Auftakt mit einer Bestie

 

Die Zentrale der Geheimpolizei lag nur einige Hundert Schritte vom sogenannten „Bastion“ entfernt, jener alten Festung, die nach dem Abzug der Türken in einer gewaltigen Anstrengung von österreichischen Festungsbauern errichtet worden war. Jetzt war ich also wieder an meinem Ausgangspunkt angelangt – nur räumlich etwas versetzt und einige Meter tiefer. Im Hauptgebäude der „Securitate“, äußerlich ein wenig auffälliger Verwaltungsbau, waren neben den sterilen und unpersönlichen Untersuchungsbüros auch die provisorischen Haftzellen untergebracht, ein gutes Dutzend vielleicht, in welchen etwa hundert Feinde des Regimes und Staates – in der Regel „ohne Haftbefehl“ – fürs erste und auf „unbestimmte Zeit“ verwahrt werden konnten.

In einer solchen Untersuchungshaftzelle saß ich nun; in einem faktisch leeren, etwa sieben Quadratmeter großen Raum aus grauem, abweisendem, ungetünchtem Beton, entwürdigt wie ein gerupftes Huhn. Das Inventar der Zelle bestand aus einer spartanischen Pritsche in der Form eines Drahtgestells mit Eisenrahmen und vier Beinen und einem verschlissenen Waschbecken. Ein Tisch fehlte ebenso wie ein Stuhl oder eine andere Sitzgelegenheit. In einer Ecke klaffte, am Paradigma einer französischen Legionärsanstalt orientiert, eine Öffnung im Fußboden als bescheidene Möglichkeit, die Notdurft zu verrichten. Ich hatte das Gefühl, in einem „mittelalterlichen Loch“ angekommen zu sein, in das die Leibeigenen und Schuldner jener finsteren Zeit geworfen wurden, wenn sie, aus Sehnsucht nach Freiheit, ihr Dorf verlassen, rebelliert oder gegen andere strenge Auflagen ihrer Territorialherren verstoßen hatten.

In dem Kellerloch mit der undurchsichtigen Tür, dem mehrfach vergitterten Fensterchen, durch das nahezu kein Tageslicht eindringen konnte, wo nur eine Glühbirne etwas mattes, rotes Licht spendete, verbrachte ich, von unbestimmten Ängsten geplagt, mehrere Stunden in banger Erwartung des Unbekannten, das noch folgen sollte – verunsichert, mit dem Bewusstsein eines Lammes, das unter die Geier geraten ist und nicht weiß, ob es verschont oder von ihren scharfen Schnäbeln zerhackt wird. Jetzt war ich in einem Spinnennetz gefangen; in den Stricken einer omnipotenten Organisation, deren „verbrecherischer Charakter“ objektiv genauso feststand wie jener ihrer Vorbildmodelle „Gestapo“ und NKWD. Irgendwann wurde ich von einem uniformierten Milizangestellten, der als Handlanger der Geheimdienstleute eingesetzt wurde, aus dem Bau geholt und in einen der höher gelegenen Untersuchungsräume gebracht. Dort erwarteten mich zwei Geheimdienstler, deren unfreiwillige Bekanntschaft ich bereits vor Monaten hatte machen müssen. Bereits zweimal hatte ich die beiden „Securitate-“ Leute, die scheinbar zu einem Team zusammengeschweißt waren, im unmusischen Duett erleben dürfen. Doch nur oberflächlich und für kurze Zeit. Einmal, als ich auf dem Weg zu dem Jesuiten aus dem Zug nach Herkulesbad geholt wurde; und ein weiteres Mal nach meinem inszenierten Kreuzritterauftritt in der Lenauschule. In beiden Fällen hatte ich das Duo argwöhnisch beobachtet, mir Gedanken gemacht und versucht, zu einer Einschätzung ihres Wesens zu gelangen. Doch die unerfreulichen Kontakte waren zu flüchtig, um echte Schlüsse zu ziehen. Zum richtigen Kennerlernen kam es erst jetzt.

