Im „Zeichen des Kreuzes“

 

Die Kreuze im Leben des Menschen sind wie die Kreuze in der Musik; sie erhöhen.

Ludwig van Beethoven 

Hält der Mensch die Blicke himmelwärts,

Und die Arme liebend ausgebreitet,

Um die Welt zu drücken an sein Herz,

Hat er sich zur Kreuzigung bereitet. Lenau

Wie der Staat uns alle gängelte, maßregelte und provozierte, konnte ich mit gleicher Münze zurückzahlen, oder? Und wenn ich dann noch eine aussagekräftige Symbolik mit einsetzte, würde da der Effekt nicht noch stärker sein?

Ein verwegener Plan reifte heran, der nach einer passenden Gelegenheit schielte. Als dann im Februar des Jahres 1977 in der Lenauschule ein großer Faschingsumzug angekündigt wurde, witterte ich die Chance. Der anstehende Aufmarsch der Larven schien eine gute Gelegenheit zu bieten, das Vorhaben in die Tat umzusetzen und damit die bisher systematisch betriebenen und stets gesteigerten Sticheleien auf einen Kulminationspunkt zu treiben. Eine „schrille Maske“ war wohl das geeignete Mittel dazu. In welcher Kostümierung konnte man am wirkungsvollsten auffallen? Als Sultan? Als Scheich? Als wilder Nomade? Als Indianer? Als „Ritter“ vielleicht, als Artusritter, als Gralsritter, als abendländischer Ordens-Ritter – als „Kreuz-“ Ritter? Die letzte Variante faszinierte mich mehr und mehr. Je intensiver ich über „Kreuzfahrer“, Kreuzzügler und Kreuzritter nachdachte, desto klarer zeichnete sich die beabsichtigte Wirkung ab. „Deus volunt“ – sagte ich mir in einem Anflug von Fatalismus. „Gott hat es gewollt, das gerade mir hier und jetzt diese verwegene Idee einschoss, im „Zeichen des Kreuzes“ ein ganz anderes Zeichen zu setzen. Vielleicht ist es gar eine göttliche Eingebung? Wenn das zutrifft, dann will es der Herr auch, dass ich in „seinem Zeichen einen Kampf aufnehme“, der nicht nur der meine ist? Sicher will er es, dass ich letztendlich in seinem Zeichen siege … wie einst Konstantin? … In hoc signo …“

Das alles berauschte meine Sinne und erfüllte mich mit einem bis dahin noch nie gekannten Gottvertrauen. Mehrfach hatte ich auf meinem Weg in die Welt verlegen zum Himmel geschielt, höhere Hilfe erwartend, obwohl ich nicht richtig glauben konnte, ja ein Zweifler war. Jetzt fühlte ich etwas, was vielleicht ein „heiliger Krieger“ fühlt, wenn er für eine gerechte Sache in die Schlacht zieht. Mehr von Gerechtigkeitssinn erfüllt als fanatisiert, weiß er, dass Gott mit ihm einzieht in die Schlacht … und unsichtbare Engel mitkämpfen, nie gekannte Kräfte entfesselnd. Ja, „es kämpft sich nicht schlecht für Wahrheit und Recht“ … meinten die Alten im Dorf. Und da war etwas dran, auch wenn nur ein „symbolischer Kampf“ auszutragen war. Eine menschenverachtende Ideologie wie der Kommunismus, das wurde mir mehr und mehr bewusst, musste in einer geistig-symbolischen Auseinandersetzung niedergerungen werden. Dazu war ich bereit.

Schon wenige Tage nach den begeisterten Gedankengängen, die von Zuversicht und einem weitgehend unverfälschten Idealismus kündeten, trat ich an Nachbarin Elisabeth heran, mit der Bitte, mir die ungewöhnliche Montur anzufertigen. Frau Nunheimer, eine geschickte Schneiderin, hatte auch sonst schon viel für unsere Familie getan. Einen Kreuzritterumhang würde sie sicher ohne Mühe auch hinbekommen. Mir schwebte das Gewand eines Ordensritters vor, eines Kämpfers aus dem Heiligen Land, wie ich ihn aus Märchen- und Sagenbüchern oder aus dem Kino kannte. Doch es sollte der „Deutsche Orden“ sein, aus dem Gewand gut erkennbar hervorscheinend, da er mein Volk bezeichnete und meinem Empfinden am Nächsten kam. Erste Entwürfe des Kostüms waren bereits auf Papier skizziert, großzügig und vielfarbig, ohne besondere Rücksicht auf das tatsächliche Aussehen der historischen Ritter zur Zeit der Kreuzzüge, mehr aus der Fantasie heraus als freie Kreation, kurz: eklektisch. Schließlich war alles nur „ein Mittel zum Zweck“, eine machiavellische Provokation eines „Agent provocateur“, den staatliches Unvermögen und Versagen selbst verschuldet auf den Plan gerufen hatte.

