Vom Ungeist des Hasses und von der Macht des Ressentiments

Wo das Gesindel trinkt, sind alle Brunnen vergiftet.

Nietzsche, Zarathustra.

Auf meinem täglichen Weg zur Dorfschule, den ich Sommer wie Winter acht Jahre lang abschreiten musste, kam ich an vielen Häusern und Zäunen vorbei, die fast alle gleich aussahen. Hervorstechendes Merkmal der nüchtern zweckdienlichen Bauernhäuser ohne Zierart waren die stets frisch getünchten Frontseiten, deren makelloses Weiß für die Welt der Menschen stand, die darin lebten. Ihre Haltung zum Leben, ihre Weltauffassung und selbst ihr Weltbild entsprachen diesem Weiß, hinter dem Tugenden wie Reinheit, Aufrichtigkeit und innere Wahrhaftigkeit hervorschienen. Teilweise war es aber auch eine Tarnfassade für das Menschlich-Allzumenschliche hinter den Mauern. Ästhetisch waren diese weißen Giebelwände nicht, eher steril, bisweilen geschmacklos. Doch sie gaben dem Dorf ein Gesicht und waren für den, der in dieser vertrauten Kulisse aufwuchs, nicht weniger als Heimat und Ausdruck einer heilen Welt. Was lag näher als der Gedanke, die heile Welt, die doch nur die allgegenwärtige Heuchelei verdeckte, anzugreifen und zu zerstören. Forderte doch selbst Nietzsche als scharfer Kritiker der bürgerlichen Welt das Zerbrechen der alten Tafeln zugunsten der neuen; das Zerbrecherwerden, ja das Verbrecherwerden an den alten Werten für die Wegbereitung der neuen Werte?

Die Romakinder – sie sollen es gewesen sein – wussten nichts von alldem, als sie im Schutz des Nebels und der Nacht mit roter Kreide und mit ungeübter Hand vier Großbuchstaben an die weiße Wand malten, ein P, ein U, ein L und ein A – vier Majuskeln, die ein Wort ergaben, dass jeder im Staat kannte, obwohl es in keinem Wörterbuch verzeichnet war. Da stand rot auf Weiß oder schwarz auf Weiß unmissverständlich: PULA. Ein dort allgegenwärtiges und trotzdem allseits tabuisiertes Wort, das objektiv nicht mehr oder weniger bezeichnete als die kroatische Bezeichnung einer antiken Stadt auf Istrien, wo Bundesbürger bei Cevapcici, Aiwar und Slibowitz gerne ihren Urlaub verbringen. „Wir sind in Pula gewesen“, erzählte mir ein Angestellter des Landratsamtes arglos bald nach meiner Einreise und veranlasste mich damit, die Mundwinkel zu verziehen wie jener britische Attaché in Bukarest. Pula – was war schon dabei?

Der siebenbürgische Dichter und Verfolgte der Stalinzeit Wolf von Aichelburg war in Pula geboren. Eine schwere Hypothek für den später nach Rumänien verschlagenen Dichter und Komponisten. Das gleiche Unwort fand sich auf jedem grünen oder schwarzen Lattenzaun wieder und musste unfreiwillig von allen gelesen werden, die daran vorübergingen, von den keuschesten Jungfrauen, von den Mütterlein aus dem Rosenkranzverein und selbst von den Bigotten. Es war ein milieuspezifisches Wort, das den Kultur – und Zivilisationsgrad seines Umfelds näher bestimmte.

Neben den braven Deutschen, die es schleunigst und mit großem Aufwand von ihrer Hausfront wegretuschierten und überweißten, war dieser Begriff vor allem den kultivierten Rumänen peinlich und suspekt; bezeichnete er doch das alte Fruchtbarkeitssymbol der Dionysien, das in den Jahrhunderten vor Christus mit viel Überschwang durch die Gassen von Athen getragen wurde, und gleichzeitig – das wussten dann alle, die dort lebten – auch das erigierte männliche Geschlechtsglied, dessen Bezeichnung in allen rumänischen Lexika peinlichst vermieden wurde.

Gelegentlich sah der Vorbeischreitende neben dem Wort, oft auch nur stellvertretend für das Wort, ein echtes Phallussymbol auf den Kalk gemalt, eine Zeichnung, detailgetreu und nicht viel anders als in der Urheimat Indien oder im Alten Ägypten, oft überdimensioniert, prall und naturalistisch derb – rot oder schwarz auf weißem Hintergrund, so, dass der Kontrast jedem ins Auge fiel. Kaum einer unter den anonymen Künstlern, noch jemand aus der Schar der unfreiwilligen, naserümpfenden Betrachter wusste etwas davon, dass diese hohe Fertigkeit bereits in den lange unter Vulkanasche verschütteten Graffiti aus Pompeji antizipiert worden waren.

