Verbannt in die Wüste – stalinistische Vergeltung gegen Deutsche im Bărăgan

 

Der Hass auf die Deutschen im Banat und anderswo schrumpfte zu einer aussagekräftigen Sentenz zusammen: „Geh’ zu Hitler“, hieß es lapidar. Jeder kleine Rumäne oder Zigeunerjunge durfte so schimpfen, ohne dass es Konsequenzen gehabt hätte. Schließlich entsprach die Parole der offiziellen Sichtweise der Kommunisten; sie war also „politisch korrekt“. Deutschland hatte zwei Weltkriege verloren – und die Volksdeutschen überall auf der Welt hatten bei der Kriegsführung geholfen. Dafür sollten sie büßen – im Banat, in Siebenbürgen und anderswo. Primitive Hetze gegen Deutsche war erlaubt, geduldet, ja salonfähig. Nie ist jemand für die Verunglimpfung eines Deutschen zur Rechenschaft gezogen oder gar juristisch belangt worden, weder in Rumänien, noch sonst wo in Osteuropa. Schließlich hatte die Welt Deutschland und die Deutschen als Aggressor ausgemacht, 1914 und 1945. In unschönen Parolen war diese Essenz verdichtet. „Wenn es dir hier nicht gefällt, dann hau’ doch ab!“ Der Exodus der Banater Schwaben aus der kaum erst neu begründeten Heimat war also nicht „hausgemacht“ und freiwillig, sondern eine eindeutige Kriegsfolge, die von den Nichtdeutschen, vor allem aber von den Kommunisten wach gehalten und als „ethnischer Vorwurf“ weiter gereicht wurde. So kam das auch bei mir und anderen an. Die Folge davon war eine frühe, scharfe Politisierung einzelner, die sie auflehnungs- und oppositionsreif machen sollten. Der kommunistische Staat selbst, dies kann nicht oft genug betont werden, züchtete seine Widerständler, Dissidenten und Regimegegner selbst heran, aus eigenem Unvermögen heraus. „Geh zu Hitler“ … „und zu seinen Nachfahren in die Bundesrepublik Deutschland!“ Schön und gut! Nur wie sollte das funktionieren, wo doch alle Grenzen dicht waren und verschlossen gehalten wurden?

Ein weiteres Massenverbrechen besonderer Art, das Stalins willfährige Handlanger, die es nach der Machtergreifung der Kommunisten in Osteuropa schnell in jeden Staat geben sollte, in Rumänien ausheckten und umsetzten, erfolgte am 18. Juni 1951; also zu einem Zeitpunkt, als mein inzwischen schwer erkrankter Vater kurz vor dem Ableben nach fünfjähriger Zwangsarbeit aus der Sowjetunion entlassen wurde und wieder heimkehren durfte. Deportierte daheim sterben zu lassen – und nicht im anklagenden Konzentrationslager des Gulag, entsprach der humanen Gesinnung des Stalinismus, die zynischer war als der zynischste Zynismus. Rache ist süß, sagte sich der Georgier und unternahm alles, um seine verbrecherische Endzeit zu krönen, damit ihm der rechte Platz in der Hölle sicher sei. An jenem denkwürdigen Tag beschlossen die innenpolitischen Helfer Stalins in Rumänien, Innenminister Theohari Georgescu und Außenministerin Anna Pauker, gemäß einem Beschluss der alles bestimmenden Kommunistischen Partei des Landes, die Klassenfeinde im Land zu bestrafen – denn Strafe musste sein. Seit dem Alten Testament war das so – und die Cäsaren Roms hatten es nicht anders gehalten! Absurderweise machte man die vermeintlichen Feinde des Volkes und der Volksrepublik, alle unzuverlässigen Bürger des Staates, denen der Zwangsaufenthalt in der fernen Steppe gelten sollte, gerade in einem schmalen, teilweise nur fünfundzwanzig Kilometer breiten Grenzstreifen zu Jugoslawien aus, der weitgehend von Deutschen besiedelt war. Temeschburg blieb – wohl aus Gründen der Praktikabilität – ausgenommen. Zufall oder System und Methode?

