Opfergang für ein Buch – „Präfaschist“ Nietzsche

 

Brüllend eröffnete der aggressive Langkopf mit dem fahlbraunen Pockennarbengesicht, den ich später noch genauer kennenlernen sollte, seine Befragung: „Was wolltest du bei dem alten Fuchs?“

„Nur ein paar Bücher gedachte ich ausleihen“, wehrte ich mich, ohne eine Unwahrheit sagen zu müssen, „philosophische Bücher, die weder im Buchhandel, noch in Bibliotheken greifbar sind! Genauer: Kant, Schopenhauer und Nietzsche!“ Damals verlangte es mich merkwürdigerweise gerade nach Schriften, die zum Teil auf dem „roten“ Index standen, ohne zu wissen, dass es immer noch indexierte Bücher gab, verbotene Literatur und Wissenschaft in einer Gesellschaft, die nach eigenem Selbstverständnis „offen“ war und human – so offen und human wie es in einem verriegelten Land hinter dem Eisernen Vorhang möglich sein konnte, natürlich!

„Nietzsche“ war nur ein provozierender Name auf meiner langen Wunschliste, ein ideologisch suspekter Name, der in stalinistischer Zeit noch mit ein paar Jahren Gefängnis aufgewogen werden konnte. Unvorstellbar hier und heute! Noch weitgehend naiv und neugierig suchte ich nach „Zarathustra“, dem „Buch für alle und keinen“, aber auch nach den christentumkritischen Spätschriften, wo der bereits stark paralysierte und wohl schon paranoide Philosoph noch eindeutiger „mit dem Hammer philosophierte“ als in den aufklärerischen Werken seiner frühen Schaffensperiode. Damals brannte ich zu erfahren, was im „Antichrist“ verkündet wird und wie man – selbst bei antiklerikaler Anleitung – kraftvoll „gegen Hammer und Sichel philosophiert“. Nietzsche – ein Antonym, ja Antidot zu Marx, Engels und Lenin? Nietzsche, der Umwerter der Moral, der Irrationalist, der „Präfaschist“ und „Vordenker des Nationalsozialismus“? Waren das stimmige Umschreibungen, auf Essenzen und Wesenheiten prägnante reduzierte Charakterisierungen eines großen Denkers oder doch nur stigmatisierende Epitheta, Parolen linker Interpreten? Nach den Erfahrungen mit den beiden entgegengesetzten und doch auch verwandten totalitären Systemen des 20. Jahrhundert interessierten Nietzsches gefährliche Denkkategorien, der „Wille zur Macht“ und der „Übermensch“ genauer. War er für den Irrweg der Deutschen mit verantwortlich? Pfarrer Hampel hatte vor Jahren vehement gegen Nietzsche gewettert, scharf von der Kanzel herab – und an den Ohren der Gläubigen vorbei! In der Stunde seines Todes sei der große Atheist doch in die Arme Christi heimgekehrt – wie Voltaire, obwohl er mit dem Wort „Gott ist tot“ seinen Schöpfer verleugnet hatte. Im gleichen Atemzug hatte der Priester in seiner pathetisch furiosen Predigt eine mich aufstachelnde, wachrüttelnde Formulierung gebraucht, die auf mich wirkte, wie eine freudige Erweckung, indem er Nietzsche, den Querdenker par excellence, als „einen der größten deutschen Philosophen“ bezeichnete, als einen aufrechten, innerlich wahrhaftigen und intellektuell redlichen Freigeist, der in seinem verzweifelten Ringen mit christlichen Wertvorstellungen, letztendlich doch „nur um das Kreuz und Gott als letzte Wahrheit“ gekämpft habe – bis hin zum Verfluchen des Christentums als Weltanschauung!? Besonders diese Hervorhebung der Freigeistigkeit in Absetzung von der Religion hatte meine kindliche Neugier geweckt, damals – und mich früh auf den kontrovers diskutierten „Narr“ und „Dichter“ gebracht, der als auch ein bedeutender „Denker“ war.