In Sackelhausen, Temeschburg und anderswo in der archaischen Landschaft waren naturbegnadete Künstler am Werk, die aus der Unmittelbarkeit des Gefühls heraus schafften, die neue Welten schufen, indem sie alte Scheinwelten zerstörten, in intuitiver Verwandtschaft zu jenen Schweizer Graffitipionieren, die in Ausübung ihrer Kunst, ohne Rücksicht auf eigentumsrechtliche und strafrechtliche Tatbestände selbst die Monumentalbauten der Bankhäuser ins Visier genommen hatten.

Was dachten sich die Akteure, Roma oder Nichtroma, dabei, als sie agierten? Schützten sie sich und uns alle vor dem Bösen Blick? Ein archaischer Mythos, von dem die Zigeuner vielleicht noch wussten, verwies darauf. Oder trieben sie uns konventionell erzogenen Geistern nur unsere unnatürliche Prüderie aus? Stimulierten sie damit nicht gleichzeitig die bei vielen noch tief schlummernde Sexualität?

Aber dachten sie überhaupt über ihr Tun nach? Handelten sie nur aus Langeweile? Oder agierten sie nur aus Lust an der Zerstörung? Zerstörten sie nur, um zu provozieren, um zum Nachdenken anzuregen? Oder vernichteten sie aus einem Ressentiment heraus, aus reiner Negativität, von Destruktion und Hass getrieben? Wollten sie aus reiner Bosheit nur das vernichten, was sie nicht hatten, eine heile Welt, die sie nie haben konnten, ein Ideal, zu dem andere aufschauten? Kratzten sie an einem Idol, an einem Ideal, an einem Kanon von Werten?

Und was motivierte dieses kreative Schaffen? Hatte es submentale Wurzeln? Wirkten auch hier die Kategorien des Unbewussten? Oder waren nur menschliche Unzulänglichkeiten am Werk? War die Gehässigkeit die Triebfeder ihres Malens und Schreibens? War das Ressentiment der Motor ihres Symbolismus, ihrer arg knapp und kurz ausgefallenen Kunst und Literatur? Oder war diese kreative Artikulationsform gar hormongesteuert? War sie biologisch determiniert? Oder wirkten hier doch psychopathologische Kräfte des Unterbewussten und des Unterbewusstseins, die aus dem Milieu heraus geformt und geboren waren? War da wieder Pawlow am Werk – ein auf den Kopf gestellter konditionierter Reflex, der konstruktiv wirken wollte und dabei reine Negativität produzierte? Nämlich den gleichen Hass und das gleiche Ressentiment, die beide Wurzel und Auslöser waren? Oder war das alles – in einem Wort, in einem Symbol verdichtet – nur der künstlerisch archaische Ausdruck einer unendlichen Sehnsucht nach dem Ursprung?

Als ich später im Leben mit sogenannter Literatur konfrontiert wurde, die, hundert Jahre nach dem Naturalismus und Symbolismus, mit den gleichen Bildern operierte, nur geschmackloser und abstoßender als in den avantgardistischen Zeiten, und mit zweifelhaften Botschaften, die die Heiligkeit, die andere im Herzen trugen, anfeindete und zerstörte, die von Hass, Bosheit und Ressentiments getrieben, seelische Welten zerstörten, die für Menschen Lebenswelten waren, erinnerte ich mich an jenen Archaismus, der schon alles vorweggenommen hatte.

Der Geist der Negativität und der Zerstörung keimt zuerst in den Gehirnen, schlüpft darauf in das Wort, um dann seine verhängnisvolle Destruktionsarbeit fortzusetzen, indem er andere unreflektierte Gehirne erreicht und dort zerstörerisch weiterwirkt.

Das Resultat sind die Früchte des Hasses: Zwietracht und Disharmonie, Hetze und Wut, Negation und Resignation – die Gegenwelten zum Wahren, Schönen und Guten, zum Geist der Humanität und zum polyfonen Zusammenklang der Symphonie. Verheerend wirken die Früchte des Hasses und der Hetze vor allem dann, wenn sie die literarische Ebene verlassen und sich im Politischen verbreiten, um dort weiter Zwietracht und Misstrauen zu säen; um die Menschen zu trennen, statt zu versöhnen.

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