„Siehe da! Unser alter Kumpel“,

höhnte der Hagere zynisch mit dem Ausdruck einer Schlange, die ihre künftige Beute umkreist, ganz in der Überlegung, wo sie am effizientesten zuschlägt.

„Und erneut macht er uns Ärger“

konstatierte der zweite Mann. Er war weitaus besser genährt als der Rutenschlanke und wirkte gelassener. Ich fühlte einen leichten Schweißausbruch und aufkommendes Unbehagen wie wenn ich unfreiwillig in einem Terrarium gelandet wäre – oder gar in einer Schlangenhöhle! Mein Körper hatte sich schon leicht gesträubt, als ich an grau obskuren Geheimdienstgestalten vorbei, durch die Gänge geführt worden war, ganz so wie in den Szenarios Kafkas und Orwells, oder in jenem frühkindlichen Albtraum, als ich mich in einer dunklen Grube wieder fand, wo es um mich herum von schwarzen Nattern wimmelte. Der Gertenhafte, der in seinem früheren Vorleben vielleicht eine Schlange war, jedoch keine harmlose Kreuzotter, sondern eher eine Boa oder Anakonda, umkreiste mich ständig und redete bedrohlich von hinten auf mich ein; stets gefährlich zischend und aggressiv, als wollte er mir an die Kehle, um mir den Atem abzuschnüren. Es war der Auftakt mit einer Bestie.

Der Typ mit dem Pockennarbengesicht hatte sich mir beim ersten Zusammentreffen unter dem Namen „Pele“ vorgestellt; mit einem kuriosen, im dortigen Umfeld nie gehörten Namen, der mich stutzig machte und der nach einem selbst gewählten „Pseudonym“ klang. Dieser Geheimpolizist war als Untersuchungsrichter aktiv und hatte den Rang eines Hauptmanns inne, was mir seinerzeit nicht viel sagte. Er schien für „politische Fälle“ zuständig zu sein, wobei das „Verhören und Anklagen von Mitgliedern der deutschen Minderheit sein Spezialgebiet“ schien.

Zunächst versuchte ich ihn irgendwie einzuordnen und suchte instinktiv nach Kriterien, ohne viele zu finden. Seine Physiognomie erinnerte mich stark an zwei, drei Schauspieler aus französischen oder amerikanischen Kriminalfilmen in der Rolle fieser Kommissare, die unkonventionell und an den Gesetzen vorbei ihre Ziele verfolgten. In Paris und in Miami. Jene jagten Verbrecher, notorische Kriminelle. Dieser hier schien die gleichen Methoden gegen „politisch Andersdenkende“ einzusetzen. Während Pele lostobte und der Dickliche den Raum verließ, ohne sich abzumelden, schwebten meine Gedanken in einem Akt von Selbstbefreiung für Augenblicke weg vom Geschehen. Sie schwirrten davon, hinein in die Welt früher Aufklärer und des Grafen Gobineau, in die Welt perverser Rassentheorien und anthropologischer Unterschiede.

Gibt die äußere Erscheinung eines Menschen, die physische Gestalt, seine spätere Berufung vor? Oder werden künftige Wirkungsmöglichkeiten vom Bewusstsein bestimmt? Oder vom Milieu?

Während ich ihn forschend musterte, um mir ein besseres Bild zu machen und um herauszufinden, mit wem ich die nächsten Stunden und vielleicht Tage verbringen werde, fiel mir zunächst nur seine schiere Länge auf und ein massiver „Langkopf,“ der nach „nationalsozialistischer Rassenlehre“ auf „arische Intelligenz“ schließen ließ, ganz im Gegensatz zu dem Rundkopf, den sein gemästeter Partner auf den Schultern trug. Ein „Rundkopf“ war ein rassischer Hinweis auf den „Untermenschen“, lehrten die Nazis. Bert Brecht hatte das plumpe wie groteske Thema in einer größeren Arbeit aufgegriffen und parodiert. Doch davon wusste ich noch nichts. Augenblicklich versuchte ich nur, die über Physiognomie der Schlange etwas von ihrem Seelenleben zu ergründen.

