Rumänien-Rundreise – das „Blau von Voroneţ“

 

Dies war meine erste große Reise in die Weiten des unbekannten Landes. Was hatte ich bisher davon gesehen? Was hatte ich bisher erlebt, was wirklich über den Erkenntnishorizont meiner ortsverbundenen Großmutter hinaus reichte? Nicht besonders viel! Etwas mehr als nichts! Neben einigen kleineren Exkursionen während der Hauptschulzeit nach Tomeşti in eine Glasfabrik, dann nach Haţeg zu den Auerochsen und Wisenten, den Bisons des Wilden Westens, und später in das fast schon legendäre Sarmisegetusa, noch vor Trajans und Hadrians Zeiten Hauptstadt der Geten und Daker, wo Burebista und Decebalus residiert hatten, war ich mehrfach in sogenannten „Pionierlagern“ gewesen, in Poeni Sat – eine schöne Zeit! Einen halben Monatslohn hatten meine Eltern für jenen Zweiwochenaufenthalt im Pfadfinder-Lager berappen müssen. Kein Pappenstiel. Doch ich bekam das Geld und verbrachte in jenen sanften Hügeln des Banater Berglands, umgeben von Klassenkameraden und Schülern gleichen Alters und Nationalität aus Sackelhausen und Temeschburg, angenehme Kindheitsstunden. Es war die Zeit frühamouröser Regungen und zarter Liebeleien. Dort hatten wir erstmals „im Reigen getanzt“, halb selig im Abendschein zu einer monotonen, fast einlullenden Melodie aus Tausendundeiner Nacht, nur tanzten wir alle „freiwillig“ – und in hoffnungsvoller Erwartung, eine jungfräuliche Nymphe würde einen von uns mit ihrem leichten Seidenschal einfangen, an sich ziehen und ihn dann zärtlich küssen. Die spätkindliche Zauberwelt der Romantik war seinerzeit noch intakt und fern jeder nationalen Diskriminierung und Frustration.

Später hatte ich mehrfach die niederen Höhen des Berglandes erkundet, die sich nördlich des Donaulaufes auftürmten, die natürlich romantische Gegend um „Wolfsberg“, jenem verschlafenen Bergdorf bei Reschitz, der grauen Hüttenstadt, wo die Habsburger im frühen 18. Jahrhundert Bergleute aus der „Zips“ angesiedelt hatten.

Selbst an einer größeren „Landesrundfahrt“ hatte ich schon teilgenommen, als fünfzehnjähriger Agronomiegymnasiast. Die „Turul României“, nicht mit dem Fahrrad, sondern mit dem Bus, rund um die Steinbuttform des Landes, zog sich einen ganzen Monat hin und vermittelte mir den ersten umfassenderen Eindruck von dem Land, in dem ich geboren war und in dem ich mich daheim fühlen sollte. Die Tour führte uns hinauf in die ferne Moldau, wo wir die berühmten Klöster besichtigten, einmalige Zeugnisse altorthodoxer Architektur. Wir sahen Suceviţa, Moldoviţa, Voroneţ – und das Blau von Voroneţ. Und wir bestaunten jenes einzigartige Blau der Welt, auf welches die Rumänen so stolz sind! Die Amerikaner hatten diese Klöster angeblich aufkaufen, Stein für Stein abbauen und dann nach Übersee abtransportieren wollen, hieß es. Und mit den Steinen das unersetzbare Blau von Voroneţ!

Jeder erlag seinem Zauber – und keiner kannte das Geheimnis seiner Mixtur! Ob es sonst wo auf der Welt noch ein vergleichbares Blau gab? Ein anderes Blau?

Vielleicht das Blau der Blauen Reiter? Oder das Blau des Lavendels in der Provence und das Blau des Himmels über der Toskana? Den Zauber um dieses Blau verstand ich nicht ganz, rätselte und suchte nach Erklärungen für dieses und andere mir begegnende Phänomene.

Wer, wie die Rumänen im real existierenden Sozialismus, von der weiten Welt abgeschnitten leben muss, betreibt gerne Nabelschau und spiegelt sich in einem konstruierten Selbst, ohne Möglichkeit, die eigenen Werte mit den kulturellen Leistungen anderer Nationen vergleichen zu können. Das Resultat ist eine unkritische und oft deplatzierte Selbstbeweihräucherung, die aus objektiver Sicht lächerlich wirkt. Was man selbst besitzt, ist großartig und einzigartig!

