Tirol, Tirol … Argonner Wald … Waidhofen an der Ybbs – vom Reden und vom Schweigen

Nachdem meine Großmutter mütterlicherseits früh verstorben war, zog ich für Jahre in die Kammer meines Großvaters um. An ruhigen Winterabenden, wenn es früh dunkel wurde und wir uns an den warmen Kachelofen zurückzogen, in dessen Rohr manchmal noch ein Sauerkrautgericht mit Wurst vor sich hinköchelte, das den Raum in einen heimisch behaglichen Duft hüllte, pflegte Großvater aus seinem Leben zu erzählen. Wenn er zurücksann und berichtete, lag er meist ausgestreckt in seinem massiven Bett aus Holz in der rechten Ecke der Kammer, den wegschweifenden Blick an die Decke gerichtet, an den weißen Plafond, während ich mich in dem gegenüberstehenden Bett verkroch, in welchem Großmutter vor wenigen Jahren gestorben war. Eine solide, dunkelbraun gebeizte Kommode mit weißem Tischtuch, darauf ein ehernes Kruzifix, stand zwischen uns. Darüber thronte als übermächtiges Gemälde die gütige Gottesmutter Maria, von kleinen Schutzengeln umrankt. Das war unser Hausaltar, eine Stätte der Besinnung inmitten des sonst kargen Wohnraumes, der ohne jede weitere Dekoration auskam. Kunst, das war wie in den längst verstrichenen Jahrhunderten des Mittelalters, lediglich sakrale Kunst, zur höheren Ehre Gottes gedacht. Der Altar war Zeugnis einer einfachen Frömmigkeit, die nur gelebt, nie thematisiert wurde, ohne jemals in die Nähe der Bigotterie zu rücken. Aus allem strahlten eine himmlische Ordnung und die kosmische Geborgenheit des Menschen in einer Welt, aus der man nicht herausfallen konnte. Dieser naive Katholizismus, der in der Kirche auch im Lied anklang, ebenso bei Mozart und Schubert, erfüllte mich schon als Kind mit Wohlbehagen. Denn noch fand ich mich eingebettet in eine weitgehend intakte, heile Welt der Harmonie, behütet und von göttlichen Heerscharen beschützt, oft in fiebriger Erwartung der abendlichen Geschichte, die etwas von der wechselvollen Realität widerspiegelte, die gerade erst verflossen war.

Großvater, ein Handwerker, Schuster von Beruf, hatte einiges erlebt und gesehen in seinem langen Leben, beginnend mit der Zeit im österreichischen Heer. Der Erste Weltkrieg hatte ihn nach der Einberufung in die k. u. k. Armee bis nach Tirol verschlagen. Er war in Innsbruck stationiert. Traurige Lieder kündeten von jener Zeit, Weisen, die ich später selbst gerne sang, ohne zu ahnen, auf welche Art sie von den hart umkämpften Alpenhängen der Dolomiten ins entlegene Banat gelangt waren. Es waren überwiegend triste Lieder, deren Worte von Vergänglichkeit und Verfall kündeten, von gemeinsamer Geschichte und von der fast schon vergessenen Einbettung des Banats und seiner Siedler in das einst übermächtige „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“. Die Melodien waren fast alle in Moll – Ausdruck wehmütiger, ja schwermütiger Gestimmtheit und Spiegelbild der trüben Zeit nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und des nicht immer glücklichen Verlaufs. Ihre klagende und anklagende Trauer bewegte unser noch unverfälschtes, jugendliches Gemüt: Tirol, Tirol, Tirol, du bist mein Heimatland, / weit über Berg und Tal, das Alphorn schallt – Wenn ich gestorben bin, / legt mich ins kühle Grab, / wo deutsche Eichen steh’n, legt mich hinab. Ein patriotisches Pathos ergriff auch mich damals als Bub und war mit verantwortlich für die Ausbildung einer frühen völkisch definierten Identität. Wir lebten in einem Heidedorf im Fachland, in der Tiefebene und fühlten nicht anders als die Mannen um Andreas Hofer. Blut hin, Blut her, die Tiroler waren uns nah und vertraut, viel näher als alle anderen Völker um uns herum, obwohl bis zu den Alpen tausend Kilometer Wegstrecke zu bewältigen waren. Schließlich saßen sie nach der Zerschlagung der k. u. k. Monarchie Österreich-Ungarn und den Anschluss Südtirols an Italien mit uns Banatern im gleichen Boot. Das vergleichbare Los der Teilung und dieselbe Betroffenheit verbanden. Trotzdem sangen wir auch gern viele frohe Tirolerlieder, die von fröhlichem Jagen und romantisch erlebter Natur kündeten. Schließlich waren nicht nur die Tiroler lustig und froh, trotz der herben Geschichte – wir Schwaben im Banat waren es auch.