Was sagte Lavater zu diesen psychophysischen Zusammenhängen, was Herder, oder gar Kant in ihren anthropologischen Schriften? Mein kurz bemühtes Gedächtnis kam auf nichts. Die bloße Länge lenkte mich ab. Dieser Hauptmann schien das Endprodukt einer überfunktionierenden Thymusdrüse zu sein; schlank wie eine Weidenrute und hochgeschossen wie eine überbelichtete Pflanze unter einer sterilen Glasglocke. Wenn er sich bewegte, wenn er aufgeregt vom Holzstuhl aufsprang und durch den Raum rannte, wirkte er flink und wendig wie ein Aal im Fluss, während die Regungen des Dicken eher einem trägeren Reptil gleichkamen, das sich im seichten Uferwasser des Nils in der Sonne suhlt und auf leichte Beute hofft.

Vieles an Pele war glatt und abweisend. Auch in seinem Reden erinnerte er an eine gefährliche Schlange, an eine Königskobra vom Subkontinent, die ohne Vorwarnung ihr Gift versprüht oder an eine Klapperschlange aus der Mohave-Wüste: Es zischte durch den Raum, wenn er sprach. Alles an ihm war Schlange; seine gesamte Wesenheit war Schlange. Selbst die Grazie der Bewegung, die Rilke vielleicht, wenn er ihn erlebt und nicht medusagleich sofort vor Schreck zu Stein erstarrt wäre, in einem großen Gedicht verewigt hätte. Unter welcher Überschrift wohl? Denn Pele hatte auch den „besonderen Blick“, einen röntgenhaft durchdringenden Blick, mit dem er seinen Gegner fixierte und einengte. Dieser Blick bedeutete Gefahr und generierte Angst.

Während der andauernden Umkreisung fühlte ich den giftigen Atem im Nacken, den ekligen Hauch eines Bluthundes, und ich spürte den vernichtenden Blick auf der Haut, der alles zu Stein werden ließ, was er erfasste. Also erstarrte auch mein Denken. Fixe Ideen formten sich und archetypische Bildkonstellationen pathologischer Art. Halluzination und Traumdeutung vermengten sich. Hatte ich es hier mit einer besonders giftigen Schlange zu tun? Mit einer seltenen Seeschlange vielleicht, den Untiefen des Schwarzen Meeres entronnen? Oder gar mit dem König aller Schlangen? War dies ein verkappter Basilisk, der gerade hier, in Temeschburg im Banat, aus einem unnatürlichen Ei gekrochen war, das ein verirrter Hahn gelegt hatte wie einst in Aachen? War diese Erscheinung ein Ungeheuer in Menschengestalt und kein antikes Fabelwesen? Ein Abgesandter des „Antichristen“ vielleicht als leibhaftige Inkarnation des Bösen? Die paar boshaften Hiebe, die ich so nebenbei erhalten hatte, deuteten zumindest darauf hin, dass er kein Menschenfreund war, sondern ein ausführendes Glied der Exekutive, eine Person, die ihre Pflicht erfüllt wie ein Henker die seine. Dieser Langkopf mit dem glatt rasierten, immer gleich regungslosen Pokergesicht und der scharfen sonoren Stimme hatte schon andere Geister vor mir malträtiert und in die Enge getrieben; Widerständler, Dissidenten, Dichter – und viele andere nach mir. Er war berüchtigt; seine Brutalität war bekannt.

