Äußere Erscheinung und innere Werte

 

Der Beamte wurde zunehmend gereizter. Blut stieg in ihm hoch in Richtung Schädel, bis das Gesicht rot anlief wie die Farbe der Flagge an der Säulenfront. Mit dem Blut kam der Furor des Machtmenschen, der keine Opposition gewöhnt ist und auch keine duldet. Cholerisch schnaubend wie ein aufgebrachter Stier beim Anblick des roten Tuches, rannte er durch das große Zimmer. Sein „rotes Tuch“ – das war der impertinente Deutsche da, bestimmt ein faschistisches Natterngezücht vom Land, rückständig und renitent, ein ewiger Neinsager, ein Gestriger, der den Geist der neuen Zeit noch nicht begriffen hatte. Aggressiv verächtlich Blicke trafen mich wie strafende Pfeile. Nach neuen Rechtfertigungen suchend, hielt er mit der noch wirr fortgeführten Tirade inne, um dann verächtlich zu bemerken: „ … aber wie ich sehe, Knabe, hast du dich ja bereits innerlich von diesem Staat distanziert. Du redest wie ein Anarchist, ja Nihilist … und herum läufst du auch wie die Hippies, verkommen wie ein westlicher Dekadent, in verlotterten Jeans, mit verfilzter Mähne … Wie willst du in dieser Montur anderen Jugendliche ein Vorbild sein?“ Ein stereotypes Äußeres, eine Uniform, spiegelte nach seiner Auffassung das höhere Bewusstsein wider, vielleicht sogar die geordnete Struktur der Seele eines an sich chaotischen Lebens? Während ich die Reaktion zu deuten versuchte, näherte er sich mir geradezu feindselig, so als wollte er zuschlagen, den strengen Blick auf mein T-Shirt gerichtet, das bei näherer Betrachtung recht vielsagend war. Mit Werbeaufklebern übersät wie ein moderner Rennfahrer, ragte ich als lebende Litfaßsäule grell in das „Grau des Sozialismus“ hinein, erneut provozierend wie das rote Tuch in der Arena. Minotaurus schnaubte. Jetzt war ich entlarvt – er wusste Bescheid. Für ihn war ich nicht weniger als ein gedungener Knecht, ein Assassine, ein Meuchelmörder am Sozialismus, ein willfähriger Handlanger imperialistischer Kräfte, die mich zum Instrument und „Agent provocateur“, umfunktioniert hatten, ohne dass ich diese Manipulation durchschaut hätte: „Was sollen all diese bunten Embleme auf deinem Trikot. Sind das etwa „sozialistische Symbole“? Was hat das ganze Brimborium hier auf dem Hemd mit deinem Vaterland zu tun? Und die Farben noch dazu? Sind das etwa die Farben deines Vaterlandes, der Heimat, die dich nährt? Oder erkenne ich da gar die Nationalfarben unserer alten Feinde, der Ungarn – der Revisionisten, die Siebenbürgen wieder haben wollen? Bist du nicht gar selbst ein „magyarischer Irredentist“?“