Mir schwebte eine auffällige Montur vor, aus der sowohl die „deutschen Nationalfarben“ als auch die „christliche Gesinnung“ eindeutig erkennbar hervortreten sollten; ein Umhang in Schwarz, Rot und Gold – mit einem großen Kreuz auf der Brust, eine Art „Flaggengewand“, bunt und schrill, aber trotzdem mit ernsthafter Botschaft. Soweit die Konzeption. Die konkrete Umsetzung hingegen machte Schwierigkeiten. Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Unter den bestehenden Verhältnissen einer chronischen Mangelwirtschaft war es nicht ganz einfach, die drei verschiedenen Stoffe in der gewünschten Qualität zu besorgen. Schwarz und Rot – wie bei Stendal – kein Problem: Nur ein „Fahnenstoff in Gold“ war nirgendwo aufzutreiben. Ein Ersatz musste her in einer Gesellschaft, wo viel Ersatz eingesetzt wurde. Statt der kapitalistischen „Gold-“ Farbe musste dann in aller Not ein bescheidenes „Gelb“ herhalten; ein viel zu helles Zitronengelb, das immerhin identisch war mit dem „Gelb“ einer Abbildung, die ich beim Durchblättern eines historischen Werks erspäht hatte – die Banderolen deutscher Burschenschaftler während des Hambacher Festes zeigten ein ähnliches Gelb – ein Trost! Als die Materialen endlich zusammen waren, brachte ich sie der Schneiderin. Von enthusiastischem Pathos erfüllt, erläuterte ich ihr gleich mein Vorhaben in der Hoffnung verstanden zu werden, Bestätigung und Ermutigung zu finden. Doch statt überspringender Funken der Begeisterung erntete ich nur schweigsam kühle Skepsis. Ihre Mine hatte sich während der Schilderung verdüstert. In eine Zeit zurücksinnend, die ich nur vom Hörensagen kannte, schüttelte sie fast unbemerkt den Kopf. Weshalb, das dämmerte mir erst später. Elisabeth Nunheimer hatte den aufkommenden Nationalismus im Banat noch selbst erlebt; bald darauf das Walten der Nationalsozialisten im Tausendjährigen Reich. Als junge Frau hatte sie lange in deutschen Munitionsfabriken gearbeitet, auf Befehl Mordwaffen mit produziert – einiges hatte sie vom Krieg gesehen, auf eigener Haut erlebt, auch Flucht und Vertreibung, was ich aber nicht wissen konnte: Das „Deutschtum“, das ich hier demonstrativ in die Gesellschaft zu tragen gedachte, kannte sie schon, aber in der pervertierten Form eines übersteigerten Nationalismus, der sich gegen andere richtete. Jeder überschwängliche Patriotismus, wie er gerade in jugendlichen Schädeln spukte, musste ihr fragwürdig vorkommen – das fühlte ich irgendwie. Trotzdem pfiff sie mich nicht zurück, sie mahnte auch nicht, ließ mich gewähren, vielleicht weil ein natürliches Aufmucken, der Wunsch nach konkretem Protest wieder zeitgemäß war!? Die Fehler der Deutschen machten jetzt andere!? War es nicht Bürgerpflicht, dagegen zu halten?

Ohne viel zu fragen, machte sie sich ans Werk und fertigte in wenigen Tagen das „Faschingskostüm“ an. An „Fasching“ waren doch die „Narren los“ – und „auf dem Sprung“, nicht nur in Rottweil am Neckar. An „Fasching“ herrschte doch „Narrenfreiheit“? Und alles, was sonst verboten war, war in jener Zeit erlaubt!? Auch Kritik und geistige Revolte? Die Akzentuierung der tollen Tage entschärfte die Materie etwas, zum Glück!