Herta Müller, die mit dieser Ausgeburt des Bösen erst Jahre nach mir konfrontiert wurde, hat die obsessive Gestalt in ihrem 1994 veröffentlichten Roman „Herztier“ in nahezu paranoider Schilderungsweise aufleben lassen. Ihr „Pjele“, den sie auch für den Tod persönlicher Dichter-Freunde verantwortlich macht, kommt nahezu auf jeder der paar hundert Seiten vor – als Albtraum. Eine sensible Frau reagierte noch mimosenhafter auf solche Inkarnationen des Bösen, als ich sie damals als Achtzehnjähriger erlebte. Die Natur hat den Menschen mit Instinkten ausgestattet, die ihn, nicht anders als das wilde Getier, Gefahren ahnen lässt und ihn veranlasst, bei Bedrohung die Flucht zu ergreifen. Wer mit diesem Verhörexperten konfrontiert wurde, entwickelte rasch Angst; selbst schützende Angst, die sich bei jeder Neukonfrontation verstärkte. Unter natürlichen Bedingungen wäre ein Mensch entflohen – wie das verstörte Reh im Wald. Er hätte sich in nackter Selbstverteidigung der Situation durch Flucht entzogen. Doch Flucht war hier nicht möglich. Keiner konnte aus dem engen Raum ausbrechen und sich entziehen. Wer in einem dieser Untersuchungszimmer landete, musste die andauernde Stresssituation ertragen, um zu überleben – ohne Rücksicht auf spätere Langzeitschäden an der Psyche, die aus diffusen Ängsten schwere Neurosen ausbildeten. Platzangst – daran dachte ich damals nicht, fühlte aber, wie sie sich breitmachte. Ausharren war angesagt. Zwar war ich selbst nur eine zart bebende Mimose zwischen dornigen Disteln, doch ausgestattet mit der fatalistischen Gelassenheit eines „Entweder- Oder“, das einem manches ertragen ließ. Die stoische Haltung ging dem stoischen Bewusstsein voraus. Intuitiv fühlte ich während der Fragenkanonade, dass die meiste Gefahr von dem „Basilisken“ ausging. Seinen Konterpart, den gemächlichen Runden, der alsbald wieder hinzukam, ignorierte ich fast. Er schien mir ohne eigentliche Funktion zu sein, als ein formaler zweiter Mann, der aus irgendwelchen Gründen am Verhör teilnehmen musste.

Dieser zweite „Securitate-“ Offizier hörte auf den Namen Köppe, genauer Rudolf Köpe. Es dauerte Jahre, bis mir Vorname und die genaue Schreibweise seines Nachnamens bekannt wurden. Köppe hatte den Rang eines Majors inne, was für besonders effiziente Arbeitsleistungen sprach. Wie sein dürrer Kollege verkörperte auch er den marxistisch geschulten Juristen und strammen Parteisoldaten, der seine sonderbaren Tugenden ohne Skrupel der Staatsraison unterwirft; der, ohne Rücksicht auf demokratische Prinzipien und Grundrechte, die Umsetzung jener von der Staatsführung definierten Ziele konsequent verfolgt.

Ein guter Freund aus dem Bastionumfeld mit ungarisch klingendem Familiennamen war bereits im Vorfeld von dem Major verhört worden; zivilisiert verhört worden. Davon wusste ich aus einem Bericht. Köppe, so hieß er vermutlich wirklich, war demnach selbst ungarischer oder gar deutscher Herkunft und sprach die Sprache des Nachbarvolkes, jener angeblichen „Irredentisten“, sowie die Dialekte der aufsässigen Ungarn und Szekler im Land. Auch war er demnach mit der ungarischen Mentalität vertraut und mit dem natürlich feurigen Temperament der Magyaren, das von anderen Nationalisten und Chauvinisten nicht selten als asiatisch-archaisch und roh apostrophiert wurde. Seine mongolische Physiognomie deutete darauf hin, dass die Wurzeln seiner Herkunft in die Gobi-Wüste führten und dass seine Vorfahren vielleicht mit dem Mongolensturm auf den Alten Kontinent gekommen waren; vielleicht als Teil der Horden Attilas; und vielleicht war kurz nach seiner Geburt bei ihm noch jenes genetische Merkmal am Steißbein zu erkennen, der Mongolenfleck – das alles hörte ich später einen Mithäftling witzeln, der auch Köppes Bekanntschaft hatte machen müssen. Vorurteile gab es auf beiden Seiten.

