Der Mohr im Loch

 

Gleich, nachdem ein Wärter mich unsanft in die Zelle geschoben hatte, fiel mir auf, dass ich die Nacht nicht allein verbringen würde. In der rechten Ecke unter dem Fenster kauerte eine Gestalt, ein Häufchen Elend, in Fetzen gehüllt. Es war ein „Schwarzer“, ein Zigeuner.

 „Ich bin George“, begrüßte er mich jovial, noch bevor ich einen Laut hervorgebracht hatte. Dann stand er auf und streckte mir freundschaftlich grinsend die Rechte entgegen. Ungeachtet des Dämmerlichts erkannte ich etwas schlitzohrig Schelmisches in seinen Augen.

„George?“ kombinierte ich in Gedanken – das klang fast so vertraut wie der Name des Musikerfreunds Georg Weber. Wurde nicht auch ein Heiliger unter dem gleichen Namen verehrt, ein Drachenbezwinger? Und der entrückte Dichter des „Algabal“, Meister stilvoller Sprachkultur, ein „Sonnengott“, der schon zu Lebzeiten im eigenen Monument verschwand – Leitbild des Widerstandskämpfers Stauffenberg, hieß er nicht „George“? Stefan George? Auch diesmal waren es blitzartige Assoziationen, die mir in Sekundenbruchteilen wie ein Feuerwerk durchs Gehirn schossen; Gedanken und Ideen, die sich selbst in dieser Grenzsituation aufdrängten, als wollten sie der noch leeren Worthülse, dem Begriff, Inhalte oder Phänomene zuordnen, um den Sinn dahinter zu erfassen. Nomen est omen – auch hier? Was doch so alles mitschwang … in einem Namen“

Spontan ergriff ich die ausgestreckte Hand des braunen Mannes mit schwarzem Schnurrbart und murmelte dabei meinen Namen. Es dauerte nicht allzu lange, bis das Eis gebrochen war. George, ein heiteres Temperament, war wesentlich weniger verschlossen als andere Zigeuner, die mir früher begegnet waren. Sachte versuchte ich auszuloten, woher er kam und weshalb er einsitze. „Aus Arad stamme ich“, sagte er freimütig:

 „Sie haben mich mit Devisen erwischt. Manchmal tausche ich Scheine gegen Scheine oder auch nur Schein gegen Schein! Was ist schon dabei! Ist nicht alles eine Illusion?“

„Hast du mit Gold gehandelt, mit Dukaten, mit jenen „Galben“ und „Cocoşei“?“ wollte ich wissen. Es war mir bekannt, dass Zigeuner gerne mit Edelmetallen aller Art handelten, obwohl dies verboten war. Der Staat reklamierte das Goldmonopol für sich.

„Nein, nein, nur mit „einer Handvoll Dollar“ und ein paar Westmark, doch das reichte aus, um mich einzubuchten … Ein Neider muss mich verpfiffen haben …“

Wir näherten uns schnell an, einfach so von Mensch zu Mensch, saßen wir doch „in derselben Scheiße“ im gleichen „Loch“. Dass er kein Spitzel war, gezielt in die Zelle gesteckt, um mich auszuhorchen, merkte ich bald an seinem offensichtlichen Desinteresse an politischen Dingen. Politik interessierte ihn überhaupt nicht. Er wollte nur über den Tag kommen, einigermaßen anständig leben, mehr nicht. Unser Gespräch plätscherte noch den ganzen Abend dahin, unterbrochen nur von dem Teller „Kartoffelbrühe“, die durch das Guckloch hereingereicht wurde. Nachdem er beide Teller mit dem abscheulichen Sud nahezu genüsslich leer geschlürft hatte und wieder Ruhe eingekehrt war, berichtete er mir von den Schwarzmarktgeschäften auf dem großen Trödelmarkt in Arad, einem orientalischen Basar vergleichbar, auf dem fast alles zu haben war, was in staatlichen Läden fehlte. Der Markt der tausend Mangelwaren und der zehntausend Kunden, das war sein Tummelplatz. Dort winkte immer ein „Geschäft“. Da George sich recht offen gab und weitgehend frei war von beschränkenden Vorurteilen, wagte ich es nach einiger Zeit, die Diskussion auf das „Volk der Zigeuner“ zu lenken. Dabei ließ ich einiges einfließen, worauf ich bisher noch keine Antworten erhalten hatte, wohl wissend, dass man Zigeuner „nie direkt nach bestimmten Sachverhalten“ fragen durfte. Wer plumpe, freche Fragen stellte, Fragen gar, die „die Wesenheit des selbstbewussten Volkes tangierten“, bekam entsprechend ausweichende, nichtssagende Antworten; ja er hörte Aussagen, die eher verwirrten, oder täuschten als aufzuklären. Die Zigeuner, in ständiger Konfrontation mit Autoritäten und der Selbsterhaltung beschäftigt, hatten Abwehrmechanismen entwickelt und wehrten sich strategisch geschickt auf ihre Weise.