Das Wenige, was ich bis dahin von Nietzsche gelesen hatte, lag mir vor allem deshalb, weil diese Form der Literatur den Geist Voltaires und Heines atmete. Also wollte ich nach den ersten Kostproben bald noch mehr von den verbotenen Früchten am Baum der Erkenntnis naschen, trotz „Übermensch“ und „Wille zur Macht“! Oder eben deshalb? Gerade weil Nietzsche noch freier redete als andere schon sehr freie Geister vor ihm! Die Katholische Kirche liebte diesen größten Christentumkritiker aller Zeiten aus protestantischem Hause nicht. Das leuchtete mir ein. Deshalb bekämpfte sie den „Gottlosen“, den „Atheisten“ fast so vehement, wie er das Christentum in seinem Werk bekämpft hatte.

Doch weshalb mieden ihn die die nicht minder gottlosen, atheistischen Kommunisten und verboten sein Schrifttum? Was war so geheimnisvoll brisant an Nietzsches Büchern, dass man sie einem aufgeklärten Volk vorenthalten musste? Bestimmte ideologisches Scheuklappendenken ihr Tun oder fürchteten die Roten die Macht des Wortes, die entlarvende Kraft des Denkens, das sich gegen alles Verlogene, Einseitige und Totalitäre richtete?

Die Verstrickung in weltanschauliche Dissidenz oder in eine regimekritische Haltung begann oft mit einer Lappalie, mit Freigeisterei, aus welcher dann eine richtige Konfrontation mit dem System erwachsen konnte. Auch mein Weg in die antikommunistische Opposition resultierte irgendwo nur aus dem Drang zur Selbstentfaltung, aus dem Ringen um mehr Bildung, auf der Suche nach gültigem Wissen und letzter Wahrheit, beginnend im bescheidenen Kampf um ein Buch.

Einige Wochen nach der Begebenheit, die mich, den vom Wesen her eher antiklerikalen Aufklärer, mehr ungewollt als freiwillig bewusst in das Lager der Christen drängte, kam mir ein weiteres Buch in die Finger, ein „Testimonium authenticum“, das ich im Rausch verschlang. Es war das Zeugnis von Richard Wurmbrand unter dem Titel „Gefoltert für Christus“, welches der zum Christentum konvertierte Jude nach seiner Schreckenshaft in den stalinistischen Gefängnissen der „Volksrepublik“ Rumänien niedergeschrieben hatte. Der Leidensbericht ergriff mich wie einst die Märtyrergeschichten aus den Löwenkäfigen Caligulas und Neros und legte mich noch entschiedener auf das Kreuz fest mit andeutend, dass jeder großen Idee, jedem besonderen Kunstwerk und den höchsten Erdenzielen überhaupt ein selbstaufopferndes Martyrium vorausgeht. „Ich will mich selbst ans Kreuz schlagen, wenn es nur ein gutes Gedicht gibt“, hatte Lenau, dieser wahre „Märtyrer der Poesie“, wie ihn Vincenzo Errante treffend nannte, in der Nachfolge Beethovens einmal ausgerufen. Das war ein Leitsatz, eine Maxime und eine Haltung, die auf die gesamte Existenz ausgedehnt werden konnte – über die Welt der Kunst hinaus!

Das Kreuz, das wurde mir allmählich immer bewusster, war immer schon gleichbedeutend mit Erleiden und Entsagen – aber auch mit Ankämpfen: „Vocati sumus ad militiam Dei vivi“. Mit diesem Motto Tertullians überschrieb Lenau sein Savonarola-Epos. Savonarola, Campanella, Bruno – sie alle hatten als Märtyrer für hohe Ideale der Humanität gelitten – hinter ihnen Heine, Lenau, Nietzsche, Märtyrer der Poesie und des freien Geistes: Lenau und Nietzsche, in ihrem verzweifelten Ringen und Kämpfen mit dem Kreuz, gegen das Kreuz und um das Kreuz. Konnte ich anders, als mich dieser Tradition des Martyriums der sich selbst ans Kreuz Schlagenden für eine Idee anzuschließen – etwas egoistisch in eigener Sache und Mission zunächst wie Machiavelli? Also verfolgte ich meine Bahn als ICHTYS eine Stufe unterhalb des hehren Ziels.

Advertisements

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Buch, Publikation. Author Carl Gibson, History, Politics, Literature, Essay and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s