Nachspiel und Folgen

 

Tage später trug ich das gleiche Flaggengewand beim Faschingsumzug in Sackelhausen, als wir mit einem Vierspänner durchs Dorf jagten, um die Mädchen zu beehren, und – als besondere Unart, die uns damals witzig erschien, mit unseren schmutzigen Gummistiefeln ihre pedantisch sauber gehaltenen Stuben zu verunreinigen. Auf dem Dorf verhallten meine Signale und Absichten nahezu ganz. Zwar gab es neugierige Fragen; doch verstanden wurde ich nicht. Mein bunter Umhang wirkte nicht anders als das Narrenkleid eines Eulenspiegel; und der Auftritt selbst wie eine spontane Spaßaktion ohne tiefere Bedeutung.

Wen hätte ich auch provozieren sollen im vertrauten Dorf, wo uns niemand beäugte? Den rumänischen Parteisekretär, den Kulturdirektor, den Milizoffizier, alles Angepasste, die zum Teil deutsche Frauen geheiratet und sich mit den Deutschen im Dorf längs arrangiert hatten? Der Effekt verpuffte. Betrübt war ich deshalb nicht, denn mein Hauptziel war längst erreicht.

Auch meine Intention, die etwas stiefmütterlich in den Hintergrund gedrängte, schlecht gepflegte Geschichte wachzurufen und an die identitätsstimulierende Tatsache zu erinnern, dass die frühe Besiedlung Siebenbürgens und die Städtegründungen Herrmannstadt, Kronstadt sowie die Erstellung zahlreicher Gadenburgen und Wehrkirchen in jener Region auf das Wirken des Deutschen Ordens ab 1250 zurückzuführen waren, verlief im Sand. Mit tauben Ohren tumber Toren lebte es sich besser als mit kritischer Geschichtsdeutung.

Zu jenem Zeitpunkt ahnte ich allerdings noch nichts davon, dass ich später im Leben einmal lange Jahre des eigenen Historikerdaseins an einer verwandten historischen Stätte verleben würde, in Bad Mergentheim an der Tauber, in einer alten Residenzstadt, die nahezu dreihundert Jahre bis zur Säkularisation der Mittelpunkt des Deutschen Ordens in Europa sein sollte.

Mein provozierendes Auftreten war nicht nur Öffentlichkeitsarbeit im Sozialismus in eigener Sache, sondern ein weiteres Element von vielen auf der Suche nach der eigenen Identität, die im Grunde eine tiefere Suche nach der Eigentlichkeit und dem Selbst ist.

Wer war ich wirklich? Eine Dauerfrage, die sich nicht nur der Philosoph immer wieder stellen sollte. Ich hatte zunächst eine Position eingenommen, um die eigentliche überhaupt erst herauszufinden und festzumachen, für mich. Die Geheimpolizei „Securitate“, die dank Zuträger aller Art über nahezu alles informiert war, was sich gesellschaftlich ereignete, war wesentlich hellhöriger und sensibilisierter als meine trägen Landsleute.

Schon am Folgetag erwarteten mich die vermutlich umgehend von Zuträgern alarmierten Sicherheitsoffiziere im Gymnasium. Die Aktion rief erneut die beiden „Securitate-“ Spezialisten auf den Plan, deren Bekanntschaft ich bereits hatte machen müssen, Hauptmann Petre Pele und Major Rudolph Köpe – die verhörende Schlange mit dem schmalen Pockennarbengesicht und das träge Krokodil, drein blickend wie gutmütige Mongoloide.

Spontan sollte ich eine Stellungnahme abgeben und den sonderbaren Aufzug, den beide wenig witzig fanden, rechtfertigen – darüber hinaus den frivolen Spruch auf dem Rücken, der doch nur dem kranken Gehirn eines „faschistischen Deutschen“ entsprungen sein konnte. War ich ein Agent provocateur aus eigenem Antrieb oder gar einer in „fremder Mission“? Ein Handlager des imperialistischen Westens und des Kapitalismus? Einer der den Sozialismus unterwandern und destabilisieren wollte, bevor er noch gefestigt war? Ein Verführer und Nestbeschmutzer?

Oder ganz offensichtlich ein „böser Deutscher“, ein junger Nazispross aus der Zucht der ewig-gestrigen, unbelehrbaren Altnazis, auf deren Beobachtung und Verfolgung sich gerade Pele und Köppe spezialisiert hatten?

Arglosigkeit vortäuschend, markierte ich den politisch Naiven, der die Tragweite der Situation vollkommen verkannt hätte. Meine schauspielerischen Fähigkeiten zahlten sich nun erstmals aus – ich überzeugte, wenigstens bis zu einem gewissen Grad.

Der Rektor des Lenaulyzeums, Direktor Erich Pfaff wurde ebenfalls zur Rede gestellt. Nach einigem Hin und Her gelang es dem Schulleiter, der auf seine Weise nicht nur ein Mann des Systems, sondern irgendwo auch ein „deutscher Patriot“ war, in die gleiche Kerbe schlagend, die Situation kurzfristig zu entschärfen, das Ganze niederzuspielen und alles als einen unüberlegten Dummen-Jungen-Streich abzutun. Die beiden Geheimpolizisten gaben sich vorerst zufrieden; vielleicht nur deshalb, weil solch eine Protestaktion, die Nachahmer finden konnte, nicht an die große Glocke gehängt werden sollte. Zu viele Augenzeugen hatten die Show verfolgt. Vermutlich konnte man auch nicht alle Provokateure dieser Art gleich auf einmal einsperren. Also Schwamm drüber! Es blieb noch bei Verbalismen. Nach einem eindringlichen Gespräch und einem resoluten „Zur-Räson-Rufen“, wurde ich nochmals ernsthaft verwarnt, mit dem Hinweis, bei wiederholtem Ungehorsam werde man mich für immer von allen höheren Bildungsmöglichkeiten des Staates abschneiden und für alle Zeiten fern zu halten wissen. Auf mich warteten dann nur noch die Schaufel und der Steinbruch! Den expliziten Vorwurf, ich würde gezielt und im Interesse ausländischer Mächte antisozialistische Propaganda betreiben, hörte ich damals nicht – noch nicht.

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