Hungerstreik“ und „ziviler Ungehorsam“ – im Ministerium

Je näher ich dem Regierungsbezirk kam, desto konfuser wurde meine Gefühlslage. Es rumorte im Bauch. Unangenehm – und eher unkontrolliert mulmig wie ein Gemisch aus Angst und Verwegenheit. Während Verstand und Vernunft pausierten, regierten nunmehr die Hormone, fremde Kategorien des Unbewussten wie des Irrationalen; sie bestimmten die Selbstregulierungsmechanismen des Bewusstseins und des Gehirns. Jung und unerfahren stolperte ich durch die Gegend mit einem Ziel zwar, doch allein in der großen, fremden Stadt. Bald hatte ich das Ministerialgebäude entdeckt – es war in der Tat wie vermutet grau und abweisend. Eine Schlangengrube, ein Vipern- und Natternnest? Und trotzdem zog es mich hinein? Verrückt war das – und etwas verzweifelt!? Über die Schwelle treten hieß, eintreten in eine bedrohliche Welt der Uniformen, der Geheimpolizei und Geheimdienste, wo es schnell brenzlig werden konnte – existenziell brisant, ja tödlich! Weshalb wagte ich den Harakiri-Akt? Aus Lust an der Selbstzerstörung, einem blinden Thanatos-Trieb gehorchend wie Lemminge oder Lachse nach dem Laichen? Nur, weil ich die Statik einer Misthaufenexistenz nicht mehr ertragen konnte? Etwas trieb mich an, ein tief verinnerlichtes Gefühl für Freiheit vielleicht, der Versuch, zu handeln, etwas zu wagen, das Unmögliche herauszufordern? Oder war es doch nur schlichte Vermessenheit, die sich aus jugendlichem Elan und grenzenloser Naivität speiste? Das eigentliche Wagnis der Konfrontation mit dem System, der Zweck meiner Reise, stand jetzt unmittelbar bevor. Mit der Besinnung auf das unerfreulich Anstehende schlichen unmerklich seelische Nöte hoch, nicht eingeplante Befürchtungen und Sorgen, die bald in mir ein undefinierbares Gefühl von Unsicherheit auslösten, das sich zu unbestimmter Angst steigerte. Würde ich überhaupt in der Lage sein, mein Anliegen klar und deutlich zu formulieren, zudem noch in der mir nicht ganz vertrauten rumänischen Hochsprache – und dies im Angesicht einer kalten und vermutlich feindseligen Behörde? Die kühlen Funktionsträger der Macht waren wohl alle gleich? Oder gab es auch Menschen unter ihnen?

„Wer sucht, der findet“!

Die fromme Bibelweisheit hatte ich mir immer wieder eingeredet; vor der Abreise, nachdem der verwegene Plan beschlossen war, um dann hinzufügen

Wer anklopft, dem wird aufgetan.“

Das war mein Gottvertrauen. Jetzt galt es, die Stichhaltigkeit dieser „Maximen von der Kanzel“ im Leben zu überprüfen, in der sozialistischen Wirklichkeit. Also wiederholte ich die Bibelworte, an deren Wahrheit ich glaubte, redete mir Mut ein und versuchte die Botschaft umzusetzen, indem ich vorwärtsschritt. Den Mutigen gehörte doch die Welt? Dabei fühlte ich mich zunehmend unsicherer und schlechter – wie der Recke vor einer Entscheidungsschlacht, deren Ausgang ungewiss ist, die aber unbedingt geschlagen werden muss. Im Moment kam es darauf an, alles Irrationale zurückzudrängen und den klaren Verstand walten zu lassen. Also nahm ich mich innerlich zusammen und bündelte alle mentalen Kräfte auf ein Ziel hin. Furcht und Angst sollten mich nicht hemmen oder gar abhalten. Wieder wollte ich mich trauen – wie damals in der Kindheit, als ich wagemutig die versteckte Schokolade vom finsteren Dachboden herunterholte, nur um zu beweisen, dass ich ohne Furcht war. Damals winkte süßer Lohn. Welcher Preis erwartete mich heute? Angst, Furcht, Beklemmung hielten die Bürger von Kritik und Taten ab und sicherten so die Macht der Mächtigen. Was hatte ich konkret vor? Beschweren wollte ich mich zunächst über die Untätigkeit der Provinzbeamten im Passamt; ferner Druck machen, um dann über die signalisierte Aktivität mein Ausreiseverfahren zu beschleunigen! Wenn Bukarest nachhakte, dann spurten die Funktionäre in Temeschburg. Statt einsam zum Himmel zu streben mit dem Risiko, auf dem Weg zum Elysium aber von den Heiligen aufgefressen zu werden, wie eine es rumänische Redewendung zu verkünden wusste, wollte ich die Götter gleich für mich arbeiten lassen, um alsbald Bewegung in die Sache zu bringen, die sonst auf Ewigkeiten unerledigt geblieben wäre. Doch selbst die hehren Gottheiten im Atheistenstaat mussten erst auf die Umlaufbahn gebracht werden – hier und jetzt!

