Ein „Brief mit sieben Siegeln“

 

Zur heiß erwarteten Begegnung mit dem Märtyrer seines Glaubens sollte es aber nicht mehr kommen. Bereits während der Zugfahrt von Temeschburg nach Süden in Richtung Landesgrenze an der Donau geriet ich in eine Routine-Kontrolle der Grenzpolizei, die alle Reisenden in die Grenzgegend systematisch unter die Lupe nahmen. Gerade junge Burschen deutscher Herkunft wurden kritisch gemustert und intensiv befragt, war doch das rettende Ufer nach Jugoslawien nahe und der Ausbruch in die Freiheit ein viel gewagtes Abenteuer, trotz Lebensgefahr. Also fiel ich auf und sollte mich erklären! Wohin des Weges? Das Reiseziel „Herkulesbad“ nahm man mir nicht ab. Auf der Suche nach einem „Corpus Delicti“, nach entlarvendem Material, sollte ich die Reisetasche öffnen und alle Taschen leeren. Ohne zu meckern, gehorchte ich und tat, was mir befohlen worden war. Fluchtunterlagen, Landkarten, Skizzen, Devisen und ähnliches Belastungsmaterial, was eine mögliche Fluchabsicht untermauert, hatte ich nicht dabei, nur ein Brieflein im kleinen weißen Kuvert, keine Dollar und auch keine Dinar, um mich in Jugoslawien durchzuschlagen. Trotzdem wurde ich aus dem Zug geholt, ohne triftigen Grund, wie es mir schien. Hatte der Name des Adressanten den Chef der Truppe stutzig gemacht? Ein Hinweis auf die Pfarrei im Siegel? Das Brieflein wurde konfisziert und ich verhaftet, provisorisch, wie es hieß. Unmittelbar danach verfrachteten mich die Grenzsoldaten in die nächstgelegene Stadt, nach Caransebeş im Banater Bergland, wo ich für ein paar Stunden in Untersuchungshaft genommen wurde, bevor es noch am gleichen Tag wieder zurück nach Temeschburg, in die „Zentrale der Geheimpolizei“ am Leontin Sălăjan-Boulevard. Der Unort wurde nach der Revolution umbenannt – die Gebäude, inzwischen bunt gestrichen, sind noch die gleichen – und eine ähnliche „Polizei“ residiert heute dort mit verwandten Aufgaben: Bürger überwachen und die Sicherheit des Staates schützen. Erstmals befand ich mich in den Fängen der Geheimpolizei.

Im Verhör, wo ich nicht ahnte, wer mich da überhaupt verhörte, interessierte nur eines – jenes „Corpus Delicti“, der kleine Brief. Sie drehten das Kuvert hin und her, redeten, sprachen von Spurensicherung, Fingerabdrücken, verwarfen das wieder brachen das Siegel und rissen das Schreiben heraus. Das „Briefgeheimnis“ scherte diese Leute nicht – was Recht und Gesetz waren, bestimmten sie selbst. Sie waren  das Gesetz – und wenn es sein musste, erhoben sie sich über das Gesetz; nicht weil sie es wollten als Angehörige einer Kaste, die ein Staat im Staat war; sondern sie taten es, weil die Partei es so angeordnet hatte. Sie handelten nicht eigenmächtig, selbstherrlich, sondern auf Befehl! Schließlich waren sie „Schwert und Schild der Partei“, während die Kommunisten-Partei im Land das Höchste im Staat war, das Allerheiligste, das ohne Gott auskam, weil es die Stellung Gottes als Summe alle Guten eingenommen hatte. Aber hier und jetzt? Da roch es förmlich nach „Konspiration“!? Der Adressat, Pater Godó Mihály, sagte ihnen einiges; ja sie kannten ihn nur zu gut, diesen regimekritischen Ketzer, der mehr einzustecken bereit war, als sie prügeln konnten! Ein antikommunistischer Rebell war er seit je her, ein finsterer Kuttenträger, ein Reaktionär, der das Rad des Fortschritts wieder rückwärts drehen, der alle Errungenschaften der Revolution und der Machtergreifung nach 1945 rückgängig machen wollte!? Und der Knabe hier, ein Agent, ein Emissär der Reaktion, der vatikanischen Verschwörung? Offensichtlich rotteten sich da wieder ein paar Dunkelmänner zusammen, Illuminaten und Freimaurer, die die innere Sicherheit des Staates gefährdeten? Das Schreiben hin und her drehend, mutmaßten die drei Geheimdienstler und rätselten? Was war da schwarz auf weiß verbrieft? Auf Anhieb konnten sie es nicht herausfinden – der Epistelinhalt blieb ihnen vorerst verborgen. Nur fremde Zeichen boten sich ihren Augen dar, Hieroglyphen, zu welchen der Rosetta-Stein fehlte, Signata der Kabbala, die ferne darauf hindeuteten, dass die gründliche Ausmerzung der alten Humanistensprachen aus der Schulausbildung nach 1945 keine besonders sinnvolle Maßnahme gewesen sein konnte. Wer sprach noch altgriechisch, hebräisch?

Selbst Latein, die Sprache der eigenen Vorfahren, war dem kommunistischen Bildersturz zum Opfer gefallen! Jetzt genossen sie die Früchte der Weitsicht – ein Etwas, das für sie ein blankes Nichts war, verwies sie in ihre Schranken. Mit einer gewissen Genugtuung streifte ich ihre verdutzten Minen. Sie erlebten gerade eine schlimme Grenze, die Grenze ihres Wissens und den Radius der eigenen Beschränktheit. Kurz: Der Inhalt des doch offenen Schreibens erschien den humanistisch überaus schlecht ausgebildeten Geheimpolizisten wie eine Heilige Schrift in der Ursprache – siebenfach versiegelt. Dass der Inhalt ganz im Sinne meiner Erwartungen als wohlwollend warmes Solidaritätsschreiben aufgesetzt worden war, erfuhr ich erst im späteren Verhör, nachdem es den herbeizitierten Sprachexperten des „Securitate-“ Apparates doch noch gelungen war, den Empfehlungstext zu knacken und mich mit der Botschaft zu konfrontieren.

Das Referenzschreiben war teils in Ungarisch, teils in Latein verfasst. Den Wortlaut sollte ich nur indirekt erfahren – so wie ich auch nicht genau in Erfahrung bringen konnte, ob Monsignore Kräuter, dessen Bruder kurz nach dem Umsturz im Jahr 1990 zum Bischof von Temeschburg geweiht wurde, nach meiner Verhaftung Druck oder Repressalien ausgesetzt worden war, nur weil er als Mensch agiert hatte. Bestrafte ihn die „Securitate“ etwa nachträglich für sein freundliches Entgegenkommen oder dafür, einem angehenden Staatsfeind geholfen zu haben? Machten sie ihm die irdische Hölle heiß? Andeutungsweise aus den Verhörinformationen rekonstruiert schrieb der Monsignore dem Jesuiten etwa folgende Worte: „Verehrter Bruder, empfangen Sie den Überbringer dieses Schreibens als Freund und schenken Sie ihm Ihr Vertrauen. Er stammt hier aus Sackelhausen und ist als junger Studiosus an humanistischen Büchern interessiert, speziell an philosophischer Literatur, die er hier nicht finden kann. Geben Sie ihm bitte etwas aus ihren wertvollen Beständen, wenn sie es erübrigen können und wollen. Es dient vielleicht unserer Sache. Der aufgeweckte junge Mann begeistert sich auch für politische Fragen und ist nach meinen Erkenntnissen ein überzeugter Anhänger unseres Herrn Jesus Christus … Monsignore FK.

 

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