Weshalb sollte es mir besser ergehen? Schließlich war auch ich für ihn nur ein „Unreiner“, ein „Gadzo“, ein „gefährlicher Fremder“? Vielleicht hatten die da oben gerade mich in diese Zelle gesteckt, um ihn „an der Zunge zu ziehen“, um ihm Geheimnisse zu entlocken mit dem Versteck, wo der Haufen Golddukaten vergraben lag? War mir zu trauen? Schließlich war auch ich ein „Weißer“ in einer Welt, wo „Weiß das Gute“ verkörperte – und der „Mohr das Böse“, nicht anders als im fernen Japan, in Russland oder in Nordamerika. Rassismus ist ein globales Phänomen – und noch lange nicht überwunden.

Doch George setzte sich über mögliche Bedenken hinweg. „Das Rad? Das Rad beschäftigt dich?“ lächelte er nach einer Weile amüsiert. Mehrfach hatte ich das Symbol bei Zigeunern gesehen, als Stickerei, als Talisman am Halskettchen. War es nicht auch ein „Flaggensymbol“, ein Wappen – oder mehr noch: gar das hinduistische Gegenstück zum Kreuz? Jetzt, wo ich an der Quelle saß, hätte ich es gerne erfahren.

„Das Rad der Zigeuner steht für unsere Wanderung! Wir werden ewig wandern müssen! Und niemals rasten und ausruhen – bis ins Grab! …Das ist Zigeunerschicksal!“ belehrte er mich sichtbar betrübt wie einer, der des Wanderns längst müde ist. Dann erzählte er mir die alte Legende vom Ausbruch der Vorväter aus Indien, die mündlich überliefert und von „Roma“ in aller Welt als identitätsbegründende Wurzel anerkannt wird.

„Wir müssen wandern – wir sind dazu verflucht! Und dieser Fluch lastet auf unserem Volk seit Jahrhunderten!“

Nun wurde ich noch hellhöriger. Das Motiv kannte ich doch irgendwoher? Den Fluch, ewig wandern zu müssen als Sühne für eine Schuld?

Ahasver – der Ewige Jude? Gab es das Sujet nicht schon bei Byron? Und hatte nicht auch Lenau, der hier im Banat geborene Verfolgtenapologet, zur ewigen Wanderschaft Verdammten mehrfach ein poetisches Denkmal gesetzt, Zigeunern, Juden und Indianern? Und andere Dichter vor den Romantikern und Goethe? Wagners „Fliegender Holländer“ – war das nicht das gleiche Motiv, dessen Struktur archetypisch zu sein schien? War nicht bereits Adam, der Erste und der Einsamste unter allen Menschen, verflucht worden – nach seinem Sündenfall im Paradies? Galt dieser Fluch nicht für alle Menschen?

Waren wir nicht alle irgendwie auf der Flucht, seitdem wir den Garten Eden verlassen mussten? Jetzt dämmerte mir einiges. „Archetypisches“, was bei anderen Kultur-Nationen schon lange verloren gegangen war, hatte sich bei einigen wenigen naturnahen Völkern erhalten; bei Nomaden, bei Flüchtlingen ohne Vaterland, bei den religiös bestimmten Juden und bei Zigeunern – beide Völker waren Jahrhunderte hindurch Stigmatisierte, Verfolgte im Abendland. Und die etwa acht Millionen Zigeuner, ein Volk ohne Raum und Lobby, für die das moderne Europa immer noch keine Lösung hat, sind es auch heute noch. Die historischen Vorwürfe gegen beide Völker klangen stets ähnlich. Sie waren weltanschaulich begründet, hatten religiöse Wurzeln und rassistische Adern.

Lange blickte ich den Mohr an – wie andere Augen vor mir den genialen „Mohr von Paris“, angeblickt hatten, den „schwarzen Mozart“, der zufällig auf den Namen „Chevalier St. George“ hörte, der komponierte, der zudem ein ritterlicher Kämpfer und sogar ein „Revolutionär“ war. Irgendwann erkannte ich dann das „alte Bild in neuer Zeit“: Vor mir saß wieder einmal ein „schwarzer Mann als Opfer“, ein anderes Opfer – und doch dasselbe … lange nach den Pogromen und den Autodafés, die Voltaire beschrieben hatte. Und kaum erst nach der größten Verfolgungsaktion der Menschheitsgeschichte, die beiden Völkern gegolten hatte. Die vorlaute Fragerei blieb mir daraufhin weitgehend im Halse stecken. Die Geschichte hatte wieder einmal geantwortet – gegen die Moral und fern der Humanität und der Gerechtigkeit für alle. Leicht melancholisch gestimmt zog ich mich auf die Pritsche zurück und dachte nach, bei mattem Licht fast die ganze Nacht hindurch … Ein fremdes Schicksal hatte mich das eigene kurz vergessen lassen. Nun kam alles wieder … Unrecht überall, Unrecht, die Jahrhunderte hindurch – durfte ich da noch hoffen?

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