Von der Lichtmetaphysik und der Symbolkraft der Farben

 

Bürger, die mit den gesellschaftlichen Entwicklungen im sozialistischen Staat osteuropäischer Prägung unzufrieden waren, konnten im Rahmen der bestehenden Gesetze ihre Anregungen und Verbesserungsvorschläge an die Gremien der Partei weiterleiten und dann auf bessere Zeiten hoffen. Die Partei selbst hatte zu einer kritischen Haltung aufgerufen, „zu Kritik und Selbstkritik“. Der Akzent lag dabei auf der Selbstkritik, während das, was heilig war, und die Partei war sogar „sakrosankt“, nicht entweiht werden sollte. Jeder, der bewusst lebte, kannte dieses ungeschriebene Gesetz, das einem Tabu gleichkam. Wer dann in einem Augenblick der Selbstvergessenheit auch die Welt vergaß, in der er lebte, wer politisch unreif war oder einfach nur ein unverbesserlicher Idealist, der auch dort hoffte, wo jede Hoffnung verloren war, wer irgendwann tatsächlich Kritik an Partei und Gesellschaft übte, konnte sicher sein, dass die „Securitate“ ihm eine Akte anfertigte und ihn fortan genauer beobachtete, auch wenn er bisher noch nicht als Querulant aufgefallen war. Stalin hatte diese äußerst effiziente Methode der Machterhaltung zwar nicht selbst erfunden, doch immerhin meisterlich kultiviert und zur Vollendung geführt – und George Orwell hatte sie später genial karikiert, nachdem er die stalinistischen Praktiken empathisch wie kaum ein anderer Schriftsteller seiner Zeit aus der Ferne studiert hatte. Wer im rumänischen Banat dachte noch daran? Und wer wusste etwas von Orwell?

Da die bereits im Vorfeld eingeschüchterte Bevölkerung in „vorauseilendem Gehorsam“ die ungeschriebenen Gesetze weitgehend respektierte, hielt sich das kritische Aufbegehren in Grenzen. Nur ein paar Verwegene, in deren Schar andere auch mich vermuteten, muckten gelegentlich verbal auf. Im Rahmen ihrer bescheidenen Möglichkeiten hielten sie dagegen, indem sie sich dem Sarkasmus hingaben, manche, inzwischen schon desillusioniert, auch dem Zynismus, indem sie unverhohlen spotteten und lachten, politische Witze rissen, sich darüber amüsierten und die „schöne neue Welt“ um sich herum, von der kein Huxley je träumte, aufs Trefflichste verhöhnten. Keine Naturkatastrophe, keine todbringende Überschwemmung und kein noch verheerenderes Erdbeben waren tragisch genug, um nicht den „schwarzen Humor“ auf den Plan zu rufen, der ein Ventil war und auch entsprechend genutzt wurde. „Kompensation“ war das und geistiges Überlebenstraining, bedeutete aber Stillstand, Stagnation in allen Dingen und bald auch Rückfall, wo dynamische Fortentwicklung gefragt war.

Aber es gab auch ernsthafte Formen des „kritischen Bürgersinns“ und des „bewussten Dagegenhaltens“, vor allem seitdem die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa in Helsinki, kurz KSZE, die politische Makrokonstellation etwas verschoben und neue Weichenstellungen auf dem Gebiet der Bürger- und Menschenrechte vorgenommen hatte. Nachdem die rumänische Regierung die Erklärungen und Beschlüsse und der KSZE-Schlussakte ratifiziert und in dem Gesetz Nummer 212 aus dem Jahr 1974 in nationales Recht umgesetzt hatte, war zu erwarten, sie selbst und ihre Exekutive würden die in Helsinki verankerten Prinzipien und menschenrechtlichen Standards respektieren. „Denkste“, sagt der Piefke aus der preußischen Kapitale. Das war die Theorie, auf die sich jeder kritische Zeitgenosse und jeder angehende Dissident berufen konnte, nur war es leider „graue Theorie“.

Je verfahrener sich meine persönliche Situation gestaltete, desto entschlossener wurde ich, von den vermeintlichen Rechten Gebrauch zu machen, ja zu handeln, um über dieses Agieren – vor der abstrakten Gesellschaft – zunächst meine eigenen Perspektiven zu verbessern. Dass bestehende Gesetze von jedermann befolgt werden müssen – auch von denen, die sie in die Welt setzten, das erwartete ich als unverbesserlicher Optimist immer noch, obwohl es mir nicht mehr ganz fremd war, dass in Diktaturen selbst die Uhren anders gehen. Angetrieben wurde ich dabei von einem gesunden Egoismus, der nach Selbstverwirklichung schrie und der auch viel mit „nationaler Selbsterhaltung“ zu tun hatte. Wer zu früh die Fahnen strich, wer beim ersten Anflug von Schwäche bereits resignierte, versagte später im Leben fast immer. Er blieb für alle Zeiten am Boden – dahin vegetierend in einem Sein fern vom Selbst in der Uneigentlichkeit. Dazu war mir mein Leben zu schade. Damals zog ich es wirklich vor, lieber unter dem Misthaufen begraben zu liegen als auf dem Misthaufen würdelos existieren zu müssen. Das war tief gefühlt und echt. Schließlich lebten wir inzwischen zweihundert Jahre nach der Französischen Revolution, lange nach dem Sturm auf den Winterpalast und nach der Überwindung der zynischsten aller Diktaturen in der vielfach angekündigten „Epoche des Lichts“.

