aus der Faust, meine Haare, um erneut auf den Wehrlosen einzuschlagen. Wieder trommelte es aus Leibeskräften auf mich ein, so lange, bis ich von der Bank rutschte und zum Häufchen geballt am Boden liegen blieb. Dort fühlte ich neue Stiefeltritte in der Nierengegend, ohne mich schützen zu können. Wie sollte ich reagieren? Instinktiv rollte ich mich zum Knäuel zusammen, wie ein Igel bei drohender Gefahr, nur ohne wappnenden Stachel oder Panzer, vor allem Gesicht und Kopf schützend, abwartend und hoffend, Wut und Bosheit des Scheusals würden sich bald legen. Während ich gekrümmt und in mich gekehrt auf dem Fußboden lag, ohne Rücksicht auf den Sonntagsanzug, der inzwischen tausend Falten geworfen hatte, der teils auch, schon zerrissen war, merkte ich, wie heiße Emotionen in mir aufwallten, wie aus tiefster Seele eine Wut der Verzweiflung aufstieg. Starke, den Hass streifende Aggressionen kamen für Augenblicke auf, versiegten dann aber schnell wieder in der eigenen Ohnmacht.

Das war mein Golgotha, mein Schafott in einsamstem Ausgeliefertsein: Das offensichtlich Böse, das leibhaftig Böse, war um mich und über mir wie ein Dämon!

Das „Böse“, vor dem der „Staat“ mich doch beschützen sollte, aber „nicht beschützte“, der Staat, dieser Staat, der vorgab die „Gesellschaft des Lichts“ aufbauen zu wollen, der den „Neuen Menschen“ schaffen wollte und das „Glück der Vielen“; dieser Unrechts-Staat bewirkte gerade das Gegenteil, er förderte das „Böse“ sogar, weil es sein „eigenes Element“ war – und weil es das Element war, welches ihn am Leben hielt: „Terror, Terror und Angst“ gegen die eigenen Bürger!

Dort, wo die Schergen nationalsozialistischer Konzentrationslager aufhören mussten, machten Stalinisten und Pseudosozialisten weiter.

Wie sollte ich als wehrloses Individuum auf dieses eklatante Unrecht reagieren? Sollte ich mich fügen und die Vernichtung hinnehmen wie schon so viele vor mir in ähnlicher Situation? War ich ein Lamm auf der Opferstätte?

Der eigene Vater hatte dieses Los hingenommen und es duldsam gelebt als schuldloses Opfer, das sich nicht aufbäumen und dagegen stellen konnte! Was war mit mir? Musste mein Kopf rollen, damit andere versöhnt waren? Oder konnte ich mich doch noch aufbäumen und mich wirklich wehren? Kämpfen? Den letzten Kampf gegen einen Drachen, auch ohne Flammenschwert?

Es rebellierte in mir – Wut kochte hoch, Groll und Zorn. Hätte ich eine Waffe gehabt, die scharfe Klinge eines Samurai vielleicht, ich hätte ihn niedergestreckt, mit einem glatten Streich – ganz so wie selbst der stets friedfertige Buddhist die Kobra mit dem Knüppel erschlägt, bevor er tödlich gebissen wird. Doch ich lag vollkommen geschwächt am Boden, ohne Kraft, mich aufzubäumen, aber auch ohne den Willen, den Repräsentanten der Exekutive angreifen zu wollen. Einige schwache Reflexionen zügelten den Hass. „Widerstand gegen die Staatsgewalt“?

Eine erhobene Hand! Ein falsches Wimpernzucken?

Wie schnell konnte aus mir, dem angehenden politischen Oppositionellen, ein gemeiner Verbrecher werden! Nun ahnte ich erst, was ein Geopferter während des Ganges zum Schafott fühlt, was jedes bewusste Opfer erleidet, wenn es einer Allmacht ausgeliefert ist – das war ein Golgotha, das der Gekreuzigte für alle erduldet hatte, in metaphysischer Vereinsamung und Gottverlassenheit bis hin zu Resignation und Verzweiflung. Im Kleinen erlebte ich gerade, was im Großen viele erlebten:

die Willkür einer Diktatur fern von Recht und Gesetz

der Mikrokosmos war ein Spiegel des Makrokosmos. Stalins Zerrbild, ein Bild von der Natur geschaffen, um die Unnatur sichtbar zu verkörpern, stand immer noch grinsend über mir – im Triumph? Mühsam versuchte ich mich aufzuraffen und hoch zu kommen, körperlich und geistig. Der Selbsterhaltungstrieb meldete sich zurück. Selbsterhaltende Vernunft mit dem Gebot, jedes Messen mit der Bestie zu unterlassen. Gehorchen war jetzt angesagt – oder endgültiges Scheitern.

Schließlich entfernte sich das Tier „ohne menschliches Antlitz“ und ging zur Pforte, so als ob sich nichts ereignet hätte. Er hatte den mitleidlosen Blick eines Löwen, der gerade die Jungen seines Rivalen totgebissen hat. Mitleiden, das nach Schopenhauer das „Humanum“ ausmacht, war ihm fremd. Er ließ mich ohne Regung in Schmerzen zurück – und allein mit meinen Gedanken.

Nur sie waren noch frei, neue Fragen aufwerfend. Hatte diese „Ausgeburt der Hölle“ auch ein Gewissen? Wie sah es darin aus? Oder kannte er diese Kategorie überhaupt nicht, wie er auch keinen Gott und kein Jüngstes Gericht kannte? Primitive Unmenschen, die Schergen aus den Konzentrationslagern von gestern, das waren die willkommenen Instrumente, mit denen der totalitäre Staat seine Macht ausübte. Die Macht der Diktatur fußte auf brutaler Gewalt, auf Einschüchterung und Terror.

Ein Menschheitsverbrecher konnte als kleiner Sadist beginnen … wehret den Anfängen, auch in diesem Bereich.

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