Im Dilemma – „Kulturkampf“ zwischen katholischer Kirche und atheistischem Staat

 

Die einzig hörbare Gegenstimme, die sich im dörflichen Umfeld erhob, um den kommunistischen Ideologisierungsbestrebungen des Staates bewusst entgegenzutreten, kam aus dem konservativen Lager. Es war Monsignore Hampel, der als einsamer Mahner von der Kanzel aus mutig aufschrie und seinen nur noch mühsam zusammen zu haltenden Schäflein die Rückbesinnung auf die christlichen Werte empfahl. Da ich weder besonders fromm, noch ein eifriger Kirchgänger war, lauschte ich seinen oft aufgeregt zornigen Predigten in den beiden Jahren meiner Ministrantenzeit.

Ungeachtet der katholischen Tradition im Dorf waren wir allesamt nicht besonders strenggläubig, was vielleicht auf unsere Herkunft zurückzuführen war. Denn der Antrieb unserer Vorfahren, den süddeutschen Raum zu verlassen und die Siedlungsgebiete in der Donau-Tiefebene einzunehmen, war eher politischer und weniger religiöser Natur. Für die deutschen Siedler, die durch die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges einer allgemeinen Verarmung und Verelendung preisgegeben waren, zählten in erster Linie politische und ökonomische Freiheiten als Basis einer soliden existenziellen Grundlage. Freiheiten der Überzeugung und des Gewissens waren sekundär. In Gegensatz zu religiös motivierten Auswanderer, die oft nach Übersee ausreisten, waren unsere Ahnen überwiegend kühle Pragmatiker, keine hitzigen Eiferer. Da diese Wesenszüge auch nach Generationen weitgehend erhalten blieben, fiel es dem charismatischen Monsignore schwer, „Werte“ zu verfechten und Tugenden zu lehren und dabei eine konsequente atheismuskritische Haltung durchzusetzen. Der Pragmatismus der Neuzeit und die existenzielle Notwendigkeit, sich mit den real sozialistischen Alltagsgegebenheiten arrangieren zu müssen, sprachen gegen einen Glaubenskampf. Anders als in Polen, wo bald darauf eine ganze Nation gegen das kommunistische Machtsystem antreten, „Solidarnosc“ stützen und den Kommunismus als Weltanschauung ins Schwanken bringen sollte, war unser „Katholizismus“ nicht viel mehr als die Religion der deutschen und der ungarischen Minderheit. Was bedeutete uns die Kirche noch? War sie mehr als eine rituelle Angelegenheit, mehr als profanes „Brauchtum“ „von der Wiege bis zur Bahre“? Wir alle passierten ungefragt das Taufbecken, durchliefen den systematisch erteilten Religionsunterricht, empfingen die „Heilige Kommunion“, wurden gefirmt und besuchten regelmäßig über Jahre hinweg, mehr von den pflichtbewussten Eltern gedrängt als freiwillig, die heilige Messe an Sonn- und Feiertagen, im Mai auch die nahezu täglich abgehaltene „Mai-Andacht“. Trotzdem reduzierte sich unser Verhältnis zur Kirche zu einer weitgehend formalen Angelegenheit ohne besondere innerliche Teilnahme, zumindest bei mir. Doch selbst diesen schlichten Ritus, der sich – wie in Teilen der Bundesrepublik auch heute zu beobachten – aufgrund der geistigen Trägheit der Gläubigen irgendwann von selbst erledigt hätte, wollten die Kommunisten vor Ort unterbinden, teilweise mit demonstrierter Macht.

Um die Konfrontation auf den Gipfel zu treiben, wurden uns Schulkindern eine Reihe schikanöser Pflichtveranstaltungen auferlegt, die zur gleichen Zeit abgehalten wurden wie Frühmesse oder das Hochamt in der Kirche vis-à-vis. Es waren etwa jene Versammlungen mit patriotischem Brimborium und viel „Tra-Tra“ im Schulhof, wo Fahnen gehisst und pseudopatriotische Hymnen abgesungen werden mussten oder „vaterländische“ Filmvorführungen im Kinosaal. In diesem plumpen Kräftemessen zwischen „atheistischem Staat“ und „katholischer Kirche“ sollte ein „Loyalitätskonflikt“ provoziert werden, der uns pflichtbewusste Schüler in die „Arme des Staates“ und bald darauf auch in die „Armee der Kommunisten“ treiben sollte. Jeder einzelne Schüler stand am Sonntagmorgen vor der Entscheidung, einer der beiden Autoritäten Priorität einzuräumen. Sollte er der deutschen katholischen Gemeinschaft folgen und mit ihr unserem Seelsorger Hampel? Sollte er, außerdem noch nüchtern, die an sich ewig gleich ablaufende, langweilige Messe besuchen? Oder sollte er sich doch auf die andere Seite schlagen, den Roten folgen, sich einen vergnüglichen Spaß gönnend, dem aktionsreichen Kinospektakel hingeben, auskostend, wie der heroische Dakerführer Dezebal, Ahnherr der Rumänen, gegen Trajans Legionen ankämpft; wie der rebellische Fürst Michael der Tapfere gegen die Osmanen aufsteht, um erstmals die drei Fürstentümer in einem Land Rumänien zu vereinen?