Die tatsächlich vorhandenen, leicht mongoloid anmutenden Züge verliehen dem Geheimdienstler etwas von der Gutmütigkeit, die jene Gengeschädigten zum Teil kennzeichnete, mit denen ich später in einer Behindertenanstalt am Fuße des Hohenstaufen eine Weile zusammenarbeiten durfte. Anders als sein schneidig scharfer Gefährte, der viel näher an der Bestie angesiedelt war und aus dem die nackte Aggressivität herauszusprühen schien, erweckte der mongolische Ungar einen ruhigen und besonnen Eindruck, verbunden mit einem Hauch von Wohlwollen. Selbst die „Securitate“ setzte sich aus unterschiedlichen Charakteren zusammen, die auch in ihren Verhören unterschiedliche Prioritäten setzten.

Jetzt saßen wir da, Auge in Auge und musterten uns gegenseitig wie der ängstliche Adler und die wilde Schlange: Wohin sollte ich mich wenden? Hilfe suchend zu dem menschlicheren Dicken? Oder sollte ich nur dem Basiliskenblick ausweichen, indem ich, an der Bedrohung vorbei, auf den nackten Boden sah oder einfach ziellos durch den Raum starrte wie ein Irrer, ohne auf die psychische Konfrontation einzugehen? Es war nicht einfach, dem Duell der Blicke standzuhalten. Immer deutlicher fühlte ich mich fixiert und in die Ecke gedrängt, festgelegt und festgenagelt an ein imaginäres Kreuz, Blut schwitzend im eigenen Golgotha-Erlebnis.

„Ausharren! Erleiden, ohne zu klagen“,

hämmerte ich mir ein. Jede Intimsphäre war dahin. Der Wille war das letzte Refugium – und die Verneinung.

Doch – zwei gegen einen! War das nicht unfair? Wo blieb da der „englische Sportsgeist“? Die ritterliche Gegnerschaft? Ich, der gestrauchelte Kreuzritter, war noch blutjung und in vielen Dingen naiv – sie waren beide existenzerfahren. Sie artikulierten sich virtuos in einer vertrauten Sprache, die sogar Peles Mutteridiom war, während mir, dem Deutschstämmigen, wie eben erst im Bukarester Ministerium verdeutlicht wurde, nur eine „Fremdsprache“ zur Verfügung stand, die ich nur marginal beherrschte und deren Tragweite wie Hintersinn ich nicht voll erfasste. Die Schlangen tummelten sich „idemisch“ im Wasser, während der Fisch auf dem Trockenen zappelte. Entsprach diese Art des Umgangs mit Mitbürgern der offiziell gern herausposaunten „Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen“ der Republik?

„Was soll das mit dem angedrohten Hungerstreik?“ schrie die Schlange schon zum Auftakt der peinlichen Befragung. Meine Antwort darauf war immer noch trotziges Schweigen. Und wieder senkte sich mein Blick mit anklagender Verachtung: „Hast du nichts Besseres zu tun, als im Ministerium anzutanzen und unsere Arbeit hier in Misskredit zu bringen?“ mischte sich – in offensichtlicher Diskrepanz zur marxistischen Dialektik – sogleich das Krokodil ein. Ich schwieg weiterhin, blickte kurz auf und versuchte dabei, den vorwurfsvollen Gesichtsausdruck noch intensiver zu gestalten, so als wollte es auch mir herausschreien: „J’accuse!“ – „Ich klage an!“ … Keiner merkte etwas davon.

„Wenn du störrisch bist wie ein Maulesel, dann müssen wir dem abhelfen“, höhnte der Dünne wieder und ließ seine Handfläche fast beiläufig auf mein schon arg zerschundenes Gesicht niedersausen. Es zischte im Ohr und ein paar Sterne funkelten wieder. Etwas von der jüngst erst erlittenen Qual war wieder da. Verbittert biss ich die Zähne zusammen und erwartete Schlimmeres – Faustschläge, Tritte! Während dann ein erneuter Redeschwall über mir niederging, der nur noch aus groben Vorwürfen bestand, zog ich mich in beharrliches Schweigen zurück und wartete, bis das etwas künstlich anmutende Getöse verpufft war. Dabei wandte ich mich selbstschützend ab, um den gelegentlichen Watschen zu entgehen, die „zum guten Ton der Verhörmethoden“ gehörten. Erst bei einem tieferen Wegducken fiel Köppe mein verunstalteter Hinterkopf auf.