Stalin zog gerne Linien auf Landkarten – wenn er Länder teilte und Völker; die im Banat war wohl nur eine winzige davon, eine ganz bescheidene. Tragischerweise fiel Sackelhausen gerade noch in die eigenmächtig festgelegte Zone, während die gleichen schwäbischen Landsleute ein paar Kilometer weiter westwärts von der Willkürmaßnahme verschont blieben. Das Schicksal zeigte sich gnadenlos. Erst der Transport unschuldiger Zivilisten in den Gulag nach Sibirien – und jetzt das rumänische Pendant dazu, die Verbannung für Jahre in die Donausümpfe im Osten. Ein wüstes Land wartete dort mit noch nicht gezimmerten Kreuzen. Die Vergeltungs-Geschichte nahm ihren Lauf. Unmittelbar nach der Ankündigung der mehrjährigen Deportation mussten mehr als vierzigtausend Personen deutscher Nationalität, in der Regel ehemals begüterte Großbauern mit Familie, innerhalb von wenigen Stunden ihren Beutel schnüren. Das noch vorhandene Hab und Gut mussten sie aufgeben, um dann von Bewaffneten eskortiert, erneut in Viehwaggons verfrachtet und ins Landesinnere verschickt zu werden. Es ging in die Wüste, in eine karge, noch nicht erschlossene, ja lebensfeindliche Steppenwelt, in der oft nichts weiter anzutreffen war als hartnäckiges Unkraut. Ein endloser Horizont am Tag und der gestirnte Himmel in der Nacht bestimmten die Landschaft, die ein „locus terribilis“ war. Der Schreckensort hieß Bărăgan. Im Grunde wirkte er noch schlimmer als die Arbeitslager im fernen Sibirien, denn im Ödland Bărăgan fehlten bei der Ankunft der Deportierten selbst die primitivsten Baracken. Die Verbannten waren gezwungen, Erdhöhlen auszuheben, um darin vor der glühenden Sonne im Sommer und dem bitterkalten Nordwind im Winter Schutz zu finden. Noch schlechter gestellt als ihre Vorfahren vor zweihundert Jahren, die damals – allerdings noch mit kräftiger logistischer Unterstützung aus Wien und zahlreichen praktischen Hilfestellungen vor Ort – das Banat urbar gemacht und zivilisatorische Zentren aufgebaut hatten, mussten die Zwangsdeportierten nun ohne Ausrüstung, ohne Werkzeuge, praktisch aus dem Nichts, primitive Schilfbehausungen bauen und notdürftig überleben, nicht ganz so privilegiert wie der gestrandete Robinson auf seiner Insel. Kaum zu beschreiben ist, was Menschen dort ertragen und erleben mussten. Spärliche Aufzeichnungen berichten davon und anklagende Bild-Dokumente, die mehr aussagen als tausend Worte. Ein kleines Schwarz-Weiß-Foto: zwei kleine Kinder im Schnee vor der Baracke – mit Tannenzweig und Kerze in den frierenden Händen, fromm betend. Solche Situationsbeschreibungen wirken tiefer als jede Abhandlung über Moral! Diese Repressalie gegen den sogenannten Volks- und Klassenfeind, gegen ganze Sippen, gegen Frauen und viele bestimmt unschuldige Kinder, zog sich fünf Jahre hin. Siebenbürger Sachsen und Rumänen aus bürgerlichen Verhältnissen waren ebenso betroffen. Mancher Verbannte überlebte die schlimme Zeit nicht. In späteren Jahren, als so etwas wie Unrechtbewusstsein und vielleicht auch Reue aufkam, haben die Rumänen versucht, die Spuren des Unrechts zu tilgen, indem sie die von den Deutschen aufgebauten Dorfsiedlungen niederreißen und schleifen ließen. Auch das ist eine Form der Vergangenheitsbewältigung!

Die Cäsaren tilgten die Prachtbauten ihrer Vorgänger auf dem Forum in Rom, um eigene zu errichten – gleich den Pharaonen im Alten Ägypten. Sie warfen alte Aufzeichnungen ins Feuer, ließen Chronisten kommen und die Geschichte umschreiben – so wie sie sein sollte, mit anderen Heroen. Die Stalinisten Rumäniens eiferten ihnen nach – und rissen, nach den Vorgaben ihres weisen Führers die von Deutschen erbauten Dörfer nieder, richtungweisend für all jene tausend Dörfer, die noch im Rahmen der anstehenden Systematisierung niedergerissen werden sollten. Es soll nicht sein, was nicht sein darf. Also: Deleatur! Ceterum censeo – Bărăgan esse delendam! Die Siedlungen müssen geschleift werden … und das Unrecht getilgt … schon vorausschauend für Slobodan Milosevic, der einen Befehl zum Massenmord schon gar nicht schriftlich fixierte. Was dachte sich der „Führer aller Rumänen“ dabei? „Baue an der Gesellschaft des Lichts, indem du Bestehendes niederreißt“, so lautete wohl die Devise der „neuen Menschen“!

Die meisten Deutschen in Sackelhausen wie im Banat durchlebten die Zeit des Stalinismus, in welcher der Geist des Revanchismus überdominant war und vor nichts zurückschreckte, als Opfer von Repressalien und Gewalt, vielfach ungerecht stigmatisiert und diskriminiert. Praktisch jede Familie war betroffen. Nach all den unbegründeten Heimsuchungen und den fehlenden Perspektiven im Land überrascht es nicht, wenn viele bisher loyale Staatsbürger, die nach dem Ersten Weltkrieg zum Teil sogar für einen Anschluss des Banats an Rumänien optiert hatten, sich vom rumänischen Staat und der sozialistischen Gesellschaft abwandten und ihr Heil im freien und rechtstaatlichen Teil Europas, im eigentlichen Vaterland, in der Bundesrepublik suchten.

Als ich im Jahr 1959 faktisch immer noch „in Verschleppung geboren“ wurde, war die schikanöse Zeit des Stalinismus, in welcher die Menschen schlechter behandelt wurden als das Vieh, in seiner übelsten Ausprägung weitgehend vorbei. Willkür und Terror aber waren geblieben, gelindert nur durch kurzes Tauwetter nach 1968 bis 1971. Trotzdem fühlte ich mich beim Hineinwachsen in die andere Gesellschaftsordnung erneut in eine attische Tragödie versetzt: Determiniert und verstrickt in ein Schicksal, das von höherer, undurchschaubarer Warte vorgegeben war und mit dessen Sinnstruktur ich mich nicht anfreunden konnte. Eine höhere Instanz hatte mich in eine bestimmte Situation gebracht, die mich, festgelegt durch die Macht der Vorgeschichte, den Verhältnissen auslieferte – allerdings ausgestattet mit dem freien Willen, und einigen Begabungen, dies zu ändern.

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