„Märtyrer für Christus“ – ein Monsignore, ein Jesuit und ein Konvertit

 

In der Absicht, dem mir als antikommunistischen Märtyrer bekannten Jesuitenpater Godó Mihály einen persönlichen Besuch abzustatten, trat ich im Jahr 1976 an den Nachfolger unseres damals bereits verstorbenen Dorfpfarrers heran und erbat ein entsprechendes Empfehlungsschreiben an den Mönch, der sich nach Herkulesbad zurückgezogen hatte, um dort im mild mediterranen Ambiente seinen Studien nachzugehen. Herkulesbad? War das nicht der einzige Ort im Land, wo die Sandviper sich wohlfühlte? Die riesige Höhle oben am Waldrand hatte ich während eines Schulausflugs besichtigt, angeblich jene Stelle wo nach altem Mythos Herkules, der antike Halbgott und Held, den Löwen erschlagen haben soll? Doch was zog den Mönch in die Karthause? Die Einsamkeit, das geistige Schaffen im Verborgenen? Oder suchte er den Schutz der Schlange, die weise war und nur bestimmten Leuten in die Ferse biss – auf der Flucht vor ganz anderen Schlangen? Neugierig und abenteuerlustig zugleich wollte ich es selbst herausfinden. Auch einige seiner Folianten gedachte ich mir auszuleihen, kostbare Bücher mit seltenen Inhalten aus der Privatbibliothek des Gelehrten mehrerer Fakultäten, rare Güter in bildungsfeindlicher Zeit. Darüber hinaus interessierte mich der Pater als Mensch und Charakter, da ich wusste, dass er für seine Überzeugungen schon viel gelitten hatte. Vielleicht war er gar ein potenzieller Alliierter? Möglichkeiten oppositioneller Aktivitäten hätte ich gerne mit ihm diskutiert, denn echte Jesuiten, soviel war mit bewusst, waren auch zugleich „Konquistadoren“ und somit Kämpfer – über das rein Geistige hinaus. Unser Dorfgeistlicher Dr. Franz Kräuter, der Bruder des späteren Bischofs von Temeschburg Sebastian Kräuter, verstand mein Anliegen. Er zeigte sich bereit, mir zu helfen. Ohne zögerlich nach tieferen Beweggründen zu fragen, gar nach Ausflüchten zu suchen, setzte sich der aus Nitzkydorf herstammende Monsignore an den Schreibtisch im alterwürdigen Pfarrhaus neben der Dorfkirche, das inzwischen einem Luxushotel weichen musste und brachte ein paar kurze Zeilen zu Papier, wie ich später erfahren sollte, in einer mir fremden, mir damals unverständlichen Sprache; dann faltete er das Schriftstück und schob es in den kleinen weißen Umschlag aus feinstem Papier, der für vertraute Liebespost gemacht schien. Säuberlich verklebte er das Kuvert, tropfte heißes rotes Wachs auf den Verschluss und versiegelte die Botschaft. Mit ein paar freundlichen Worten und besten Wünschen an den Bruder in Christus im fernen Kurort überreichte er mir daraufhin das wertvolle Präsent, getragen von der Hoffnung, mit der Geste der Sache der Freiheit, der Wahrheit und der Gerechtigkeit gedient zu haben. Jung und gutgläubig hatte ich an zwischenmenschliche Solidarität appelliert und etwas eingefordert, was mir selbstverständlich erschien, aber in der Welt, in der wir lebten, längst nicht selbstverständlich war. „Feigheit“ war die Regel, nicht Mut oder Zivilcourage! Tage später machte ich mich auf den Weg in das Heilbad, guter Dinge, den wackeren Asketen, der wie andere Repräsentanten des katholischen Klerus bereits Jahre seines Priesterdaseins in stalinistischer Haft hatte verbringen müssen, heil an Körper und Seele anzutreffen.

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