Spießrutenlaufen

 

Die Fahrt verlief ereignislos. Mein Begleiter beschränkte seine Kommunikation auf wenige Anweisungen, die er erteilen musste. Darüber hinaus war er stumm. Lethargisch, fast geistig abwesend saß er da und schaute die ganze lange Strecke hindurch zum Fenster hinaus in die die unbestimmte Weite. Das erstaunte mich etwas, denn Rumänen sind in der Regel recht gesprächig und unterhalten sich gerne über allerlei Themen. Vielleicht durfte er auch nichts sagen? Wir reisten in einem Abteil, das für solche Fahrten bestimmt schien, ganz vorn im ersten Waggon, unmittelbar hinter der Lokomotive. Handfesseln hatten sie mir keine angelegt. Wohl zu auffällig? Gelangweilt musterte ich den Begleiter. Er war ein Südrumäne, braun gebrannt wie die meisten Zigeuner in unserem Ort. Auf seiner dunklen Stirn standen Schweißperlen. Er hatte schwarze Augen. Und das Weiß um die Iris war wirklich weiß – nicht gelbweiß wie angeblich bei den Zigeunern. Jemand hatte mich auf dieses winzige Detail aufmerksam gemacht. Das sei der Indikator, mit welchem man die beiden Völker auseinanderhalten könne. Spätrassistischer, pseudowissenschaftlicher Schwachsinn, doch gut um schlichte Menschen zu verunsichern. Fürchteten die Rumänen, die Zigeuner könnten überhandnehmen im Staat? Wurden sie deshalb stigmatisiert und diskriminiert? Und wir, die anderen Minderheiten, Ungarn, Deutsche, Serben, Bulgaren, Aromunen mit ihnen? Saßen wir nicht alle im selben Boot?

Der Zug ratterte durch die Schatten der Dämmerung. Als wir Temeschburg erreichten, war es bereits nach Mitternacht. Gleich nach der Ankunft wurde ich noch auf dem Bahnhofsgelände in einem engen Raum verfrachtet, in eine Art Karzerzelle, wo zunächst abzuwarten war, was noch folgte. Eine halbe Stunde saß ich da – eine Ewigkeit. Endlich die Erlösung. Die Tür ging auf und ich blickte in ein neues Gesicht.

 „Marsch, marsch“

hieß es. Ich gehorchte. Ein paar Schritte … und ich war draußen. Vor dem Gebäude wartete ein dunkler Kastenwagen. Der Motor brummte im gleichmäßigen Takt. Weitere Milizleute standen herum, abwartend? Einer schloss dann die Hintertür auf und befahl mir, einzusteigen. Gehorchend sprang ich in den sonderbaren Käfig, der, wie ich bemerkte, nicht mehr ganz leer war. Zwei blutjunge Mädchen kauerten mir gegenüber in der auf der schmalen Seitenbank. Daneben eine lange Gestalt in weißem Anzug mit Sonnenbrille und schwarzen, zurückgekämmten Haaren, die teils unter einem Strohhut hervortraten, gestützt auf einen weißen Spazierstock mit Silberknauf. Beim näheren Hinsehen war ein Januskopf zu erkennen, ein vielsagendes Symbol in der Welt der Chamäleons! Was war echt und was war falsch? Was versteckte sich hinter der Sonnenbrille? Müde oder ein kecker Blick? Und was besagte der Stock? Saß tatsächlich ein Blinder vor mir? Oder doch nur ein Täuscher, der mit dieser Masche sein Geld verdiente? Den Burschen hatte ich doch schon irgendwo gesehen, im „Violeta“, im „Flora“, im „Trandafirul“ oder in meiner Lieblingskonditorei in der Bastei? Selbst angesprochen hatte ich wohl schon, als er besonders rührselig auf die Tränensäcke drückte!? War das nicht „Janosch“, der Zigeuner aus Krischantelep, der so meisterhaft zittern und so herzergreifend betteln konnte? Jetzt hatten sie ihn im Kasten wie die jungen Dirnen auch? Während manche kleine Hetäre ganz gegen den Geist des Sozialismus im ältesten Gewerbe der Welt ihre Berufung und Bestimmung fand und Freuden spendend dem müden Alltag auflockerte, entsprach Janoschs nicht weniger einträglicheres Metier der Tradition seines Volkes, die ihn mit den Millionen Verwandten in Kalkutta oder sonst wo im fernen Indien verband. Betteln war keine Schande, betteln war Beruf, eine Tätigkeit, weitaus ehrwürdiger als etwa das „Stehlen“, eine Tugend im Sozialismus, die Bonzen, die im großen Stil raubten, plünderten und höchst offiziell stahlen, genauso virtuos beherrschten wie der kleine Fabrikarbeiter, der manchmal Dinge mit nach Hause nahm, die er überhaupt nicht gebrauchen konnte. Doch wer fragte hier überhaupt, ob ein Janosch durch sein Tun das Karma der Sündhaften beflügelte?

