Ein „Kreuzträger“ im „Aufstand der Moral“

 

Im Nationalsozialismus hatte es schon früh Widerstand gegen Hitler gegeben; nicht nur bei Niemöller und anderen Protestanten der „Bekennenden Kirche“. Auch aus den Reihen der katholischen Kirche rebellierten viele Geistliche früh gegen das Unrechtsystem, das sich selbst mit dem Papst zu arrangieren wusste. Viele einfache Priester an der Basis, denen das Seelenheil der Menschen anvertraut war, sagten „Nein“, wenn sie die Werte der Menschlichkeit und Nächstenliebe bedroht sahen und stellten sich – der „Freiheit des Christenmenschen“ vor Gott wie ihrem Gewissen folgend – damals offen, um den Preis ihres Lebens „gegen den Führer!“

Anno Domini 1970 wehrte sich auch unser Priester gegen die Spätauswirkungen des Stalinismus, dem, gleich nach dem Kriegsende und der Machtübernahme der Kommunisten, zahlreiche Repräsentanten der Kirche zum Opfer gefallen waren; unter ihnen „Bischof Pacha“ aus Temeschburg, der ohne triftigen Grund verhaftet, in einem Schauprozess abgeurteilt und eingekerkert worden war. Er starb schließlich nach langem Martyrium und schwerer Krankheit an den Folgen der Haft. Eine Audienz beim „Führer“ in Berlin, in welcher Bischof Pacha sich für seine zum Militär eingezogenen und als Christen diskriminierten Landsleute eingesetzt hatte, war ihm später im Stalinismus zum Verhängnis geworden. Diese Details waren damals um 1977 noch nicht bekannt. Erst heute, ein halbes Jahrhundert nach den schweren Christenverfolgungen im Machtbereich der Nationalsozialisten und Stalinisten, ist die Forschung dank zugänglicher „Securitate-“ Akten in der Lage, auch das Martyrium der Christen im Kommunismus aufzuarbeiten. So schildert allein das jüngst von Prälat Helmut Moll edierte Werk „Zeugen für Christus“ mehr als achthundert Leidenswege „christlicher Widerstandskämpfer“ repräsentativ für die vielen unbekannten Opfer, an die kein Kreuz erinnert.

Auch von der Verfolgung der nichtorthodoxen Kirchen hatte ich gehört, doch von fern – wie aus dem Nebel, während irgendeine Opposition der orthodoxen Kirche in Sackelhausen, der hauptsächlich Rumänen angehörten, überhaupt kein Thema war. Den Weisungen ihres systemloyalen Patriarchen Iustin Moisescu folgend, hielt sich die „Orthodoxe Kirche“, der nahezu alle 20 Millionen Rumänen angehörten, bewusst zurück, einer alten historischen Weisheit aus den Türkenkriegen vertrauend: „Das gesenkte Haupt bleibt vom Schwert verschont!“

Für mich, den aufgeklärten Spötter aus der Familie Voltaires, Heines und Nietzsches, wurde die Kirche „trotzdem“ zum moralischen Vorbild, vielleicht auch nur deshalb, weil kein anderes da war. Beeindruckt von der Widerrede unseres Pfarrers von der Kanzel herab, die nicht selten mit echter Leidenschaft ausgetragen wurde, blickte auch ich irgendwann „anders“ zum Kreuz hoch.

Seine Symbolik wandelte sich und führte weg vom still erduldenden Fisch, weg vom Ätherisch-Metaphysischen, weg von der allzu fernen Trostwelt des Himmels – und hin zur Erdverbundenheit, zum militanten „Kreuz des Kämpfers“ und hinein in die allzu präsente Unzulänglichkeit des Irdischen. Die scheinbar antithetischen Werte des „erleidenden Christentums“ und des „kämpfenden Rittertums“ ließen noch gut verbinden. Und mit dem Kreuz und dem Kreuzträger erschien mir auf einmal selbst die Institution Katholische Kirche geradezu als natürliche Verbündete in der noch anstehenden Auseinandersetzung mit dem realsozialistischen Bollwerk. Die baldige Wahl des Polen Karol Josef Wojtyla zum Papst hat diese Tendenz mehr als bestätigt. Als ich dann irgendwann auch zum Handeln bereit war und als siebzehnjähriger Oppositioneller Solidarität suchend erneut an die Kirchentür pochte, wurde mir wieder aufgetan.

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