ICHTYS – vom religiösen Widerstand und von der Solidarität der Verfolgten

 

                                               Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Bibel

Wenn sich – lange nach dem Tod Christi am Kreuz – irgendwo in den Weiten des Römischen Weltreichs zwei Anhänger der neuen Lehre begegneten, ohne noch etwas voneinander zu wissen, setzten sie als Erkennungsmahl ein geheimes Symbol ein, ein Zeichen, das sie als Amulett am Hals trugen wie Millionen nach ihnen das Kreuz oder sie malten ihr geheimes Zeichen in den Sand des Weges. Wer sich mit dem „Bild des Fisches“ auswies, bekannte sich seinerzeit zu einer neuen monotheistischen Bewegung in der Nachfolge des Gekreuzigten, also zu dem sich vermehrt ausbreitenden Christentum, sich dabei vom Polytheismus der Griechen- und Römerwelt distanzierend. Das ICHTYS-Sinnbild definierte sein Christsein, eine übergeordnete Identität im Glauben, die über die nationale Verwurzelung und Abstammung hinausging. Dieses Christsein entsprach der eigentlichen Identität – eine Identität, die ihm, dem offiziell Verfolgten, automatisch die Rolle eines, modern gesprochen, Regimekritikers oder Staatsfeindes zuwies. Soweit die Ausführungen unseres Dorfpfarrers Josef Hampel zu den Anfängen der Christenheit, denen ich im wöchentlichen Religionsunterricht fasziniert und ehrfürchtig lauschte wie einer gelungenen Märchenstunde.

Viel später in der Weltgeschichte, fast zwei Jahrtausende nach dem Tribunal von Pontius Pilatus und den sich anschließenden Christenverfolgungen unter Caligula, Nero, ja selbst unter dem Philosophenkaiser Marc Aurel, war ich, ein aufmüpfiger Jugendlicher vom Land, in einer vergleichbaren Situation. Selbst im „Zeichen der Fische“ geboren, lag es nahe, nach Glaubensbrüdern Ausschau zu halten, nach Menschen mit freiem Gewissen und verwandten Überzeugungen, die bereit waren, den Kampf gegen die Standarten des neuzeitlichen Atheismus, gegen die übermächtig gewordenen Symbole Hammer und Sichel auf rotem Hintergrund aufzunehmen. „Du bist ein Fisch! Also musst du – wie alle gesunden Fische – gegen den Strom schwimmen“, hatte mir ein alter Mann, der noch an Astrologie und an die bestimmende Allmacht der Sterne glaubte, einmal nahe gelegt. Schwammen die modernen Christen der Jetztzeit noch gegen den Strom? War die Christenheit noch ein Bollwerk, ein Fels in der Brandung gegen Unglauben, Heidentum und Atheismus? Oder war die Christenheit nach fast zweitausendjähriger Machtentfaltung selbst zum Strom geworden, der langsam dahinfloss, oft anachronistisch gegen den Geist der Zeit? Im Jahr 1977 fragte ich nicht danach.

Die Zeiten hatten sich verschlechtert. Im gesamten kommunistischen Machtbereich während der Stalinära waren sie noch intoleranter geworden als zur Zeit der Cäsaren. „Falsche Symbole“ und „falsche Farben“ konnten einem immer noch schnell zum Verhängnis werden, vor allem dann, wenn sie an alte Symbole erinnerten, die der proletarischen Arbeiteremanzipation entgegengesetzt waren. „Freiheit oder Sozialismus?“ Das fragte ich mich auch, die grollenden Worte des deutschen Führers im Ohr, wenn er zu Volks-Genossen und Volks-Genossinnen redete, als ich die Freiheit meines Gewissens und meiner Gedanken einforderte und nach anderen suchte, die ähnlich dachten und fühlten. Wo war der „edle Sozialismus“, der alle Menschen erheben und einigen wollte? Der National-Sozialismus hatte ihn formal vereinnahmt, dann gründlich pervertiert und andere real sozialistische Regime, die autoritär waren, ja totalitär, ebenso. In meiner Suche nach weltanschaulichen Alternativen und natürlichen Alliierten wurde ich von der sich nahezu selbst aufdrängenden Vorstellung getragen, Andersdenkende müssten alle freiheitlich antitotalitären Kräfte der Gesellschaft zusammenführen, bündeln und vereinen, um gemeinsam der staatlichen Bevormundung unter kommunistischem Vorzeichen zu widerstehen. Ich selbst, ein zu neuem Leben wiedererweckter ICHTYS, ein Fisch in neuer Metamorphose im Strudel eines dunklen Stromes, wollte wenigstens den Versuch unternehmen, geistig-religiöse Verbündete zu suchen. „Wer sucht, der findet“, heißt es doch in der Bibel? Also nahm ich die Suche auf – und bald schon sollte ich fündig werden: im „Hof“ der katholischen Kirche im Temeschburger Vorortes Mehala, eine Stätte, die sich als Keimzelle christlicher Opposition herauskristallisierte. Felix, den Musiker, in dessen Haus bald darauf unsere OTB gegründet werden sollte, lernte ich dort kennen. Bis es soweit war, sah ich mich vor der eigenen Haustür um. In Sackelhausen, wo jeder jeden kannte, war die Wahrscheinlichkeit, vertrauensvoll angehört, ernst genommen und verstanden zu werden am höchsten, dachte ich. Den frommen Bibelspruch beherzigend, erinnerte ich mich der Kirche, in welcher ich „getauft, der heiligen Kommunion zugeführt und schließlich gefirmt“ worden war. Bald darauf klopfte ich an ihre Pforte in der Hoffnung, dass mir aufgetan wird. Die Tür öffnete sich – wie geweissagt.

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