Die Partei – zwischen Nationalismus und Internationalismus

 

Die Partei der Lumpenproletarier von gestern, die Partei der Verdammten der Hungernden und der Entrechteten dieser Erde, die man immer noch zum Hungern zwang, thronte königlich im feudalen Palais, in der vornehmen Residenz auf Säulen, die keinem Herrschenden Schande bereitet hätte. Es war wohl das schönste Gebäude in Temeschburg, ein Vorzeigebau, von einem deutschen Sohn der Stadt in den Dreißigern errichtet. Trotz der vornehmen Tarnung als Palazzo fühlte ich mich in jene antike Fabel versetzt, wo vor dunkler Höhle der alte Löwe Hof hielt. Am Eingang lagen noch ein paar bleiche Knochen verstreut, Vanitas-Symbole, die vom Ende aller zeitlichen Dinge kündeten. Nach Äsops Kunde lockte der Löwe seine Opfer hinein, um sie dann zu verschlingen. Ging es mir bald ebenso? Vor mir tat sich eine andere Höhle auf, eine Hölle rotbrauner und braunroter Raubkatzen vielleicht, nur wenige Hundert Meter von der finsteren Schlangengrube der „Securitate“ entfernt. Kaltes Grausen beschlich mich schon an der Tür, gepaart mit dem Mut des Verzweifelten, als ich, der kaum siebzehn Lenze zählende Jungarbeiter, zitternd anklopfte und eintrat. „Was verschafft mir die Ehre deines Besuches, Junge?“ Erkundigte sich der Graue im aschefahlen Geschäftsanzug mit gewählter Unhöflichkeit, so als ob da einer antrat, um ihm die kostbare Zeit zu stehlen. Den höflichen, etwas schüchtern hervor gestammelten Gruß hatte er einfach überhört. Parteifunktionäre waren viel beschäftigte Leute. Eine „Gesellschaft des Lichts“ wurde nicht mit Däumchendrehen aufgebaut oder mit nutzlos vergeudeten Minuten. Während mich das Männlein argwöhnisch musterte, wohl um herauszufinden, welch exotischer Paradiesvogel sich in die hehren Hallen der Erleuchtung verirrt hatte, spazierte er hinter einem wuchtigen Schreibtisch, der eines Staatsmannes würdig gewesen wäre, unablässig hin und her. Grelles Tageslicht flutete den Raum und milde Frühlingsluft drang durch das halb geöffnete Riesenfenster. Irgendwo zwitscherte eine Schwalbe. „Schwierigkeiten führen mich her, gesellschaftliche Probleme unterschiedlicher Art“ verteidigte ich mich direkt, bald zunehmend selbstbewusster, nachdem ich mich auf Kulisse und Ton eingestellt hatte. Schließlich wollte ich nicht als serviler Bittsteller antreten, nicht als gefügiger Diener eines Herren, sondern als souveräner Bürger, standesgemäß als Gleicher unter Gleichen in einer Gesellschaft, die als Einzige die Ideale von Gleichheit und Brüderlichkeit umgesetzt zu haben glaubte – und die dabei selbst das edle Wort Freiheit noch für eigene Zwecke instrumentalisierte und pervertierte. Die Ideale der Revolution – ein Hohn!? Bitten und betteln wie einst die Leibeigenen und Vasallen an den Höfen selbstherrlicher Fürsten wollte ich als freier Staatsbürger nicht. Vielmehr gelüstete es mich, über den eigenen Fall hinaus, nach der Art eines Victor Hugo oder Emile Zola generelle Missstände des Alltags anzuprangern und Entwicklungen darzustellen, die mehr anklagten als sie beklagten. Der kleine graue Mann, jenem anderen von gleicher Statur im Gymnasium nicht unähnlich, schreckte nicht mehr; ja er provozierte mich sogar, im eingeübten Stil weiter zu machen, klagend anklagend. Obwohl ich innerlich ahnte, dass ein verbales Aufbegehren nur einem Gaukelspiel gleichkam, das ohne Konsequenzen bleiben würde, gebärdete ich mich wie ein Schauspieler, der sich selbst vergessend in eine Rolle hineinsteigert, um sie mit echtem Pathos zu erfüllen. Eine gewisse Chance witternd sprudelte ich los mit einem Wortschwall gleich einer Quelle, die kräftig schüttend plötzlich aus dem Waldboden hervorbricht, zum Wildbach wird, der dann auf dem Weg ins Tal tosend alles mit sich reißt, was sich ihm entgegenstellt. Noch bevor er mir richtig Einhalt gebieten konnte, übergoss ich den Parteifunktionär mit all den Problemchen, die sich in letzter Zeit angestaut hatten, mit eigenen und mit fremden und konfrontierte ihn mit Themen, die allesamt das Nichtfunktionieren der sozialistischen Gesellschaft zum Gegenstand hatten. Nur kam ich nicht weit damit. Bereits nach kurzem Hin und Her winkte wirsch er ab. Die anmaßende Kritik gefiel ihm genauso wenig wie der dissonante Ton aus dem Munde eines Deutschen, eines Minderheitlers, der hier im Land bestenfalls geduldet wurde. Längst hatte er genug gehört: „Schämst du dich nicht, unsere Gesellschaft so niederzumachen? Der Sozialismus kann nicht über Nacht realisiert werden, auch nicht von heute auf morgen! Wir brauchen Zeit dafür. Wir alle sind auf einem guten Weg hinauf, zum Licht der Zukunft! Und die Partei, die Avantgarde, weist uns allen den Pfad, den ein Genius ausleuchtet! Nur sind unsere Bürger noch nicht soweit in ihrem rückständigen Verhalten, das noch an bürgerlichen Wertvorstellungen krankt und an klerikalem Obskurantismus! Der neue Mensch der sozialistischen und kommunistischen Gesellschaft kommt erst noch! Mäßige dich, Freundchen, in deiner Ungeduld! Schließlich gibt es immer noch all zu viele destruktive Elemente in unseren Reihen, wie du eines bist, die alles zunichtemachen, was wir hier aufbauen. Was willst du eigentlich?“ Meine Antwort blieb nicht lange aus. Einiges, was mit meiner Selbstentfaltung und mit der bestimmt nicht allzu rosig ausfallenden Zukunft zusammenhing, hatte ich mir mental zurechtgelegt: „Freie Schulauswahl und danach einen freien Zugang zur Hochschule, in einer Fakultät meiner Wahl – ohne Parteimitgliedschaft oder Partei-Empfehlung, ferner Selbstbestimmung im angestrebten Beruf, keine ständige Gängelung durch den Staat in allen Lebensbereichen – und vor allem Freizügigkeit! Reisen will ich, wohin ich will! Als junger Mensch will ich in die Welt hinaus; ich will sie erkunden, sie in ihrer Verschiedenheit erfassen, ich will einfach nur frei kommen und gehen können – wie all die Jugoslawen da draußen vor dem Continental … Auch sie leben in einer sozialistischen Republik – und keiner hindert sie am Verreisen in alle Welt, am freien Zirkulieren, an der alltäglichen Chancenwahrnehmung, am Handeln und am Handel. Tito lässt sie alle ziehen und dorthin reisen, wohin sie wollen … als Gastarbeiter nach Deutschland, Italien oder sonst wohin. Das will ich auch! Weshalb bleibt uns hier das gleiche Menschenrecht versagt? Jetzt, nach den KSZE-Beschlüssen von Helsinki? Oder ist die Reisefreiheit nur ein Privileg für Auserwählte, ein Bonus, der eingeräumt oder auch entzogen wird – ein Lohn für treue Dienste? Und bedarf es überhaupt eines Privilegs? Ist es nicht inzwischen ein europaweit anerkanntes Recht, das jeder unserer Bürger einfordern und einklagen darf? Steht nicht jedem Bürger unseres Staates das elementare Menschrecht zu, sein Land frei verlassen zu dürfen und auch wieder heimzukehren? Die in Helsinki beschlossenen und dann ratifizierten Regelungen verweisen darauf. Weshalb werden gerade diese Rechte offiziell missachtet? Und weshalb setzt der Staat sie nicht praktisch um?“ So etwa wehrte ich mich so gut es mir möglich war wie einer, der das gute alte Naturrecht und die neuzeitliche Moral der Aufklärung auf seiner Seite weiß – das profane und das höhere Gesetz. Ein paar Gedanken hatte ich doch formuliert und an den Mann gebracht, vor allem den Hinweis auf die Jugoslawen, die täglich zu Hunderten in ihren winzigen „Zastawas“ durch Sackelhausen fuhren, um hier in Temeschburg Handel zu treiben, Mangelgüter zu verkaufen und Lebensmittel zum Weiterverkauf in Italien zu erwerben. Was würde er darauf erwidern?