Im Falle anhaltender Untätigkeit wollte ich alle mir zur Verfügung stehenden Mittel des „zivilen Ungehorsams“ und „Protests“ ausschöpfen – bis hin zum erklärten „Hungerstreik“. Diese Konsequenzen hatte ich in einem vorformulierten Schreiben angedroht, eine Art „Petition“, die ich bei einer eventuellen Abweisung auszuhändigen gedachte. Dabei war gezielt jenes Reizwort eingestreut worden, das die Mächtigen mehr ärgerte und reizte als das „rote Tuch“ den schnaubenden Minotaurus in der Arena. Es kam wie befürchtet. Mein Audienzersuchen wurde barsch abgewiesen:

„Dort ist die Tür, Bursche, hau ab, sonst …“

Als ich dann dem diensthabenden Leutnant an der Pforte die knappe „Petition“ vorlegte mit der Bemerkung, ich werde erst das Innenministerium verlassen, wenn eine konkrete Antwort erfolgt sei, warf er einen Blick auf das handgeschriebene Memorandum und entdeckte schnell die auffällig platzierte „Erklärung des Hungerstreiks“ aus Protest. Diese Ankündigung änderte die Situation schlagartig. Mich vorwurfsvoll musternd, griff er gleich zum Telefon und zitierte Verstärkung herbei. Wurde ich nun doch noch angehört oder gleich abgeführt? Keiner hätte je erfahren, was aus mir geworden wäre, wenn man mich in einem finsteren Keller geworfen oder gleich zu Tode geprügelt hätte. Der Trip war geheim und mit keinem Vertrauten abgesprochen, schon gar nicht mit den biederen Eltern, die für einen Aktionismus dieser keinen Sinn hatten.

Ein nach wenigen Augenblicken hinzukommender Major legte mir nahe, ihm unverzüglich in einen Besprechungsraum zu folgen, im militärischen Kommando-Ton, unfreundlich bestimmt. Es war das Büro eines höheren Ministerialbeamten, der bald darauf selbst erschien, auch er unwirsch grimmig, übel gelaunt, so als käme da ein ungebetener Gast, um gewisse Kreise zu stören. Der Empfang erinnerte mich stark an die wenig einladenden Blicke des Genossen in der heimatlichen Parteizentrale. War allen kommunistischen Funktionsträgern eine Laus über die Leber gelaufen? Lange konnte ich darüber nicht nachdenken, denn die Vorwürfe hallten bereits durch den Raum:

„Was, zum Teufel, Knabe, führt dich von Temeschburg hierher, in das Innenministerium der Republik?“

So etwa schnauzte mich der Zivilist an. Vermutlich war er ein Funktionär des Innern, ein Mann der Partei oder gar ein Mitarbeiter des gefürchteten Geheimdienstes „Securitate“? Schwer zu erraten! Alle Dienste waren hier zu Hause – in großer Personalunion mit der Partei. Name und berufliche Stellung des Beamten sollte ich auch nie erfahren. Typisch, denn so entzog man sich der unmittelbaren Verantwortung bei möglichem Versagen.

„Ausreisen will ich – und zwar zusammen mit meinen Eltern! Wir bemühen uns schon seit Jahren im Rahmen der legalen Familienzusammenführung um eine Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland, finden aber bei den zuständigen Stellen in Temeschburg weder Gehör noch Beachtung“, stammelte ich hervor.

Meine Stimme zitterte, fast heiser klingend. Da hatte ich mir etwas eingebrockt. Emotionen kamen plötzlich hoch, Hitzewallungen. Nervös geworden, hatte ich etwas Mühe, die richtigen Sachbegriffe grammatikalisch korrekt aneinanderzureihen. Schließlich wollte ich mich besonders gewählt ausdrücken, ganz im Duktus der juristisch verbrämten Verwaltungssprache, um mich auf diese Weise vom ungebildeten Bauernlümmel vom Land abzuheben. Was ich mir vorher ausgedacht und mental zurechtgelegt hatte, drängte nun als Schwall hervor – wie bei einem gut eingeübten Bühnenstück oder von der Filmrolle. Die Worte entluden sich eruptiv und unkontrolliert über dem zunehmend erstaunter dreinblickenden Funktionär, im Raum verströmend – fast so unbändig wie lodernd heiße Lava beim ausbrechenden Vulkan, nur nicht ganz so heiß. Es redete aus mir heraus, ohne dass ich allem hätte folgen können, was ich sagte. Da ich in Wirklichkeit aber nur ein geschwollenes Sprachkonglomerat herausbrachte, verkrampfte ich wieder und verfiel schließlich in unkontrolliertes Stottern. Die Gedanken liefen der sprachlichen Artikulation voraus und davon, während ein begossener Pudel zurückblieb.

