Bukarest – In der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland

 

Während die zunehmend müder werdenden Gedanken abschweifend durchs Gehirn jagten, erreichte der Nachtzug die Hauptstadt. Es war gegen acht. Menschenmengen überall, Pendler aus der Provinz, die in der Hauptstadt ihr Brot verdienten. Eilig verließ ich das Bahnhofsgebäude, suchte nach einem Taxi und ließ mich umgehend in die Rabat-Straße chauffieren. Gegen halb zehn waren wir dem ersten Ziel nahe. Unweit der bundesdeutschen Botschaft stieg ich aus und ging schnellen Schrittes auf das grauweiße Gebäude zu, in welchem diplomatische Mission untergebracht war. Der Bau – ein reizloser Quader mit zwei Stockwerken. Die Hoheitszeichen der Bundesrepublik, die Flagge in Schwarz, Rot und Gold sowie der von Bänkelsänger Wolf Biermann jüngst erst verspottete Geier mit den roten Krallen waren gut zu erkennen. Entschlossen strebte ich gleich auf die Pforte zu und betrat nach wenigen Augenblicken ungehindert den Innenhof des Botschaftsgebäudes. Zufällig hatte ich Glück gehabt, denn der im Eingangsbereich herumpatrouillierende rumänische Aufpasser in dunkelblauer Milizuniform, dem die Aufgabe zukam, potenzielle Botschaftsbesucher am Betreten des Gebäudes zu hindern und Ausreisewillige zu verscheuchen, war gerade durch andere Personen abgelenkt.

Nach dem kurzen Check vor der Tür durch einen deutschen Sicherheitsbeamten durfte ich endlich die Mission betreten. Dieser erste Schritt hinaus aus dem rumänischen Hoheitsgebiet und hinein in einen völkerrechtlich geschützten Bereich der bundesdeutschen Botschaft kam mir wie ein kleiner „Ausbruch in die Freiheit“ vor.

Zum ersten Mal befand ich mich auf exterritorialem Gebiet. Es war ein erhebendes Gefühl! Ein Hauch von Freiheit durchströmte mich, als schöne Vorahnung des Gefühls endgültiger Freiheit. In der Deutschen Botschaft herrschte an jenem Tag die übliche Betriebsamkeit. Nachdem ich einige Zeit im Wartezimmer verbracht hatte, hauptsächlich damit beschäftigt, die dort ausgelegten politischen Magazine nach neuesten Nachrichten zu durchforsten, wurde ich von einem Vertreter des Auswärtigen Amtes aufgerufen und in ein Büro geleitet. Der Konsularbeamte, ein hagerer Typ um die Vierzig schien die Ruhe in Person zu sein. Er bot mir an, auf einer grünen Ledercouch Platz zu nehmen. Dann durfte ich loszulegen. Während ich etwas verunsichert und verzagt den Grund meines Besuches zu umreißen suchte, ohne Spektakuläres vermelden zu können, hörte er mir gelassen zu, studierte mich und stellte ein paar knappe Fragen zur Motivation einer künftigen Ausreise. Dabei kaute er etwas gelangweilt auf einer Meerschaumpfeife herum. Solche Gespräche waren für ihn Routine. Diesen Ritus von Frage und Antwort hatte er sicher schon tausendmal über sich ergehen lasen müssen. Auch ich bot keine Abwechslung. Trotzdem breitete ich meine Geschichte aus, eine Schilderung von der Stange, die sich von den Ausführungen anderer Ausreisewilliger kaum unterschied. Ein Bruder meines Vaters, mein „innig gelebter“ Taufpate, lebte bereits seit einigen Jahren in der Bundesrepublik. Ein weiterer Onkel, der getreu der Familientradition Hans hieß, war dort während der Nachkriegszeit tödlich verunglückt, hatte aber, was ich noch nicht wissen konnte, einen unehelichen Sohn hinterlassen. Also bot sich auch im Fall meiner Familie eine legale Ausreise im Rahmen der offiziell betriebenen Familien-Zusammenführung, eine Kriegsfolgen-Angelegenheit, die seit Adenauers Zeiten vor allem von den konservativen Parteien in der Bundesrepublik, von CDU und CSU ermutigt und vorangetrieben wurde. Die Einreiseerlaubnis in die Bundesrepublik für mich, für meinen überhaupt nicht ausreisebegeisterten Bruder Hans sowie für die Eltern war vom Bundesverwaltungsamt in Köln schon vor vielen Jahren, genau 1961, erteilt worden, also zu einem Zeitpunkt, als ich noch in Windeln strampelte. Nach fünfzehn Jahren Stillstand fehlte im Jahr 1977 nur noch die Ausreisegenehmigung der Rumänen; also nur ein kleines Stück Papier mit einigen Stempeln und Unterschriften, ein Dokument, das uns der Staat aber ohne Angabe von Gründern einfach verweigerte.

