Großstadtflair

 

Bukarest war mir noch völlig unbekannt. Bisher hatte ich die Hauptstadt nur auf der Durchreise gestreift, ohne sie erlebt zu haben. Was ich von Bukarest wusste, beschränkte sich weitgehend auf Fernsehbilder. Bevor ich das Ministerium ansteuerte, nahm ich mir noch etwas Zeit, um wenigstens etwas von den Bauwerken der Kapitale zu sehen. Schließlich weilte ich zum ersten Mal in der Hauptstadt, die in ihrem Selbstverständnis eine Weltstadt war. Während ich durch die alten Prachtstraßen schlenderte, die Calea Victoriei hinunter, die von deutschen und französischen Architekten mit geplant und teils den weiten Boulevards von Paris nachempfunden waren, rollte das alltägliche Großstadtgeschehen an mir vorbei wie in einem Kinostreifen. Alles verlief hier rasanter als im beschaulichen Temeschburg. Auf den vollen Straßen fielen mir die rasenden Autokolonnen auf, darunter zahlreiche, fremde Fahrzeugtypen mit bunten Nummernschildern und grünen CD-Aufklebern, die darauf verwiesen, dass die darin Reisenden als Angehörige anderer Staaten weder zu stoppen noch irgendwie anzutasten waren. Gleich Außerirdischen, die man aus Scheu nicht gerne antastet, genossen jene Personen diplomatische Immunität und erfreuten sich mancher Freiheiten, von denen die eigenen Staatsbürger nicht einmal zu träumen wagten.

Es war wie in Orwells Farm der Tiere. Im Grunde waren nach kommunistischer Auffassung alle Individuen gleich – nur einige Napoleons unter den In- und Ausländern waren etwas gleicher. Dabei kam es auf jenen kleinen Unterschied an. Bereits die eigene Großstadtatmosphäre, die mir in der braven, wohlgeordneten Provinz noch nirgendwo begegnet war, wirkte irreal und fantastisch und kam einem Erlebnis gleich. Beeindruckt stapfte ich die Prachtstraßen hinunter und betrachtete dabei manche Sehenswürdigkeit mit dem faszinierenden Staunen eines Menschen, der bestimmte Dinge zum ersten Mal sieht: Luxus-Läden für kaufkräftige Ausländer, die mit Devisen bezahlen konnten, während den eigenen Staatsbürgern schon der Besitz von westlichen Währungen zum Verhängnis werden konnte; alte, solide Hotelbauten, die in der Zeit der Monarchie um die Jahrhundertwende errichtet worden waren; architektonisch fantasiereich gestaltete Jugendstilvillen und imposante Boulevardfassaden mit kunstvollen Verzierungen. Mein Blick streifte von fern alte Paläste, die einst von der königlichen Familie und ihrem Hofstaat bewohnt worden waren, die kleinodartigen Kirchlein der Orthodoxen, von denen später einige versetzt, andere sogar ganz niedergerissen werden sollten, um Platz für Ceauşescus spätstalinistische Monsterbauten zu schaffen. Nach einer Weile entdeckte ich das ehrwürdige „Athenäum“, jenen Musentempel, der die kunstfeindliche Zeit überdauert hatte. Ja selbst die nüchternen Gebäude der Parteiführung interessierten mich, die Schaltzentralen der Macht wie das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei, vor dessen Fassade eine schwer überschaubare Anzahl schwarzer Mercedes-Dienstfahrzeuge geparkt worden war. Die Kommunisten in den Machtetagen schätzten seinerzeit noch westliche Technologien und Komfort, bevor Präsident Ceauşescu, um ein Zeichen zu setzen, in seiner stalinistischen Spätphase, als ich das Land bereits verlassen hatte, diese Aushängeschilder des Kapitalismus durch selbst produzierte ARO’s und Lizenzmarken ersetzte. Abwegige Ideen dieser Art, die allesamt auf Autarkie in vielen Bereichen abzielten, schossen dem zunehmend seniler werdenden Ceauşescu nach 1980 immer häufiger ein. Je paranoider er wurde, desto genialer und aberwitziger wurden seine „wertvollen Anregungen“, die ohne Widerspruch von Vasallen und Untertanen hingenommen und sofort umgesetzt werden mussten.