„Was ist mit deiner Frisur passiert?“

erkundigte sich der Ungar fast in einem Ton ernsthafter Besorgnis.

„Während der letzten Nacht bin ich niedergeschlagen worden – hier im Gebäude, unter der Obhut des Staates. Ein Blauuniformierter ist einfach über mich hergefallen und hat mich so verunstaltet! Ohne Grund! Ein Wachtmeister aus dem Nebenbau war es. Deshalb verweigere ich auch jede weitere Aussage! Wir leben hier in einem Verbrecherstaat, wo reine Willkür herrscht, kein Recht, kein Gesetz … bis auf das Gesetz des Dschungels vielleicht, das von Bestien geschrieben wird“

schoss es aus mir hervor. Schon im Vorfeld hatte ich mir die Tirade in großen Zügen zurechtgelegt als legitimer wie gezielter Gegenangriff für die erlittene Schmach in der Nacht. Zusätzlich sollte die Anklage mein gesamtes „oppositionelles“ Handeln „moralisch rechtfertigen“. Aus den konsternierten Minen der beiden war herauszulesen, dass der Konter wirkte.

 „Wir werden alles wieder in Ordnung bringen“,

reagierte der Dickliche als erster.

Die „niedere Bestie der gleichen Gattung in Uniform“, der plumpe Feldwebel der Miliz mit den Instinkten eines Schakals, hatte den etwas vornehmeren „Geheimdienstlern höherer Ordnung“ ins Konzept gepfuscht und ihre sonst pseudomoralisch untermauerte Strategie zerstört, noch bevor sie richtig entwickelt worden war. Ihrer rechtfertigenden Argumente beraubt wirkten beide zunächst leicht verunsichert. Plötzlich schien ihr sonst auf „sozialistische Ethik“ begründeter Angriff ins Leere zu laufen. Mir blieb aber keine Zeit, den Triumph auszukosten. Hektik kam auf. Die Schlange telefonierte kurz herum. Daraufhin wurde das Verhör abgebrochen. Wir verließen den Raum und gingen durch die Gänge in ein bestimmtes Zimmer, wo ein Angestellter mit der elektrischen Haarschneidemaschine wartete. Es war eine Angelegenheit von Minuten. Die Reste meiner früher sanft ins Genick fallenden Mähne wurden weggeschoren; glatt wie bei einer Schafschur. Meine Hand fuhr unwillkürlich über den Hinterkopf. Ein paar borstige Stoppeln waren noch zu ertasten. Das war „der Demütigung zweiter Teil“ – obwohl damit nur die Spuren der ersten Untat verwischt werden sollten.

Die Wut meldete sich zurück. Zorn kam auf, Zorn, der von den erfahrenen Ungerechtigkeiten genährt wurde. Nach dem Scheren fiel dem Legalisten auf, dass noch weitere Dinge falsch gelaufen waren. Ich schwebte nur noch durch den Raum; vollkommen erschöpft stand ich bereits kurz vor einer Ohnmacht. Das erkennend, eilte die Schlange zur Geheimdienstkantine und brachte mir etwas säuerliches Weißbrot und ein paar Scheiben „Lyoner“, eine Wurst, die man in Temeschburg unter dem Begriff „Pariser“ kennt, dazu ein Fläschchen gezuckertes Bega-Wasser als „Limonade“.