„Irredentismus“, was war das noch mal? Eine Art Revision des Bestehenden zugunsten des Status quo ante? Wollte das kleine sozialistische Nachbarland Ungarn wirklich jene nach Trianon abgespaltene Ecke Transsylvaniens zurück und die fruchtbare Kornkammer Banat? Was verwies darauf? Mein farbenfrohes Radlerhemd eckte also weitaus mehr an als die ausgewaschenen Jeans und die wilde Mähne. Die Farben störten den Parteisoldaten und der Herzschild irritierte ihn? Zunächst war ich verblüfft. „So“ hatte ich die Dinge noch nicht betrachtet! Der versierte Parteistratege sah viel mehr als ich mir selbst je ausgemalt hätte – und noch einiges dahinter? Einmal sensibilisiert wurde er auf das Abzeichen am linken Oberarm aufmerksam, das ich mir gerade hatte aufnähen lassen; eine grüne Stickerei mit dem Firmenlogo eines legendären deutschen Motorradherstellers, den es heute leider nicht mehr gibt. Wir liebten Farben und trugen sie zur Schau, ohne über den tieferen Sinn der Bilder nachzudenken. Das Sporthemd war grasgrün. Zwei handbreite Querstreifen durchzogen die obere Brusthälfte – weiß und rot. Mit Vorliebe trug ich das eher dezent als schrill wirkende Sportlertrikot dann, wenn ich mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs war. Und ich trug gern, weil es praktisch war und luftig, weil es bunt war und lebensfroh wirkte – und weil es eine dynamische Gesinnung mit transportierte, die der Jugend entsprach. Bewegung signalisierte Aufbruch in vielen Dingen und die ursprüngliche Vitalität dahinter. Andere Jugendliche aus den deutschen Dörfern des Banats und Schulkollegen aus Temeschburg verstanden die frohe Botschaft der Farben wohl, weil sie ähnlich fühlten. Irgendwo war der demonstrative Westlook die milde Ausformung eines ästhetisch-ethischen Protests, der in meinem Fall auch mit der eigenen Identitätsfindung zusammenhing. Für den Repräsentanten der Staatsmacht hingegen war die Farbenpracht eine offensichtliche Herausforderung der sozialistischen Gesellschaftsordnung, ein antikommunistisches Manifest frivolster Art, das auf den Leib gebannt, ungeniert in alle Eckern der Stadt gefahren wurde – ein Pfahl im Fleisch. Nicht nur Völker rivalisierten um Werte, auch Weltanschauungen beäugten sich scharf. Was offenbarte nun die Sprache der Heraldik? Mit etwas Fantasie konnte daraus tatsächlich die „ungarische Flagge“ konstruiert werden, das Hoheitssymbol des nicht gerade innig geliebten Nachbarstaates, auf den die rumänischen Offiziellen vor allem aus historischen Gründen schlecht zu sprechen waren. Aber auch die „bulgarischen“ und die „italienischen Nationalfarben“ schimmerten aus der Konstellation hervor. Wie sollte ich nun reagieren? Das Überraschungsmoment lähmte mich. Konsterniert verharrte ich kurz, ohne recht zu wissen, wie der der Schlag zu parieren sei. Nach einer Weile fing ich mich wieder, überwand die Verlegenheit und ging zur Gegenoffensive über, indem ich ein vor Tagen zufällig aufgeschnapptes Interview-Detail in den Disput warf: „In einer seiner jüngsten Reden betonte der ungarische Staatschef Janos Kadar, man dürfe den Wert der sozialistischen Jugend nicht nur nach Äußerlichkeiten beurteilen; nicht nach der Art, sich zu kleiden, nach Frisuren und ähnlichen Dingen, sondern nach ihrem tatsächlichen Verhalten und ihrem Handeln in der Gesellschaft!“

„Also sympathisierst du doch mit den Ungarn“, konterte er sicher wie ein Kommissar, der den Dieb nun doch noch überführt hat. Zwei Positionen prallten aufeinander, beide stimmig und doch unvereinbar wie Windschiefe. Alles driftete auseinander, diskrepant und unversöhnlich. Mir wurde schnell klar, dass mich der Aktivist nicht verstehen würde, weil er mich objektiv nicht verstehen konnte. Unsere Wellenlänge stimmte ebenso wenig wie die Frequenz. Ein Problem wurde offensichtlich, das ein Grundsatzproblem war im nationalistischen Kommunistenstaat Rumäniens: Der kommunistische Parteifunktionär war eigentlich gar kein überzeugter Internationalist alter Schule, sondern vielmehr ein glühender Nationalist, dem das Wohl des eigenen Volkes über alles ging. Meine weltanschauliche Botschaft, die etwas mit der Überwindung kleinkarierter Strukturen und mit dem gemeinsamen Aufbruch aller Nationalitäten zu tun hatte, empfing er nur auf völkischer Ebene statt auf der kosmopolitischen, sicher, weil sie ihm näher lag. Die eigene Identität als Rumäne und die historisch tief verwurzelte Urangst gegenüber den Ungarn hielten ihn davon ab, ein guter Kommunist zu sein. Wie erhellend! War es bei Ceauşescu viel anders? Kaum. Mikrokosmos und Makrokosmos auch hier! Wir redeten weiter, ohne uns verständlich zu machen wie nach der babylonischen Sprachverwirrung – und dies, jenseits von Sodom, im Herzen von Temeschburg. Dieses „Aneinander-Vorbei-Reden“ war symptomatisch für viele Missverständnisse im Land.  