„Jeder Staat regelt seine inneren und äußeren Angelegenheiten auf seine Weise. Die Rumänen sollen zunächst ihr eigenes Land kennenlernen. Es ist groß und schön. Und sie sollen es lieben lernen. Das gilt auch für dich, Bursche, schließlich bist du auf rumänischem Boden geboren und täglich isst du unser rumänisches Brot … “ Kein Wort zu Titos Liberalismus, der den reisefreudigen Jugoslawen seinerzeit noch einen bescheidenen Wohlstand ermöglichte. Nationalismus und Weltanschauung vermengten sich im Kopf des Funktionärs zu einer unseligen Mixtur der Trennung und Spaltung. Sein Ton wurde schärfer. Und schon war sie wieder da, selbstherrlich wie immer, die zynische Arroganz der Partei, die immer im Recht ist und des Staates, mir entgegen geschmettert in den Parolen eines Kulturlosen, der dann zu schimpfen begann, wenn ihm die Argumente ausgingen.

Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich sing!? Musste das so sein? Für ihn war ich ein undankbarer Sohn des Vaterlandes, einer, der gewissenlos die Errungenschaften des Sozialismus herabwürdigte, ein Ignorant, ein Verräter, ein bekämpfungswürdiges Unkraut aus den Fluren, während ich nur den „alten Hut“ einer längst verflossenen Zeit vor mir sah, den „Gessler-Hut auf der Stange“ – beeindruckend für fügsame Untertanen, für Funktionäre am Gängelband, nicht aber für Menschen, die sich in ihrer Entfaltung auf das Prinzip der Freiheit in allen Lebensbereichen beriefen. Mit Schillers Tell wollte ich jenem Hut keine Reverenz erweisen. Davon zeugte mein verweigernder Blick.

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