Reflexionen

 

Es war eine prägende Rundreise, in welcher mir zahlreiche nationale Kulturgüter und Besonderheiten Rumäniens in geballter Form präsentiert worden waren; eine Ausfahrt mit vielen Stationen und Eindrücken den Karpatenkranz entlang, die mir auch zeigte, wie unverfälscht und schön dieses von der Natur großzügig ausgestattete Land immer noch war und wie vielfältig das Leben an den unterschiedlichsten Orten im eigenen Takt pulsierte. Eigentlich gab es keinen Grund, ihm endgültig den Rücken zu kehren und anderswo sein Glück zu versuchen, … wenn, da nicht die „unseligen Kommunisten am Ruder wären“, wie manch einer zu jammern pflegte, sich das Elend von der Seele redend. Was würde aus dem harmonischen Siebenbürgen werden, wenn alle Sachsen auf einmal ausreisten? Und was aus dem Banat ohne die fleißigen Schwaben. Gedanken kreisten.

Von der Hauptstadt Bukarest hatte ich noch nichts gesehen – auch das Schwarze Meer, an dessen Ufern bereits Ovid geweint und getrauert hatte, war mir noch fremd wie das vom Strom geformte Naturdenkmal, das Donaudelta. Viel hatte ich gesehen auf der Rundreise; trotzdem blieben oft nur flüchtige Eindrücke zurück, vom Land wie von seinen Leuten. Das alles und noch einiges mehr ging mir durch den Kopf, als der Zug durch die eintönige Landschaft raste. Bis ich gen Bukarest kam, bot sich dann noch vielfache Gelegenheit, zurückzublenden, und das vor Jahren Erlebte noch einmal Revue passieren zu lassen, es erneut zu überdenken, Fakten, Mythen, Vorurteile, zu werten, Bilanz zu ziehen bis hin zur aktuellen Situation.

Die Donau kam in Sicht und bald darauf das „Eiserne Tor“: Der Strom erzeugte hier anderen Strom, bevor er nach der Zähmung am Staudamm wieder kräftig dahin floss zum Meer, um sich dann irgendwann im ewigen Ozean zu ergießen. Konnte man auch „gegen diesen Strom schwimmen“?

Als Fisch?

Als Mensch?

Das freie Ufer im ebenfalls „sozialistischen“ Jugoslawien schien nur einen Steinwurf entfernt. Freiheitssehnsucht kam auf wie früher schon in Sackelhausen, wenn die kleinen Personenkraftwagen aus Serbien zu Hunderten an mir vorbei sausten. Sie alle hatten „freie Fahrt als freie Bürger“ – nur ich war immer noch eingesperrt wie ein Stück Vieh im Stall an der Kette und musste ausharren, abwarten, bis sich vielleicht eine Tür auftat!? Nach dem magischen Schlüssel, um sie selbst zu öffnen, suchte ich noch, beginnend mit dieser Fahrt. Sollte er nicht bald gefunden werden, musste ein Dietrich her – oder gar die Brechstange.

Wieder schweiften die Gedanken ab, jenseits der Grenzmarkierungen an der großen Brücke, zur freien Seite hin. Der greise Partisanenführer Marschall Tito lebte noch und hielt seine so verschiedenen Völker in einem Staat zusammen. Doch im Inneren des Kessels brodelte es bereits mächtig. Würde es ihm gelingen, den Deckel auf dem Sud zu halten, würde er mit Druck die glühende Lava bannen, die nach befreiender Explosion trachtete? Die nicht mehr zu verleugnenden Probleme des Vielvölkerstaates Jugoslawien verwiesen das große Völkergefängnis dahinter, auf die Sowjetunion mit ähnlichen politischen Entwicklungen. Auch dort strebten die lange mit Macht und Terror zusammengehaltenen Völker nach einem Leben in eigenen, souveränen Staaten. Das Reich der Habsburger war an der Vielvölkerstruktur zerbrochen. Bedrohten jetzt verwandte Konstellationen das Imperium Titos und Breschnews? Gerne hätte ich auch den Osten bereist, Moskau gesehen, selbst das Leninmausoleum, das nur verdienten Parteigängern als Bonus für besondere Leistungen winkte. Keine Chance! Im Reisebüro ONT hatte man abgewinkt, nachdem meine „ungesunde nationale Herkunft“ höchst offiziell attestiert worden war. Jetzt machte ich mir so meine Gedanken …

Wie lebte man eigentlich in der wuchtigsten Bastei der Kommunisten, in der glorreichen Sowjetunion? „Der Spiegel“ aus Hamburg druckte gerade die Serie „So leben die Russen“; amüsant zum Lesen, informativ, doch „nur“ für westdeutsche Leser gemacht. Eigentlich nicht viel Neues unter der Sonne …

Wie ging es den Bulgaren jenseits des Stromes unter dem biederen Schivkov, der stets loyal zu Moskau stand? Sicher nicht viel besser als den Gulasch-Kommunisten in der angeblich „lustigsten Baracke der Ostblocks“ Ungarn, den Tschechen und Slowaken und den Polen?

Nur die Völker Jugoslawiens waren noch relativ frei. Ich hingegen saß mit anderen zwanzig Millionen Menschen in einem abgeschotteten Land fest, um dessen Gaukelwelt ein engmaschiger Stacheldrahtzaun aufgezogen worden war und dessen Grenzen nach innen hin gesichert werden mussten. Die Glückseligkeit der Sklaven im Innern musste gegen Heimsuchungen von außen geschützt werden. Noch war ich Bürger eines Staates, der seit jener verhängnisvollen Reise Ceauşescus nach seiner Chinareise im Jahr 1971 wieder dabei war, in die finstere Zeit des Stalinismus zurückzufallen und – gelenkt von einem kurzsichtigen wie dilettantischen Despoten – zur Diktatur zu verkommen. Über Enver Hoxha und sein abgeschottetes „Albanien“ pflegten wir zu schmunzeln, wenn die „Stimme Tiranas“ – das war nicht Ismail Kadare, sondern der offizielle Radiosender – sich immer wieder mit Washington und Moskau zugleich anlegte und ideologisch verbohrt nur noch das kommunistische Modell Maos als Weltbefreiungsmuster gelten ließ! Doch inzwischen waren die Rumänen selbst auf dem Weg in die „Albanisierung“ – und kaum einer merkte etwas davon.

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