Womit hatte man uns nicht im Schulunterricht traktiert! Emil Racoviţa, der Begründer der Speologie! Ciprian Porumbescu – der geniale Komponist, der Schöpfer der Nationalhymne. Selbst Raketen- und Raumfahrt-Pionier Herrmann Oberth, der Lehrmeister Wernher von Brauns, ein Siebenbürger Sachse aus Mediasch mit rechtskonservativer Gesinnung, wurde vereinnahmt; schließlich war Oberth auf einer Scholle geboren, die jetzt zum rumänischen Staatsterritorium gehörte.

Als alte Nation in einem noch relativ jungen Nationalstaat, der erst seit 1877 besteht, waren viele Rumänen noch stark mit der „nationalen Identitätsfindung“ beschäftigt. Dementsprechend hatte sie manchen Komplex zu kompensieren, vor allem eine historische Entwicklungslosigkeit, die ohne Reformation, Humanismus und Aufklärung auskommen musste. Also waren sie nach eigener Auslegung die ältesten,  tapfersten und genialsten aller Europäer! Kein Wunder, dass aus ihren Reihen der große „Führer“ erwachsen sollte, eine Lichtgestalt, bei deren Anblick selbst die Sonne verblasste – und dass gerade dieser Führer mit dem „Blau von Voroneţ“ das kulturelle Erbe rettete, indem er den Verlockungen des Dollars widerstand. Mit einem gewissen Hang zur Übertreibung entwickelten selbst die „sozialistischen“ Rumänen eine unübertroffene Virtuosität in der Disziplin der Selbstbeweihräucherung, eine romanisch-byzantinisch geprägte Eigenheit, die den aufkommenden Führer- und Personenkult erst ermöglichte und die heute von den gleichen ewig-gestrigen Demagogen wie dem rechtsradikalen Antisemiten Tudor fortgesetzt und sogar noch erweitert wird. Schließlich galt es schon damals, die zivilisatorischen Entwicklungen von Jahrhunderten bei Überspringung der Renaissance und der Aufklärung in kurzer Zeit aufzuholen. Die Frucht der Überkompensation war nichts weniger als „nationaler Chauvinismus“, der sich aggressiv gegen die rivalisierenden Minderheiten richtete. All das sah ich im „Blau von Voroneţ“.

Weit oben in der Moldau kamen wir nach Piatra Neamţ – an den „Stein des Deutschen“. Es war ein alter Ort mit einer alten Bezeichnung – woher sie wohl kam? In neuerer Zeit, während des Ersten Weltkriegs, hatte Antonescu in diesem Gebiet noch „gegen die Deutschen“ gekämpft, Hitlers späterer alliierter Feldmarschall während des Russland-Feldzugs bis nach Stalingrad. Antonescu, neuerdings fast vollständig rehabilitiert und neuer Held vieler Rumänen, hatte die Deutschen angeblich in diesem Raum aufgehalten, genau bei „Mărăseşti“, wo es angeblich keinen Durchbruch geben durfte:

Pe aici nu se trece.“ – „Hier kommt keiner durch!“

So etwa entnahmen wir es dem rumänischen Geschichtelehrbuch in innerer Diskrepanz darüber, wie die Heldentaten aus den Schützengräben tatsächlich zu werten waren. Viel Heroismus war wohl in „Mărăseşti“ geboren …

Auch unser Geschichte-Lehrer kündete davon … in seinen Geschichten in Berufung auf alte Zeitzeugen – und eine billige Zigarettenmarke, die, ohne nachvollziehbaren Grund, nicht nur von unseren Dorfzigeunern, sondern scheinbar von allen Zigeunern im Land favorisiert wurde. Ein Kasemattenfeld wie bei Le Linge auch hier?! Blutgetränkte Erde?

Ein weiterer Heros der Weltgeschichte hatte auf diesem Schlachtfeld gekämpft, damals noch weniger bekannt und verehrt: Erwin Rommel – der Wüstenfuchs!

Der spätere Generalfeldmarschall, beliebtester Soldat im Dritten Reich und lange Zeit ein Favorit Hitlers, dann aber Widerstandkämpfer gegen die NS-Diktatur und potenzieller Hitler-Attentäter aus Überzeugung, ferner legendärer Wüstenkrieger, geschätztes Vorbild selbst bei Feinden, verdiente sich in diesen Gefilden die ersten Sporen.

Allerlei wilde Assoziationen schwirrten mir durch den Kopf. Der sicher sehr alte Name der Stadt gab mir einige Rätsel auf. Ob bereits vor vielen Jahrhunderten „Deutsche“ hier gewesen waren und siedlerische Spuren hinterlassen hatten? Die Ritter vom „Deutschen Orden“ vielleicht? Staunen erfasste mich damals … vieles war historisches Neuland mit ganz neuen Erkenntnissen.