Eine matt leuchtende Birne spendete karges Licht. Gelegentlich schielten die Damen zu mir rüber, verschmitzt kichernd. Ohne mich aus dem Blickfeld zu verlieren, flüsterten sie von Zeit zu Zeit etwas in Ohr, so als ob uns das Beste noch bevorstünde. Der Zwangstransport in die Milizzentrale schien ihnen nicht viel auszumachen. Der Blinde hatte seine Sonnenbrille inzwischen abgenommen; jetzt musterte er mich lange und misstrauisch. Welcher Zunft ich wohl angehörte? Der grau gestreifte Anzug, das weiße Hemd und die silberne Krawatte mit Nadel verwirrten ihn. Bald wurde die Tür von außen zugeschlagen und verriegelt. Dann startete die „Duba“. Kaum eine knappe Viertelstunde Geholper durch die Straßen und schon waren wir am unerwünschten Ziel. Vor dem Hintereingang der Polizeizentrale stoppte das Gefährt. Gemeine Straftäter wurden von hier aus in das Milizgebäude verbracht, während die Geheimpolizei „Securitate“ den Haupteingang auf der anderen Seite des Komplexes am Leontin Salajan- Boulevard für sich reklamierte. Wo war ich da gelandet? Mit einem Ruck wurde die Wagentür wieder aufgerissen:

 „Raus mit euch, Räuberpack, Hurengesindel, verfluchtes!“

schrie ein Wachmann mit rauer Stimme und versuchte dabei, Janos mit dem Gummiknüppel zu treffen. Der Hieb ging daneben. Janos war flink. Er entzog sich dem Schlag mit einer geschmeidigen Bewegung und sprang davon wie ein Panther im Geäst, bevor der Uniformierte erneut zuhauen konnte. Andere Schergen kamen hinzu. Eines der Mädchen wurde an den Haaren erwischt und vor mir bestialisch aus dem Kastenwagen gezerrt. Als ich etwas zaghaft hinterher kam, machte mir einer der Burschen aus dem inzwischen spalierstehenden Empfangskomitee Beine:

„Komm, Räuber, beweg deinen Arsch, auf geht’s, Tempo, Tempo, Marsch, Marsch – oder willst du in der Gosse übernachten …“

Das sozialistische Spießrutenlaufen hatte Übung. Und Schmähungen dieser Art klangen fast schon vertraut.

Während die Untermenschen aus dem Kastenwagen ihre Haut rettend nach oben eilten wie das Herdenvieh abends nach der Weide, intuitiv nach dem vorbestimmten Platz an der Krippe suchend, hallte eine weitere Salve ausgewählter Perlen fortschrittlicher Sprachkultur durch die Luft garniert mit einigen Faustschlägen und Fußtritten einzelner Schergen, für die der Spektakel nur eine belustigende Abwechslung darstellte. Höhepunkte dieser Art gab es hier täglich.

Schließlich war die „sozialistische Ordnung“ auf dem Weg zur „Gesellschaft des Lichts“ noch nicht „perfekt“ – wie auch die gesamte Schöpfung nur eine „creatio imperfecta“ darstellte. Das „Gesindel“ musste täglich aufs Neue eingefangen, verprügelt und eingesperrt werden – und es wurde immer mehr davon! Wer traf jetzt wen? Ein heiteres Spiel für gelangweilte Staatsdiener, die den „sadistischen Kick“ als Stimulans ansahen, nach dem Vorbild alter Reußen und Preußen. Was Friedrich dem Großen recht war, konnte jedem Tyrannen der Neuzeit billig sei. Schließlich wuchs der „Homo novus“ des Sozialismus nicht im Hätschelkult heran, sondern über Zucht, Züchtung und „Züchtigung“, in der Schule, in der Armee … und in der Gesellschaft!

Janosch, der Leithammel, führte die kleine Stampede an; allen vorauseilend sprang er gewandt und ohne zu stolpern die Treppen hoch, vielleicht von der Hoffnung getrieben, in vertrauter U-Haftzelle oben mehr Schutz und Sicherheit zu finden als zwischen den Ruten. Die braune Brille hatte er längst fein säuberlich in der Jackentasche verstaut. Hier brauchte er sie nicht mehr: Die Welt der Sehenden hatte ihn wieder.

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