Wir jungen Menschen waren im Dilemma: Pflicht oder Kür? Kirche: die ewige Wiederkehr des Gleichen! Ein lästiger Ritus nur ohne Innerlichkeit, Einkehr und seelischer Erhebung – und dazu noch die vielen falschen Stimmen im Bigotten-Chor? Eine seelische Erhebung war das nicht. Wo blieb der Kitzel der Abwechslung, das Happening-Gefühl der Baptisten? Die Entrückung, die Verzückung? Andererseits lockten da farbenfrohe Kriegsszenen, die wiederum von einem „Michael“ kündeten, vom nationalen Visionär und Befreier, dem Ausbund einer Tapferkeit, die noch weit über den Mut des „himmlischen Michael“ hinausging, des Erzengels, der über das Böse triumphierend vom Altargemälde auf uns herab blickte! Was war richtig? Was war falsch?

Für welche Lösung sollten wir uns entscheiden? Und gab es überhaupt eine Lösung im gezielt herbeigeführten Dilemma? Echt verfahren das Ganze? „Wohin soll ich mich wenden“? Wenn Kommunisten mich plagen … und prüfen? – „Zu Dir, zu Dir, o Vater“ …? Eine Entscheidung für den Messebesuch und somit für die Kirche bedeutete „unbegründetes Absentieren“ und konnte ernste Konsequenzen nach sich ziehen. Durch diese bewusste Schikane, deren geistige Urheber wir nicht kannten, wurden wir Kinder in einen ernsten Gewissenskonflikt versetzt, den wir im Grunde selbst nicht lösen konnten, aber lösen mussten. Letztendlich gab es nur ein „Entweder – Oder“. Viele entschieden konservativ und besuchten zunächst den Gottesdienst und eilten dann – als bewusst Zuspätgekommene – doch noch zur verordneten Pflichtveranstaltung. Gerade die braven Mädchen, die nie anecken und es beiden Seiten recht machen wollten, übten diesen zerstörerischen Spagat bis zum Überdruss.

Zurück blieb eine innere Diskrepanz verbunden mit dem Gefühl, als Individuen nicht ernst genommen, ja verschaukelt zu werden. Die Gängelung des künftigen Staatsbürgers, der später Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen, aber nie mündig werden sollte, begann von Kindesbeinen an – mit System. Den ideologisch motivierten Urhebern der Konfrontation in den Parteizentralen, die praktisch nur einen offenen Kulturkampf zwischen der katholische Kirche und dem atheistisch orientierten Staat auslösen und ein Kräftemessen vom Zaun brechen wollten, war vermutlich nicht bewusst, dass sie mit gezielten Provokationen dieser Art den oppositionellen Sinn und das Widerstandsbewusstsein einzelner Mitglieder der deutschen, katholischen Minderheit geradezu herausforderten und damit einen unnötigen Konflikt mit einer Volksgruppe auslösten, auf deren Loyalität sie eigentlich bauen wollten.

Das war schlechthin politische Dummheit! Das war aber auch die Arroganz der Macht, die Überheblichkeit einzelner Funktionäre, an sich aber politischer Freitod, denn die Gegnerschaft der Andersdenkenden wurde nicht nur herausgefordert; die ethnisch-weltanschaulichen Gegner wurden somit sogar zusammengeschweißt, was den ideologischen Graben zwischen den Lagern noch mehr vertiefte. Der Dorfpfarrer wurde somit für einige von uns zum „Kreuzträger“, zu einer Symbolfigur des moralischen Widerstands gegen den marxistischen Universalanspruch.

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