Nach einigem Hin und Her, das sich so ergab, weil ich keinen Stadtplan zur Verfügung hatte, sondern eher zufällig nach dem Ministerialgebäude suchte, zog mich ein größerer Glaspalast in seinen Bann. Es war der einzige Wolkenkratzer weit und breit, der in seiner Wucht wie ein Fremdkörper aus einer anderen Welt da stand, deplatziert fast, alle anderen Hochbauten des Sozialismus überragend. Es war der markante Punkt in der City, der die Skyline von Bukarest bestimmte wie der Tour Montparnasse jene von Paris. Bedächtig näherte ich mich dem Koloss aus Beton und Glas und ließ dabei meine Blicke neugierig nach oben schweifen: „Hotel Intercontinental“ las ich dort mit einer gewissen Bewunderung; denn dieser westliche Protzturm, ein Meisterstück dekadentkapitalistischer Baukunst, war nach meinen damaligen Informationen gerade von einer amerikanischen Baufirma erstellt worden. Diese Nobelherberge mitten im real existierenden Sozialismus übertrumpfte unser schon beeindruckendes „Continental“ – Hotel in Temeschburg noch um ein Vielfaches. Ohne viel nachzudenken oder zu zögern, bewegte ich mich kurz entschlossen auf das Portal des Luxushotels zu und ging, da mich niemand aufhielt, auch gleich hinein – so, als würde ich dazugehören. Ein normal Sterblicher durfte dieses praktisch nur für zahlungskräftige Devisenbringer und bestenfalls für inländische Parteibonzen reservierte Hotel überhaupt nicht betreten. Unauffällig streifte ich durch den Lobbybereich und sah mich um. Was dem Flair eines internationalen Hauses entsprach, war für mich eine exotische Welt, ein Ambiente mit manch unbekannten Details und fremden Düften. Der Wohlgeruch aromatisierten Tabaks, der vorher noch der Meerschaumpfeife des deutschen Diplomaten entströmt war, erfüllte jetzt auch diesen Raum, vermengt mit dem penetranten Qualm dicker Zigarren aus Havanna, die für „ein paar Dollar mehr“ hier erstanden werden, konnten wie die Flasche „Cuba Libre“ von Fidels glücklicher Insel im alten Atlantik oder, wenn es sein musste, die „Romania Libera“ am Zeitungskiosk. Die Freiheit war hier fast greifbar, eine Freiheit, die draußen vor der Tür einging wie eine wasserliebende Pflanze im Wüstensand. Schweres fremdes Parfüm lag in der Luft. An der Bar hockten einige Professionelle in dünnen Kleidchen im Gespräch mit potenziellen Kunden, während wohlgenährte Geschäftsleute in Nadelstreifen bei einem Glas Whiskey ihre Abschlüsse tätigten. Der Schmiss an der Wange des einen, den ich nicht zu deuten wusste, verwies wohl auf die frühere Zugehörigkeit zu einer schlagenden Verbindung. Fast alles, was ich sah, war neu und ungewohnt. Wieder schlich sich die gelinde Ahnung ein, im Westen angekommen zu sein. Der Westen leuchtete nicht nur, er duftete auch noch. Und die Freiheit konnte also auch erschnuppert werden.

Die fremd entrückte Atmosphäre fesselte mich mit eigenartigem Genuss, für Augenblicke nur, doch äußerst intensiv – wie eine Rückerinnerung an ein verflogenes Glück. Dann wurde mir aber schnell wieder bewusst, dass ich mich noch nicht am Ziel befand, sondern bestenfalls „auf dem Weg“ in die Freiheit, am Fuß des Berges erst – noch weit vom Gipfelkreuz entfernt. Nach der kurzen Erkundungsreise in die Sinnenwelt des Okzidents verließ ich bald darauf das Intercontinental Hotel, in dessen unmittelbarer Nähe die Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika angesiedelt war und machte mich zum grauen Ministerium auf, dessen genauen Standort ich noch ausloten musste.

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