Nachdem ich mein Anliegen mehr wild als überzeugend vorgetragen hatte, ohne dabei auf die erpresserisch anmutende Ankündigung eines Hungerstreiks zu verzichten, stoppte der Beamte die Tirade, indem er mit einem jähen Aufschrei dazwischen fuhr – fast wie bei der Partei.

Dazwischen fahren, ins Wort fallen, das hatte Methode in der Auseinandersetzung mit Andersdenkenden! Richter Freisler vom Volksgerichtshof der Nazis hatte es den Roten vorgemacht, wie Systemgegner niedergeschrien werden sollten. Und die Kommunisten waren gelehrige Schüler in Sachen Unterdrückung. Also schlug der Parteifunktionär verbal zurück, mit Macht, mich mit einer Kanonade wüster Beschimpfungen überrollend, verheerend wie eine Steinlawine in den Bergen.

„Bürschchen!“ wetterte der Funktionär,

„Noch bist du nicht in der Lage, die Zunge korrekt im Mund zu bewegen – und schon juckt es dich, einen Hungerstreik anzukündigen! Den Staat willst du nötigen? Wer bringt dich auf solche Gedanken? Die Schlangen vom Radiosender „Freies Europa“ oder wer? Warte nur! Wir werden dir bald zeigen, was du hier in Rumänien mit einem Hungerstreik erreichen kannst! Betrachte dich vorerst als verhaftet – und wir werden dich auch noch einsperren, so lange, bis dir die Flausen vergehen und die Vernunft wiederkehrt … Welch ein Gesindel … Hungerstreik … Welch ein Pack … diese Deutschen! “

Hungerstreik – das war in der Tat ein „rotes Tuch“, auf das die Roten im Kommunisten-Staat noch empfindlicher reagierten als ein gereizter Stier in Pamplona! Die Spur war richtig. Der Tipp kam tatsächlich aus dem Äther – und, wie vermutet, von Radio Free Europe, dem US-Sender, der vom Englischen Garten in München aus in allen Nationalsprachen Osteuropas sendete, während „Radio Liberty“ die unfreien Völker der Sowjetunion mit Weltnachrichten versorgte. RFE, das „Securitate-“ Code-Wort lautete tatsächlich „Cobra“, hatte mehrfach über ähnliche Protestaktionen berichtet. Verzweifelte Menschen griffen zu dieser „Ultima Ratio“, um auf ihre verfahrene Situation aufmerksam zu machen.

Wer einen „Hungerstreik“ aufnahm, wer sich öffentlich an ein Gebäude kettete oder sich mit Benzin übergoss, um sich gar anzuzünden, der wollte nicht nur „provozieren“ und seinen „Protest“ artikulieren; wer so reagierte, stand kurz vor der Verzweiflung, bereit, auch noch extremer zu reagieren. Die Selbstmordattentäter des Sozialismus rekrutierten sich aus der ohnmächtigen Verzweiflung.

Jan Palach, der – in Anknüpfung an die Verbrennung des frühen Reformators Jan Hus während des Konstanzer Konzils – ein Zeichen setzen wollte, hatte auf diese Weise reagiert, als er sich 1968 auf dem Wenzelsplatz in Prag öffentlich verbrannte – um als lebendes Fackelsymbol gegen den Einmarsch der Sowjets 1968 und gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings durch Truppen der Warschauer Pakt Staaten zu protestieren. Das war ein Fanal! Ein Extrem-Beispiel im Eintreten für politische Freiheit, das Schule machte und viele Nachahmer fand! Überall auf der Welt!

In der DDR lange vor der Wiedervereinigung, aber auch in Rumänien während der späten Ceauşescu-Diktatur, als sich ein verzweifelter Rumäne aus Siebenbürgen, ein friedfertiger Christ, ebenfalls als lebende Fackel auf Skibrettern die Poiana Braşov hinabstürzte.

