Zum Glück verdammt? Der Mensch als „Pawlowscher Hund“ und das Eiapopeia vom Himmel

 

Damals war ich ein Egoist, ein vollendeter sogar, mit einem freien Willen ausgestattet und einem Denkvermögen; einer, der keine Lust verspürte, nur ein Werkzeug sein zu wollen, weder des undurchschaubaren Schicksals, noch des allzumenschlichen diktatorischen Systems vor der Nase, dem ein stammelnder, schüchterner, ungebildeter Despot vorstand. Hatte nicht gerade erst die jüngste Weltgeschichte offen gelegt, wohin ein ideologisch geblendeter und fanatisierter Steuermann die Welt führen kann? In den Untergang eher als ins Elysium!

„Zum Glücklichsein verdammt sein“?

Bestimmt nicht zu ihrem Glück! In ihrem neuen Wahn, neue Wege zu gehen, fiel den Parteiideologen kaum auf, dass sie sich mit ihrer marxistischen Utopie ganz eng an das Diktum der Nationalsozialisten angenähert hatten, in dem verkündet wird:

Du bist nichts, dein Volk ist alles“.

Ein komisches Menschenbild!

Aus dem Ansatz eines vorsozialistischen Denkers und Atheisten wie Lammettrie, der Mensch sei eine Maschine, ein Roboter, ein gehirn- und seelenloses Objekt jenseits von Ethik und Religion, wurde in kommunistischer Vision das perfide Konstrukt, der Mensch sei im Grunde nur eine Marionette, eine Puppe, die sich, wie es Jacobi einmal formulierte, eher dem Despotismus unterwirft als der Freiheit, ganz so wie auch das bequeme Laster der asketischen Tugend vorgezogen werde.

Führer befehle, wir folgen dir

dieses jede Individualität und jede Form von Freiheit verkennende Diktum der Nationalsozialisten um Hitler, das mit seiner unkritischen Blindheit notwendigerweise in den Untergang führen musste, wurde von den Marxisten der Nachkriegszeit voll übernommen und konsequent umgesetzt. Zunächst im kleinen Maßstab von unseren teils biederen, teils naiven Lehrern, die brave und folgsame Menschen formen wollten. Dann vom sozialistischen Staat, der duckmäuserische und marionettenhaft funktionierende Untertanen erwartete – nicht anders als die absolutistischen und diktatorischen Systeme anderer Zeiten. Freiheit.

Freies Denken, freie Selbstentfaltung waren nicht gefragt. Die Freiheit überhaupt wurde von Kommunisten und Ostblocksozialisten infrage gestellt, weil sie dem angestrebten politischen Modell zuwiderlief. Selbst die Theoretiker des Marxismus bezweifelten die Existenz der Freiheit aus der Überzeugung heraus, der Mensch sei im Grunde unfrei und durch sein Milieu sowie durch seine wirtschaftliche Situation determiniert. Er handle nicht aus einer freien Entscheidung heraus, sondern von elementaren Trieben gesteuert und im permanenten Klassenkampf.

Aus der Sicht der Marxisten war der Mensch ein „Pawlowscher Hund“, der reagierte, wenn man ihm einen Knochen hinwarf – oder der zupackte wie ein Bluthund, wenn man ihm den politischen Gegner, den Klassenfeind, andeutete. Das Alltagsleben im real existierenden Sozialismus, in dem das Individuum nicht nur seine Würde sondern auch fast alle seine Menschenrechte eingebüßt hatte, schien diese These zu bestätigen. Das sozialistische Schulsystem mit seiner Gleichmacherei via Uniform und Instrumentalisierung von Anfang an war ein wichtiges Mittel dazu. War die Freiheit wirklich nur eine Fiktion?

Seinerzeit fühlte ich anders, noch bevor ich mit dem Denken begann, bevor ich auf Epikur stieß, auf die Stoa und auf die Denker des Deutschen Idealismus. Mir widerstrebte schon damals vieles, da mir die starke ideologische Ausrichtung nicht gefiel und ich mein Leben selbst planen wollte. Intuitiv dachte ich existenziell auf das ganzheitliche Überleben ausgerichtet. Die Trias von Psyche, Soma und Geist sollte entwickelt werden. Doch nicht mittels der täglichen Kartoffelsuppe wie der gut versorgte Klosterbruder im Mittelalter bis hin zu Stendals Romanhelden, sondern als voller Mensch in Würde, der diese Würde nur findet, wenn er in seiner Eigentlichkeit leben kann.

Ungeachtet meiner idealistischen Ausrichtung dachte ich noch leicht egomanisch nach dem Motto:

„Was schert mich das künftige Los der sozialistischen Utopie, wenn ich selbst auf dem Weg dahin geopfert werde!“

Die selbst ernannten Kommunisten im Land predigten in ihren täglichen Parolen genau das, was sie der katholischen Kirche und allen Religionen überhaupt immer wieder vorgeworfen hatten: das Versprechen einer ewigen Glückseligkeit in ferner Zukunft, ein paradiesisches Utopia!

Die Antwort darauf hatte ich nicht nur bei den Utopisten von Augustinus bis Campanella gefunden; auch bei einem Liebling der Sozialisten, bei dem antiklerikalen Heine war darüber zu lesen. Speziell in dessen „Wintermärchen“, wo die gleiche Heuchelei poetisch pointiert und wirkungsvoll abgehandelt wird. Das „Wasser predigen“ und „Wein trinken“ und das große Eiapopeia vom Himmel rollte gerade vor mir ab, während ein träges Volk mit atheistischem Opium eingelullt wurde, ganz im Gegensatz zu Marx, dem noch ein kritisches Bewusstsein vorschwebte, als er darüber nachdachte. Ich aber wollte mir meine Werte selbst aussuchen und meinen Werdegang selbst bestimmen. Doch noch war die Zeit nicht reif dafür. Mein Umfeld tolerierte das Vorgegebene weitgehend und machte mit, ohne öffentlich zu murren oder zu widersprechen – und ich, eine kleine Weile noch, mit ihm.

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