Vom Tuten und Blasen … und vom Singen – frühe Indoktrination und Lobhudelei

 

Die gesamte Schulzeit hindurch steckten wir alle in einer marineblauen Uniform, kleinen Maos ähnlich – mit Nummern am Arm wie markierte Kälber. Weiße Hemden sollten getragen werden, Krawatten und nicht selten rote Halstücher aus glänzendem Polyester. Die Vereinnahmung von Anfang an, die bei der „Hitlerjugend“ so gute Resultate gezeitigt hatte, war präsent und wurde auch weitgehend unreflektiert hingenommen. Gelegentlich mussten wir uns – als „Pioniere“ herausgeputzt – im Schulhof in einem Karree gruppieren und eine halb festliche, halb martialische Zeremonie des Flaggenhissens über uns ergehen lassen. Was „Pioniere“ eigentlich sind, erklärte uns keiner. Ungefragt hatte man uns einfach zu Pionieren gemacht! Während die zartbesaiteten Mädchen in den dünnen Hemden und kurzen blauen Faltenröcken in der Kälte zitterten, kam ich meiner selbst erwählten Aufgabe als „Trompeter“ nach und stieß ein paar Fanfarenstöße in die Luft, die dem Spektakel einen noch feierlicheren Anstrich geben sollten. Das Blasen hatte ich mir früh selbst beigebracht und es dann während der mehrfachen Aufenthalte im sogenannten „Pionier-Lager“ verbessert. Nachdem das helle Jerichogeschmetter verklungen war, sangen wir! Wir sangen alle im großen Chor wirr zusammenklingend. Und ich sang mit – unreflektiert und unmittelbar, aus voller Brust! Gesang, das war eine Leidenschaft! Und er ist es auch heute noch. Singen hat viel mit Freiheit zu tun. Singen erhöht – und Singen befreit!

Damals sangen wir mit Inbrunst patriotische Lieder, ohne über deren Inhalte tiefer nachzudenken oder jene voll zu erfassen: „Auf unserer Fahne steht „Einheit“ geschrieben“ … „Wir huldigen Dir, Rumänien, väterliche Erde“ …Helden waren, Helden sind und Helden werden im rumänischen Volk sein“…“Rumänen gedeihen überall …“ Also bejubelten wir in den Lobgesängen die „weise Führung der Partei“, wir rezitierten Ovationen in Versform, ohne auf ihre Botschaft zu achten; wir sangen von der „Befreiung vom faschistischen Joch“, von der Einheit des Landes, von den Landesfeinden, die vergehen sollten wie das Unkraut auf den Feldern. Deutsche Kinder sangen von heldenhaften Rumänen, von „jungen Löwen“, die, wie aus dem Fels gebrochen, überall wachsen und gedeihen!

Manchmal sangen wir auch vom blühenden Frühling, vom wunderschönen Wonnemonat Mai, wo alle Knospen sprangen, wo in den Herzen, die Liebe aufgegangen, auch die höheren Lieben, ebenso vom ersten Tag im Mai, den alle „Proletarier der Welt“ als ihren besonderen Tag zu feiern wissen, am besten durch zusätzliche, freiwillige Patriotenarbeit! Und wir dankten der Partei auch dafür, immer mit der unverfälschten Begeisterungsfähigkeit, die unverfälschten Kinderseelen noch eigen ist. „Wir danken der Partei aus dem Herzen, dass sie uns an einen Feiertag einen neuen Weg des Frühlings gebahnt hat!“ Wer machte uns groß und stark und frei? Natürlich: die Partei! Die Partei, die immer recht hat! Die eine Partei, die sich schon als Begriff im real existierenden rumänischen Sozialismus selbst ad absurdum führte! Wer dachte schon über Begriffe nach? Denken war nicht gefragt, vor allem dort nicht, wo der Glaube angesagt war. Und das war nicht in der Kirche! Alle Lehrer, so schien es mir, machten diese schizophrene Heuchelei mit. Sie gehörte zu ihrem Beruf. Das ganze Volk machte den Unsinn mit, selbst die Angehörigen der sogenannten mitwohnenden Nationalitäten.

Damals war vor allem für uns Kinder noch nicht absehbar, dass aus diesen Vorgehensweisen selbst im neuzeitlichen Europa ein Personen- und Führerkult entstehen sollte, den man bisher nur bei Stalin, Hitler, dem Duce und Mao erlebt hatte und der dem ganzen Land aufgezwungen werde sollte. Die daraus erwachsene Groteske der besonderen Art war eine sogenannte „Cantarea Romaniei“ – das „Singen Rumäniens“ oder ein „Besingen“, eher ein „Singsang“, der schließlich zum „Abgesang“ eines senilen Diktators und des verwerflichen totalitären Systems dahinter werden sollte. Die Regie des Ganzen in der Kunst, das auf einmal alles war, lag in einer Hand, in jener des Initiators Adrian Păunescu, seinerzeit erster Lobhudler im Staat – und noch lange nicht erreicht von dem aufstrebenden Rivalen Corneliu Vadim Tudor.

In Frankreich, wo die Linksintellektuellen lange Jahre den Trend des politischen Lebens bestimmt hatten, begnügte man sich später damit, die Inhalte dieses vaterländischen Abgesangs und seiner geliebtesten Leitsterne wörtlich präzise zu übersetzen und kommentarlos wiederzugeben, um die Realitätsfremdheit und Lächerlichkeit der gesamten Indoktrinationskampagne, die sich über Jahre hinzog, zu verdeutlichen. Frappierend ist, dass die gesamte Erwachsenenwelt des Landes dem Treiben unkritisch zusah und diese monströse, dem gesunden Menschenverstand entgegen gesetzte Inszenierung nordkoreanischer Prägung widerspruchslos tolerierte und sich dadurch selbst verhöhnte.

Die von der kommunistischen Partei und Staatsführung verordnete sozialistische Erziehung sollte aus uns allen überzeugte Staatsbürger und späterhin gute Kommunisten machen, Helden des Sozialismus, der Prosperität des gesamten Landes dienend. Überzeugt – das war gleichbedeutend mit einseitig und gehirngewaschen. Keiner wurde gefragt, ob er mit dieser Lebensplanung einverstanden sei oder ob er alternative Existenzformen anstrebte; ob er so leben wollte oder anders. Dieses selbstherrliche „Nicht-Gefragt-Werden“, diese Arroganz des Staates, löste meinen Aufruhr und meinen inneren Protest mit aus.

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