Nichts wie weg! – „Gehen wir oder bleiben wir“?

 

Inzwischen war ich siebzehn Jahre alt und fest entschlossen, das Machtsystem des Staates herauszufordern; denn intuitiv fühlte ich, dass mir in dem heuchlerischen, pseudosozialistischen Land keine rechte Zukunft beschieden sein kann. Nachdem ich schon in früheren Jahren zur Schlussfolgerung gekommen war, über das Tun meiner Eltern, dass eher ein ohnmächtiges Nichthandeln war, werde wohl kaum eine baldige Ausreise möglich werden, beschloss ich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und das legale Verlassen des Landes zu betreiben, auf meine Weise. Doch ich stand ziemlich allein da, ohne konkrete Vorstellungen, wie ich vorgehen, was ich unternehmen und was ich doch lieber lassen sollte. Weder hatte ich ein schlüssiges Konzept, noch echte Verbündete, die mir irgendwie mit Rat und Tat beistehen konnten. Selbst meine Jugendfreunde aus dem engeren Kreis der Vertrauten, mit denen ich all die Jahre der Kindheit und frühen Jugend verbracht hatte, die ähnlich dachten und fühlten wie ich und verwandte Ziele verfolgten, kamen für radikalere Aktionen, die ich bald für notwendig erachtete, nicht infrage. Wie aus ihren späteren Bewertungen deutlich wurde, waren die meisten aus dem Kreis der Kameraden doch weitgehend unpolitisch und wohl auch weniger entschlossen.

Nachdem ich – wie andere Ausreisewillige – jene regulären Audienzen am „Securitate-“ Sitz erfolglos hinter mich gebracht hatte, ohne ernst genommen zu werden, reifte in mir der Entschluss heran, eine erste Sondierungsreise in die Landeshauptstadt Bukarest anzutreten. Zunächst wollte ich zur Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, um vielleicht danach noch im Innenministerium anzuklopfen. Waren solche Aktivitäten notwendig, um die Sache auf Trab zu bringen und dem Ausreisewunsch Nachdruck zu verleihen? Konnte so die Aufmerksamkeit der für Ausreisen zuständigen Behörden auf meinen Fall gelenkt werden, der dann aus der großen Anonymität tausender Einzelanträge heraus treten und bald in meinem Sinne entschieden würde? Solches reimte ich mir damals so zusammen, weil es sinnvoll erschien. Wer nichts unternahm, wer nur in der Warteschlange am Passamt Tage, Wochen und Monate herumstand, ohne etwas zu bewegen, ohne Gehör zu finden, der hatte schon verloren. Ungeduldig, wie ich immer schon war, hatte ich es sehr eilig, die freie Welt zu erreichen. In der grauen Welt des sozialistischen Alltags alt werden, um irgendwann schließlich selbst zur grauen Maus zu verkümmern, das wollte ich nicht. Die negativen Erfahrungen mit dem Schulsystem, mit einer selbstherrlichen Partei und erste Berührungen mit der höchst bedrohlich wirkenden Geheimpolizei „Securitate“ hatten ein zunehmend mächtiger werdendes Grundgefühl heraufbeschworen, das in einem Satz auf den Punkt gebracht werden konnte:

Nichts wie weg!

Die existenzielle Grundsatzfrage „gehen wir oder bleiben wir“, die sich Menschen aus meinem Umfeld stellten, für die die Welt noch in Ordnung war, stellte sich mir so nicht mehr. Ein freiwilliges „Bleiben“ schied aus, weil das nur „mit dem Staat“ möglich war, nicht aber gegen den Staat. Wer sich zur „sozialistischen Republik“ bekannte und blieb, der hatte sich bereits mit dem System arrangiert. Wer hingegen nicht mit den Kommunisten paktierte, aber trotzdem blieb oder bleiben musste, der landete früher oder später in der Opposition, im Widerstand und bald darauf im Gefängnis. Das war absehbar.

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