Jedem das Seine – von Menschheitsverbrechern und moderner Tyrannis

 

Es war unmöglich zur Ruhe zu kommen. Die Emotionen waren immer noch heiß. Aufgewühlt wendete ich das Haupt und blickte zum Eingang hin. Der Henkersknecht stand wieder seelenruhig an seinem Platz wie eine bewegliche Wachsfigur und hantierte herum, so als ob die Welt aufs Beste eingerichtet wäre. Das Böse war ein Teil der Schöpfung – der perfekten Schöpfung? Und die Bösen würden letztendlich auch gerettet werden- vielleicht hatte er davon gehört, der Teufel? Die Inquisition hatte vieles nicht viel anders interpretiert.

Der Kerl hatte die Ruhe des Verbrechers. Es war die Ruhe Stalins, der gelassen zur Flinte griff, sie auf die Genossen im Plenum richtete, um sie bald darauf wirklich abzuschießen; die Ruhe, um Striche auf Landkarten zu ziehen, die Millionen Schicksale besiegelten und um Nullen an vorgegebene Todeslisten anzufügen. Der Machtmissbrauch beginnt ganz unten und steigt hoch bis in die Schreibstuben der Menschheitsverbrecher, wo er kulminiert. Dieser Kerl wies die dunkle Gesichtsfarbe des Georgiers auf – ein Indiz?

„Weiße Leute sind gute Leute! Schwarze Leute sind schlechte Leute!“

hatte mir eine schlichte Frau aus der Sowjetunion einst erklärt, eine, die selbst weiße Haut hatte, als ich nach dem Wesen der Tschetschenen und anderer Kaukasusvölker fragte. Der Unmensch vor mir, dessen Nationalität ich ebenso wenig kannte wie seinen Namen, war also auch nicht gut, obwohl er kein „schwarzer Zigeuner“ war. Zigeuner, freie Menschen, verabscheuten Autoritäten und den Staat. Was wohl aus Janosch geworden war, dem hellsichtigen Blinden und den kleinen Hetären?

Die Stunden zogen sich träge bis zum Morgen hin, ohne dass ich schlafen konnte. Todmüde war ich wohl, doch aufgekratzt und von Hitzewallungen bestimmt. Die Pein hielt wach, die psychische noch mehr als die physische. Das Adrenalin wirkte fort. Die Aufregung war allgegenwärtig – und das gerade erst Geschehene ließ sich nicht so schnell verdrängen. Der Puls raste immer noch. Und das Blut kochte in den Schläfen. In einem Ohr blubberte es, im anderen zischte es. Einige Stellen an Armen und Beinen hatten sich schon grünblau verfärbt. Jeder Knochen schien gebrochen. Alles schmerzte bei der geringsten Bewegung. Ich glich wohl einem Wrack, geschunden und zerzaust? Doch Hauptsache, ich hatte überlebt.

Wie ich wohl aussah? Bestimmt wie ein Huhn nach der Mauser! Ein Auge war geschwollen, die Lippen ebenso. Auf der Zunge schmeckte ich altes Blut und Bitterkeit. Was würden die Leute auf der Straße sagen, wenn ich so grün und blau geschlagen daher kam – mit einem Veilchen über der Wange wie Besoffener und Raufbold? Die Eltern? Die Freunde? Konnte ich so nach Sackelhausen zurück, wo jeder jeden kannte und jeder jeden taxierte? Solche Fragen kreisten … wie Geier um die Beute – und sie kam zurück, die ewige Wiederkunft des Gleichen, der unselige Bolero als Trauma!

Das schwarze Untier hatte mir einfach die Haare weggeschnitten, mir die Würde genommen! Einen Menschenwert, der dem Henkersknecht fremd war.

„Würde“, was ist das?