Wer nicht mehr zu verlieren hatte als sein nacktes Leben, wurde unkalkulierbar. Das war bekannt, auch in den Etagen der Mächtigen. Deshalb der Ausbruch des Funktionärs, der die Macht oppositioneller Gesten und Symbole durchaus zu würdigen wusste. Als der Hagel der schimpfwortgespickten Androhungen endlich versiegt war, fühlte ich mich etwas erleichtert; auch darüber, dass bisher nur Worte auf mich herab geregnet waren und keine Fäuste. Die ferne Philosophie tröstete mich etwas. In Schopenhauers Aphorismensammlung war zu lesen, dass der Mensch immer von der schlimmsten aller Möglichkeiten ausgehen muss; und dass er diese bewältigt, indem er sich gedanklich auf sie einstellt und ihre Auswirkungen vorwegnimmt. Seneca, der wirkungsreiche Stoiker, hatte ähnliche Gedanken formuliert. Also war auch ich von der schlimmsten aller Möglichkeiten ausgegangen. Das endgültige Scheitern war somit vorweggenommen und zum Teil bewältigt. Eine wohlwollende Behandlung hatte ich hier sowieso nicht erwartet.

Ganz verzweifelt war ich dennoch nicht. Nur war mir bewusst, ein Untertan einer zynischen Diktatur zu sein und von einem totalitären System beherrscht zu werden, das keine Form des Aufbegehrens duldete, ja es heftig ahndete. Jeder Bürger war aus der Sicht der überheblichen Staatsmacht nicht mehr als eine rechtlose Nummer, die nicht besser behandelt wurde als ein unmündiges Kind.

Du bist nichts, dein Volk ist alles!

Das galt und gilt in jeder Diktatur.

Darüber hinaus war ich allerdings auch noch ein Bürger zweiter Klasse, ein Mitglied jener „mitwohnenden Nationalitäten“, die mehr toleriert als anerkannt oder gar geliebt wurden. Während der Zeit des Dritten Reiches hatte die deutsche wie die ungarische Minderheit noch Sonderrechte beanspruchen können. Jetzt, nach den einschneidenden Heimsuchungen des Stalinismus, standen alle Minderheiten eine Stufe tiefer, in vielfacher Diskriminierung und partieller Rechtlosigkeit, während den vielen Roma im Land sogar der Minderheitenstatus abgesprochen wurde – diese „Anderen“ wurden einfach übersehen. Während der aufgeregte Beamte seine Kreise zog und dabei etwas von der glühenden Aggression abarbeitete, sah ich ihn an – wie ein renitentes Lamm seinen Henker ansieht.

Vor mir baute sich eine dreifache Arroganz auf; die Arroganz des Bukaresters, des privilegierten Hauptstadtbewohners, der verächtlich auf alle Provinzler herabblickt; die Arroganz der herrschenden Klasse, der Nomenklatur, die sich mit einem rebellierenden Tschandala konfrontiert sieht, mit einem Proleten, der es wagt, die Zielsetzungen des sozialistisch-kommunistischen Internationale ernst zu nehmen – und schließlich die Arroganz eines ebenso dummen wie impertinenten Individuums, das dem Gegenüber die menschliche Würde abspricht. Als noch „tumber Tor“ vom Land, als nicht aufgeklärter Einfaltspinsel, der nicht einmal wusste, dass innerhalb des sozialistischen Rumänien keine Freizügigkeit herrschte und keine Niederlassungsfreiheit, hatte ich erstaunlich hoch gepokert und – in blinder Naivität – viel riskiert.

Nun fragte ich mich, was folgen würde. Eine Viertelstunde nach der ungleichen Auseinandersetzung, die zu keinem Zeitpunkt den Ton eines zivilisierten Dialogs erreicht hatte, erschienen zwei Milizunteroffiziere in Uniform. Sie setzten mich fest und führten mich in einen anderen Raum, in welchem ich anschließend einem mehrstündigen Verhör unterzogen wurde. Gemessen an dem, was in der kommenden Zeit noch alles abgefragt werden sollte, waren es weitgehend Banalitäten, die hier anstanden. Nach jener Prozedur, die mir erstmals verdeutlichte, dass im Kreuzverhör angewandter Psychoterror dem Opfer noch mehr schaden kann als physische Gewalt, wurde ich gegen Abend zum Hauptbahnhof gefahren und in den Zug nach Temeschburg gesetzt – an meiner Seite ein uniformierter Aufpasser als Eskorte mit der Aufgabe, mich gleich nach der Ankunft in der Heimatstadt der örtlichen Geheimpolizei zu übergeben.

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