Die Ordensrittermontur war fachmännisch genäht wie ein Kleid. Vor dem großen Spiegel in der guten Stube probierte ich es an – und war zufrieden. Die Wirkung würde nicht ausbleiben dachte ich, recht stolz auf die mutige Frau von nebenan, die gerade viel Mut und Zivilcourage an den Tag gelegt hatte; anders als andere, die sich bei einer ähnlichen Anfrage vielleicht feige zurückgezogen hätten aus Angst, eine mögliche Kollision mit dem Staatssicherheitsdienst zu riskieren.

Abgeschieden im stillen Kämmerlein ging ich dann daran, die Gestaltung des „Drei-Farben-Gewandes“ zu vervollkommnen mit Tusche und Temperafarbe. Etwas fehlte noch auf dem Aufzug – jenes Symbol, das aus einem Ritter deutscher Zunge einen christlichen Ritter machte: das Kreuzzeichen! Das „Kreuz“, ein Symbol, das mich unmerklich durch die gesamte Kindheit begleitet hatte, das ich täglich unzählig oft auf dem Altar im Zimmer der Großeltern sah, ohne es bewusst beachtet, ja geachtet zu haben; das „Kreuz“, zu dem ich tausendmal in der Kirche aufblickte, frühmorgendlich während der Litanei, als ich als Ministrant gelangweilt Dienst tat, dieses „Kreuz“ sollte jetzt eine neue Funktion bekommen … wie damals vor der Entscheidungsschlacht: „in hoc signo vinces!! Der Ausspruch aus dem Traum des Konstantin hatte sich mir geradezu aufgedrängt, als ich im Schoß der Mutter Kirche nach antikommunistischen Alliierten suchte. Jetzt schien die Zeit reif, dieses „Kreuz“ vorerst von der Religion zu lösen, um es umzuschmieden und dem „Leidens-Symbol“ primär ein politisches wie gesellschaftliches Sinnbild zu machen, das für die „Aktion“ stand, nicht mehr für die „Passion“. Gelitten, erlitten hatten wir genug!

Indem ich das alte Menschheitssymbol dem trivialen Hammer und der Sichel als übergeordnetes Sinnbild des politischen Kampfes entgegensetzte, knüpfte ich an eine alte Schwertkämpfertradition an, hinter welcher ein metaphysischer Kampf hervor leuchtete – der viele tausend Jahre alte Kampf archetypischer Struktur zwischen „Licht und Finsternis“, zwischen dem „Guten“ und dem „Bösen“, zwischen „Gott“ und seinem Widersacher, dem Gegenschöpfer „Satan“. In diesem alten „Dualismus der Menschheitsgeschichte“ glaubte ich meine Seite gefunden zu haben.

Die Welt um mich herum und überhaupt war nach wie vor antithetisch strukturiert, aufgeteilt in Schwarz und Weiß, in Sonnenschein und Dunkelheit, nur hatten die Farben gewechselt und die Symbole. Dies hier war „mein Kampf“, zumindest der Anfang davon. Und ich war bereit ihn zu führen als Aufklärer bis zum Ende meiner Tage, ganze egal, ob andere zustimmten oder nicht. Bestimmte Kämpfer werden im Angesicht Gottes ausgetragen, über das eigene Gewissen. Zu jenem Zeitpunkt individueller Radikalisierung und des Wandels zum Aufrührer, zum „Mensch in der Revolte“ nach Camus fühlte ich, dass es unbedingt so sein musste und nicht anders.

Wie hatte es Jesus einst formuliert? Jeder sollte irgendwann Partei ergreifen – für die eine oder für die andere Seite. Nur die Schalen, die Feigen, die Opportunisten zwischendrin, diese Lauen sollte man ausspucken. Wohlan! Und „à la bonheur“, wie ein guter, alter Freund auszurufen pflegte. Deutlich fühlte ich, dass ich das alles genauso wollte – innerlich fest entschlossen, der platten Welt des „Materialismus“, die ich aus dem tiefsten Urgrund meiner Seele verachtete, die sich gar „Sozialismus“ oder „Kommunismus“ nannte, eine Symbolik entgegen zu schmettern, die nicht nur ganz wesentlich älter war und ungleich tiefer, sondern die auch edler war und erhabener als alles, was unser gesellschaftliches Umfeld an progressiven Wahrzeichen zu bieten hatte: Also setzte auf das Kreuz noch vor der Rose und auf die Symbolkraft der deutschen Trikolore.

 

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