Er war in meine Intimsphäre eingedrungen – die längeren Haare, die waren Teil meiner „Identität“. Mein Aussehen, das war meine „jugendliche Individualität“, die meine existenzielle Haltung kennzeichnete, für mich – und als Absetzung gegenüber der Gesellschaft. Diese eigene Haltung glaubte er zerstören zu müssen, weil sie offiziell verpönt war, das war so der Brauch im Sozialismus. Nicht aus tieferer Einsicht, um Werte zu zerstören oder einen individuellen Charakter; sondern nur so, weil die Vorgesetzten es ihm so vorgemacht und so beigebracht hatten.

Wer im Kastenwagen antransportiert wurde, ganz egal ob im Nadelstreifenanzug oder im Blaumann, der war Freiwild, stigmatisiert und zum Abschuss freigegeben.

Potenzielle Kriminelle waren echte „Untermenschen“, noch vor der Gerichtsverhandlung, Aussätzige, Ausgestoßene, die nicht mehr zur Kategorie der „sozialistischen“ Wesen gerechnet wurden. Dementsprechend menschenverachtend und zynisch ging die niedere Exekutive mit diesen „Parasiten“ um; und dies in entfernter Berufung auf Marx, Engels, Lenin – ja selbst noch auf Stalin, dessen Verbrechen seit Chruschtschows Enthüllungen öffentlich waren: suum cuique! Jedem das Seine!

Marx hatte das Wort genauso zynisch zitiert wie die Nazis – und nach ihnen die Kommunisten im real existierenden Sozialismus. Konnte ich in diesem Staat weiter leben? Ein Indianer hätte gejammert und die verlorene Medizin beklagt. Was konnte ich tun? Nichts! Abwarten und der Dinge harren, die da noch kommen sollten, fatalistisch ins Schicksal ergeben – und doch frei?

Der Ernst des Lebens hatte begonnen – das fühlte ich. Nichts war mehr so wie vorher. Ich lebte in einer Tyrannis, in einer Diktatur – und es war meine Bürgerpflicht, diesen Unrechtsstaat zu bekämpfen und die Akteure der Macht zu Fall zu bringen, bis hin zu ihren Helfern und Helfershelfern, die als ganz normale biedere Leute und vermeintliche Intellektuelle mitten unter uns waren.

Irgendwann war dann die Nacht vorbei, ohne dass ich ein Auge geschlossen hätte. Der Nacken war immer noch steif, die Rückenmuskeln brannten, alle Knochen im Leib schmerzten. Vor Müdigkeit konnte ich kaum noch etwas sehen. Seit Ewigkeiten hatte ich nichts mehr gegessen oder getrunken. Seit weit mehr als vierundzwanzig Stunden. Das Blut wurde inzwischen dick – und die Gedanken konfus.

Gegen sieben Uhr am Morgen nahte dann die „Erlösung“. Zwei junge Leutnants des Geheimdienstes von nebenan tauchten auf und beendeten die Folternacht auf der Holzbank, indem sie mich auf die andere Seite des Polizeigebäudes geleiten, wo das eigentliche Verhör noch bevorstand. Stunden vergingen, ohne dass sich etwas bewegte. Wieder saß ich in einem kalten Zimmer wartend, mit rotem Kopf, in den Adern nur Hormone. Schließlich kamen die Eleven der „Securitate“ zurück und führten mich quer durch den Innenhof des mehreckigen Betonklotzes in einen unterirdischen Zellentrakt, wo zahlreiche Untersuchungshäftlinge untergebracht waren. Solche und solche. Das war der Auftakt zu einem Vorgang, der schon bald rituellen Charakter haben sollte. Nach einigen Formalitäten an der Eingangspforte des Kellers, zu den neben einem „Striptease-Akt“ auch noch das „Klavierspielen“ gehörte, die unverzichtbare Abnahme von Fingerabdrücken verbrachte man mich in eine kleine Untersuchungshaftzelle am Ende des Korridors. Als die Tür hinter mir krachend zuschnappte, wurde mir bewusst, dass ich jetzt in einer Falle saß, aus der es vorerst kein Entrinnen geben würde. Nach Tagen der Ablenkung war ich wieder allein, endlich ganz allein.

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