„Freizügigkeit“ á la Tito?

Eine Chimäre … überall hinter dem Eisernen Vorhang diesseits des Eisernen Tores! Das „demokratische“ Deutschland, der „Volksrepublik“ Ungarn und die ebenfalls „vom Volk regierte“ Tschechoslowakei waren nach den Aufständen von 1953, 1956 und 1968 aufgrund der massiven Flucht und Abwanderung fast ausgeblutet – Rumänien wäre es sicher auch, wenn es seinen Bürgern die Menschenrechte und Bürgerfreiheiten eingeräumt hätte, die der einstige Partisanenkämpfer und Marschall Tito seinen Untertanen gern einräumte. Bukarest hielt es orthodox mit Moskau und machte Schotten und Grenzen dicht – für alle Bürger bis auf ein paar Systemloyale und Hätschelkinder der Partei, darunter auch deutsche Geistesschaffende, die in den Westen reisen durften, weil sie aus „Überzeugung“ zurückkehrten. Trotz aller Hemmnisse und Schikanen liefen dem „sozialistischen“ Paradies die Menschen davon, allen voran die als tüchtig und zuverlässig geltenden Deutschen aus dem Banat und aus Siebenbürgen sowie die wenigen Juden, welche die pogromartigen Verfolgungen während der faschistischen Zeit überlebt hatten – und, wenn immer möglich, sogar die Rumänen selbst.

Jeder Sportwettbewerb im Ausland, jede Auslandsmesse wurde genutzt, um dem sozialistischen Garten Eden zu entfliehen, um die andere Seite des Eisernen Vorhangs, das Sodom des Kapitalismus, kennenzulernen, in der Regel für immer. Selbst ultralinke Marxisten, Stalinverehrer und stramme Antifaschisten deutscher Zunge setzten sich gerne in den dekadenten Westen ab, wenn ihre RKP-Privilegien dünner wurden und die Töpfe leerer.

Nachdem ich, repräsentativ für die ganze Familie, Situation und Verhältnisse ausführlich geschildert hatte, ermutigte mich der Botschaftsangehörige, weiter auszuharren und am Ball zu bleiben. War das der übliche Zweckoptimismus, die „frohe Botschaft“ aus der Botschaft für jedermann, eine Art Abspeisung, da sonst nicht viel getan, gar bewegt werden konnte? Daraufhin verabschiedete er mich, indem er mir einen kleinen Stapel Zeitschriften aushändigte, darunter auch einige Exemplare des heiß begehrten, von mir gern gelesenen „Spiegel“, nachdem er mit einer großen Papierschere die aufgeklebte Anschrift des Empfängers herausgeschnitten hatte. Als weitere Ermutigung bot mir der Diplomat die Zusendung einer Publikation an, die im Auftrag des Auswärtigen Amtes in deutscher Sprache ediert und über die Botschaften und Konsulate verteilt wurde. Die Zeitschrift hieß „Prisma“ und enthielt weitgehend selbst zensierte, unverfängliche Informationen über die Bundesrepublik Deutschland, verknüpft mit etwas braver Werbung weniger halbstaatlicher Industrieunternehmen, die im Ost West-Handel tätig waren. Da mich seinerzeit alles interessierte, was mit dem Leben in der Bundesrepublik zusammenhing, selbst der „Kicker“, nahm ich das wohlgemeinte Angebot, das mich tatsächlich nach einiger Zeit erreichen sollte, dankbar an.

Als ich dann das wohlriechende Ambiente der Deutschen Botschaft verließ, um wieder in sozialistisches Einheitsgrau einzutauchen, kam ich mir fast wie ein Verstoßener vor, der aus dem Vorhof des Himmels verjagt wird. Allein das kurze Eintauchen in eine andere Welt, das Erschnuppern künftiger Freiheit und die unmittelbare Erfahrung von Menschlichkeit, erfüllten mich mit einer einzigartigen, nie erlebten Genugtuung. Schon die freundliche Kommunikation mit dem bundesdeutschen Beamten, die sich von dem zynischen Umgang mit rumänischen Funktionären krass absetzte, nahm ich als ein Zeichen der Verbundenheit wahr. Vieles deute darauf hin, dass der eingeschlagene und inzwischen schon beschrittene Weg gen Westen richtig war. Wer sollte mich jetzt noch aufhalten? Der Milizmann vor der Pforte? Es gab keine Schwierigkeiten. Aus der Rabat-Straße ließ ich mich erneut im Taxi ins Zentrum der Hauptstadt fahren, immer noch die Absicht hegend, im Innenministerium vorzusprechen, an möglichst hoher Stelle Gehör zu finden, um so die Ausreiseangelegenheit zu beschleunigen.

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