Tage später drangen wir in das isolierte Land der „Szekler“ vor, in die mir bis dahin völlig unbekannte Heimatregion jener ungarischen Minderheit, die im Spätmittelalter noch als „eines“ der „drei Völker“ Siebenbürgens angesehen wurde, während den heutigen Herren im Land, den Rumänen, der Status als Volk damals noch verweigert wurde. Georgi Doscha, auch Dósza oder Doja war einer aus dem Stamm der Szekler, ein Rebell und Aufrührer aus dem Volk, der früh seinen Kampf für politische Freiheit ausgefochten hatte. Dafür war er vor den Toren meiner Geburtsstadt Temeschburg „aufs Rad gezogen“ worden war: ein Märtyrer des Freiheitskampfes, der zu allen Zeiten von herausragenden Individuen aller Völker ausgetragen wurde, auch er!

Wie oft hatte ich mir als Kind die Schreckensbilder auf dem alten Stich im Lehrbuch angesehen? Mit Grauen! Jetzt erinnerte ich mich daran … und sah mich um: Gab es noch Spuren, Hinweise? Doch nirgendwo war etwas zu erkennen, was an Dosza und den Bauernaufstand erinnert hätte. Alle Schilder und Aufschriften im Szeklerland waren dort in Ungarisch; und ich kam mir vor wie in einer baskischen Enklave. Auf der Weiterfahrt bei Oneşti und Borzeşti kamen wir an einigen Arbeitslagern vorbei, wo politische Häftlinge und Verfolgte des Stalinismus früher einen großen Chemiekomplex aus dem Boden gestampft hatten. Doch davon ahnte ich damals noch nichts. Es ging quer durch das nördliche Siebenbürgen und hinein in die Maramureş- Gegend, wo fast alle Häuser schöne Holztore haben und die Töpfe auf den Zaunpfählen stecken; nicht als makabre Erinnerung an Vlad den Pfähler, sondern um den Menschen draußen vor der Tür den Grad des Wohlstands zu signalisieren.

Dort oben irgendwo in intakter Natur und unter weitgehend natürlichen und ideologisch unverfälschten Menschen sahen wir einen Friedhof mit lustigen Grabsprüchen, die daran erinnerten, wie schön das Leben doch sein kann, wenn man es heiter und mit Humor angeht … und dass „die Freude des kleinen Mannes“ schon durch zwei elementare Triebe bestimmt wird, die leicht zu befriedigen sind. Danach ging es in die von Ungarn abgetrennten Gegenden um Großwardein und Klausenburg, zu den heißen Quellen nach „Felix“, wo wir in die zahmen Fluten stiegen und schließlich hinein in das pittoreske Siebenbürgen, in die Welt der alten Wehrkirchen und intakten Gadenburgen, die ich bis dahin nur von Bildern kannte.

Wir sahen dort zwar keine berüchtigte Dracula-Burg und keinen melancholischen Nosferatu in einer eigenen „Symphonie des Grauens“; doch immerhin sahen wir noch etwas vom achthundertjährigen Schäßburg, noch bevor ein verrückt gewordener Diktator Ceauşescu den alten Stadtkern mit dem Stundenuhrturm und dem angeblichen Geburtshaus des „Pfählers“ dem Schleifen und Niederreißen preisgab:

Ceterum censeo … Segesvar esse delendam!

Auch die historischen Deutschordensgründungen Kronstadt mit der Schwarzen Kirche und Hermannstadt, Zentren einer achthundertjährigen deutschen Kultur im Herzland der Siebenbürger Sachsen, bekamen wir zu Gesicht; auch etwas von dem montanen Urlaubsparadies Poiana Braşov, wo sich später unerhörte Wolkenkuckucksheimgeschichten ereignen sollten, sowie die Königsresidenz Sinaia.

Das Land war wirklich schön und faszinierte dank der wechselvollen Geschichte und der Erhabenheit gewaltiger Natur. Ein Foto erinnert mich noch daran, dass wir auf der ausgedehnten Rundfahrt selbst der Dichtung gedachten und am Grabmahl „Octavian Gogas“ verschnauften. Das Vaterland hatte dem rechtskonservativen Lyriker, der zeitweise Ministerpräsident Rumäniens war, ein wahres Monument errichtet, ein Denkmal, wie es ein Lenau oder ein Heine nie erhalten hatten und einige seiner Verse in Stein gemeißelt, wohl als Huldigung für seine nationale Gesinnung und seine heimatliche Erdverbundenheit.

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