„Iss etwas und trink einen Schluck“,

forderte er mich in einem Anflug von Nächstenliebe auf, vielleicht als eine Art Wiedergutmachung für das jüngst erlittene Unrecht, vielleicht aber auch aus der Befürchtung heraus, ich könnte ihnen ermattet einfach wegsterben. Eine Weile blieb ich mir dann selbst überlassen. Doch essen konnte ich fast nichts. Es fiel mir schwer, etwas hinunter zu würgen. Das pappige Sirupwasser erholte mich etwas. Wieder kamen Rachegedanken auf. Das Blut wallte hoch – und mit ihm neuer Ärger und ein unmittelbar aufziehender Hass, der sich nicht nur gegen das „primitive Stalinabbild“ richtete, gegen den Wachtmeister, der mir psychische und physische Schäden zugefügt hatte, sondern vor allem „gegen das totalitäre System“, das den „Terror gegen Bürger“ ermöglichte und dem ich nach wie vor ausgeliefert war.

Würde die Tat für den Schergen Konsequenzen haben?

Wohl kaum.

Grausamkeiten gegen Andersdenkende waren systemimmanent und typisch für alle Diktaturen der Welt. Die Einsicht, dass es so war, konnte einen traurig stimmen, aber auch Kraft zu neuem Aufruhr entfesseln. Als sich die zwei so unterschiedlichen Reptilien in Menschengestalt wieder eingefunden hatten, wurde die systematische Fragerei fortgesetzt, so als sei nichts geschehen. In den Ritus eingebettet, erwartete mich eine ganze Palette neuer Drohungen und seelischer Brüskierungen, die als Mittel zur Wahrheitsfindung eingesetzt wurden. Für sie war ich ein „Regimegegner“, ein „Feind des Sozialismus“, der den offiziell verkündeten Weg zur Glückseligkeit aller in der neuen, noch aufzubauenden Gesellschaft infrage stellte, ein „Querulant“ und „geistiger Brandstifter“, der Brunnen vergiftete und der loyale Bürger vom Pfad der kommunistischen Tugend abbrachte.

Viel Ketzerisches hatte sich inzwischen angesammelt. Der Protest im Innenministerium in Bukarest, die Kreuzritter-Provokation in der Lenauschule, der Auftritt in der lokalen Parteizentrale, die Zersetzungsaktivität in der Trikotwarenfabrik und das unverblümte Reden auf der Straße sowie in der „Bastei“ unter Gleichgesinnten – alles Aktionen, die den Argusaugen des Wachapparates nicht entgangen waren, Taten, die sich gegen die „Sicherheit des Staates“ richteten, zumindest aus der Sichtweise der Geheimpolizei.

Dann begann die tiefere Ursachenerforschung, die bereits in früheren Befragungen betrieben worden war. Diesmal wollten sie alles ganz genau wissen – immer auch im Hinblick darauf, bei eventuellen Versprechungen und logischen Ungereimtheiten auf neue Namen zu stoßen, hinter welchen sich vielleicht potenzielle Regimegegner verbargen, die noch nicht bekannt waren. Als ich als Schuljunge den „Doktor Allwissend“ spielen musste, fern der Ahnung, dass ein Gockelhahn auch einen „Basilisken“ hervorbringen kann; und als ich viele Jahre danach erfuhr, dass auch der „Doktor Faust“ nicht nur viel, sondern „alles wissen“ wollte, konnte ich noch nicht vermuten, dass ich einst auf eine Institution stoßen würde, deren Spießgesellen noch mehr wissen wollten als alles, was man überhaupt wissen kann.

Diese Typen, die eigentlich keine Dämonen waren, sondern wahrhaftige Körper aus Fleisch und Blut, nur dämonisch wirkend und mit einem unmenschlichen Auftrag versehen, saßen jetzt wieder bedrohlich vor mir, interessiert, alles, was ich wusste, aus mir heraus zu holen; notfalls auch zu pressen mit Daumenschrauben wie den Saft aus einer Limette, und noch mehr. Nach einigen Stunden wurde die „peinliche Befragung“ abgebrochen. Wiederum hatte mich einigermaßen wacker geschlagen, indem ich den Präzedenzfall von selbst erlebtem Machtmissbrauch bemühte, um Gegenargumente abzuwehren. Das half mir diesmal. Am Spätnachmittag durfte ich in den kühlen Keller zurück, in den U-Haftraum – doch diesmal, aus welchen Gründen auch immer, in eine andere Zelle.

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