Eigentlich hatte ich nur eine sozialistische Ikone der Neuzeit zitieren wollen, einen aus dem gemeinsamen Lager, einen der Barackenführer Moskaus. DDR-Staatschef Walter Ulbricht, ein anderer Stalinhandlanger übelster Art trotz Biedermannsgesicht, hatte irgendwann in einem Anflug von Pseudoliberalismus ähnliche Parolen verkündet. Auch auf ihn hätte ich mich berufen können, nannte aber spontan Kadar. Dass ich dabei einen verhassten Magyaren zitierte, einen verkappten Irredentisten in kommunistischer Uniform, daran hatte ich nicht gedacht!

Das kontroverse Kräftemessen wurde zunehmend polemischer. Die Argumente gingen ganz der hegelianisch-marxistischen Dialektik verpflichtet hin und her, ohne dass dabei eine konstruktive Synthese erwachsen wäre. Als ich schließlich noch frecher werdend einem polemischen Duktus verfiel, bald kein Blatt mehr vor den Mund nahm und fast schon so archaisch direkt sprach wie es die Leute aus dem Volk lieben – ganz so, so mir der Schnabel gewachsen war, wurde ich schließlich mit Nachdruck hinauskomplimentiert. Die gängigen Schimpfworte von der Stange hörte ich nicht mehr voll. Für ihn war ich wohl nur ein Namenloser, ein Aufmüpfiger unter anderen, der sich zufällig in die Höhle des Löwen verirrt hatte, um ihm die Zeit zu stehlen, die kostbare Zeit, wo doch das Parteirestaurant schon geöffnet hatte.

Als ich das Gebäude verließ, floh ich mehr als ich schied, wie ein Zigeuner, auf den man die Hunde hetzt. Noch war ich sehr aufgeregt und irgendwo auch frustriert. Denn nichts von dem still Erhofften war mir zugesagt worden. Kein Lichtblick, keine Perspektive. Alles blieb verbaut im hellen Staat des Lichts. Gefördert wurden andere … – auch „deutsche Genossen“ aus Perjamosch und von sonst wo, die „deutsche Genossen“ “loyale Kritik” übten, was immer das auch war und keine „destruktive“; andere, die gerne in der Partei waren, dies aber später ungeschehen machen wollten, es verleugneten und versteckten, aus Scham vielleicht oder aus einem neuen Opportunismus heraus und solche, die keine Systemabtrünnige, Ketzer und auch „keine Dissidenten“ sein wollten, auch keine „systemimmanenten“ Reformer.

Auch sonst hatte das ungleiche Kräftemessen mit dem „Mann des Apparats“ nicht viel eingebracht – nur immaterielle Werte, etwas gesteigertes Selbstbewusstsein vielleicht, eine sich festigende Würde und ein paar neue nachhallende Gedanken, die mich noch Tage lang beschäftigen: Die Akteure im Staat, ganz egal ob Kommunisten oder Chauvinisten, reagierten offensichtlich recht sensibel auf Farben und auf Symbole, auf Insignien der Macht, die ihre eigenen gefährden konnten. Ab diesem Zeitpunkt studierte ich die „Farbenlehre“ genauer, achtete auf ihre Sendung und suchte nach anderen Farbkonstellationen, nach unbelasteten und freien Farben, ferner nach Symbolen, die dem blutgetränkten Rot sowie der Einheit von Hammer und Sichel entgegen gesetzt werden konnten.

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