Also führte mein profaner Weg zunächst in den Vorhof der Götter, in die Zentrale der Kommunisten-Partei, den eine andere durfte es nicht geben. Nachdem meinem schriftlichen Audienzgesuch nach wochenlangem Abwarten endlich stattgegeben worden war, durfte ich tatsächlich antreten und mein Anliegen mündlich vorzutragen; und, welch ein Wunder, sogar an der ersten Adresse in der Stadt im Allerheiligsten, im Tabernakel des Kommunismus, am Sitz der Partei! Sie war nunmehr die Einzige im Land, nachdem sie nach 1945 alle anderen nach dem Vorbild großer Führer aus Berlin und Moskau „hinweg gefegt“ hatte! Zufällig mit der gleichen Methode!

Absurderweise nannte sie sich die RKP „Teil“, obwohl sie doch alles sein wollte – vielleicht in unbewusster, rein zufälliger Anknüpfung an jenen „Teil des Teils“, der einstmals „alles war“ – und der inzwischen wieder alles war; jenes Teils der Finsternis, der jetzt nur noch Licht gebar – als „Einheitspartei“, überzeugt, sie allein werde das „Zeitalter des Lichts“ wirklich vollenden. So etwa war die sonderbare Lichtmetaphysik neuzeitlicher Kommunisten zu deuten – in Moskau, in Ostberlin, in Bukarest und anderswo auf dem Erdball, wo das Licht noch fern war und „Dunkelmänner“ regierten. Aus einem verschwindend winzigen Teil der Bevölkerung, aus einer radikalen Splittergruppe, hatte sich nach der Machtübernahme im Jahr 1945 dank Stalins Fürsorge auch in Rumänien eine Monopolpartei herausgebildet, die nun ein alles verschlingendes Ganzes war, eine Partei der Kader – ein monolithischer Block aus eklektischem Marxismus-Leninismus, der keinen anderen „Part“ neben sich duldete und der auch nicht bereit war, an dem „Audiatur et altera pars“ der Vorfahren festzuhalten. „Prinzipienvergessenheit“ nannte ich das damals – oder „sozialistische Romantik“, wobei am liebsten eines verhüllt bleiben sollte unter dem Schleier der Maja – die Wahrheit.

Die Zeiten hatten sich geändert. Was zählten noch die Gepflogenheiten der Römer, von denen man sich gerne herleitete, wenn ein zivilisatorischer Anspruch zu attestieren war!? Demokratische Strukturen, das Mitbestimmen der Allzuvielen, von denen die meisten die „Vision“ des „Homo novus“ und der „neuen Zeit der Illumination ohne elektrische Energie“ noch nicht verinnerlicht hatten, waren ebenso wenig mehr gefragt! „Die Partei, die Partei hat immer recht“, sangen die glücklichen Maya des Sozialismus im Sklaven-Chor – und wer an der holden Botschaft zweifelte, die vom Himmel tönte, der wurde gleich totgeschlagen!

Die Geschichte des Kommunismus und die „seltsame Historia“ der kommunistischen Parteien waren mir nicht ganz fremd. Auch von ihrer verstaubten Mythologie hatte ich schon gehört – mit der imaginierten Herleitung von den fortschrittlichen Freiheitskämpfern der Daker um Burebista und Decebalus zur Zeit Christi bis hin zu Ilie Pintilie, zu Vasile Roaită, der noch im Sterben die Sirene aufheulen ließ, im „Genius der Karpaten“ gipfelnd, der jetzt ein großer „Duce“ war. Auch wusste ich von der blutig imperialen Geschichte der Sowjetunion, von den Millionen Opfern Stalins im eigenen Land und von den Früchten der Bolschewisten-Revolution nach 1945 in Berlin, Budapest und Prag. Durfte nun gerade ich Segnungen erwarten, wo ich doch kaum bereit war, etwas zu geben? Andere aus meinem Umfeld hatten da schon mehr eingebracht. Fortschrittlich, wie sie waren und zugleich blind für die lange und verbrecherische Geschichte einer totalitären Weltanschauung, waren sie in dieses Monopol eingetreten, sie, als elitäre Deutsche, als Hochschüler, als Journalisten und geistig Schaffende. Als besonders weitsichtige Dichter und Schriftsteller hatten sie, teils unter der Tarnkappe des Alberich versteckt, gerade „die Einheitspartei der Kommunisten als führende Kraft im Land anerkannt – und dies noch in Absetzung vom falschen Feind, namentlich vom eigenen Volk in der Bedrängtheit? Chamäleons gab es viele in Temeschburg, auch Wendehälse und Fähnlein, die man gerne aufrichtete, um festzustellen, woher der Wind weht! Menschlich, allzumenschlich war das – und mir war doch nichts Menschliches fremd? Oder?

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