Als Offiziersdiener ging es Großvater besser als seinem eigenen, ebenfalls eingezogenen Vater, der irgendwo auf Frankreichs Fluren im schlammigen Schützengraben liegend dem Heldentod entgegenharrte und sich dabei eine tödliche Lungenkrankheit zuzog: Vor Adolf Hitler hatten zwei deutsche Kaiser, Franz Josef und Wilhelm, der Preußenkönig, Millionen aufs Schafott geschickt und dabei gleich zwei blühende Reiche zerstört – mit Säbelgerassel und Kriegseuphorie. Wir Kinder erfuhren von den tristen Tagen in Frankreichs Fluren aus dem Lied: „Argonner Wald zur Mitternacht,/ Ein Pionier steht auf der Wacht, – Argonner Wald, Argonner Wald, ein stiller Friedhof bist du bald,/ In deiner kühlen Erde ruht, so manches tapfere Soldatenblut.“ Auch solche Lieder von der Westfront sangen wir Kinder mit Inbrunst, ohne zu wissen, wo dieser „Argonnerwald“ wirklich lag und was aus unserem Ahnenland Lothringen inzwischen geworden war. Wir fühlten aber die Sinnlosigkeit eines Krieges deutlich und dahinter die Unerbittlichkeit des Schicksals, das einen Menschen in Augenblicken zu einem Nichts reduziert. Großvater hatte mit etwas Glück den ersten „Großen Krieg“ in Europa unversehrt überlebt und bald darauf – als Zivilist auf der Flucht – auch noch den Zweiten Weltkrieg. Aus diesen turbulenten, wechselvollen Zeiten schilderte er mir manches Ereignis, Begebenheiten, die mich zum Teil empfindlich bewegten, ja erschütterten. Vater hingegen, der durch die Zwangsdeportation noch viel weiter herumgekommen war, schwieg beharrlich, wie die anderen neunundneunzig Prozent aller Deportierten und Kriegsgefangenen später auch schweigen sollten, so als ob sie etwas zu verbergen hätten. Weshalb schwieg Vater, ein Opfer staatlicher Willkür, wo er doch nichts zu verbergen hatte? Vielleicht aus Rücksicht, um die zarte Psyche eines Kindes zu schonen? Vielleicht, weil er Unfassbares nicht schildern wollte, aus der Befürchtung heraus, doch nicht verstanden zu werden? Aus sonstigen Gründen? Jedenfalls erfuhr ich fast nichts über die fünfjährige Zeit seines Zwangsarbeitsaufenthaltes in der damaligen Sowjetunion bis auf ein paar Brocken Russisch und die indirekt angedeutete Tatsache, dass er selbst dort „Menschen“ angetroffen hatte, Menschen im eigentlichen Sinne des Wortes, die ihm dabei halfen, über den Tag zu kommen, zu überleben, um dann irgendwann – wenn auch schwer gezeichnet und gesundheitlich für immer ruiniert – heimzukehren.

Vater, der gemäß der Familientradition in seiner Jugend das Maurerhandwerk erlernt hatte, war in Kriwoj Rog bei Wiederaufbauarbeiten eingesetzt worden, vor allem beim Wiederaufbau von Brücken, die während der Kriegshandlungen beim Rückzug der Wehrmacht zerstört worden waren. Brücken bauen, ein schönes Bild und zugleich ein tiefsinniges! Also war er in meinen Augen ein „Pontifex“, ein Brückenbauer, ein Mensch, der etwas Verbindendes schuf – einer, der das wieder herstellte, was andere im kämpferischen Wahn vernichtet hatten. Die Russen und Ukrainer dankten es ihm, indem sie ihn am Leben ließen. Erst als Todgeweihter durfte er heim. Wer fragte nach den Folgen? Seine schwere Krankheit und spätere Kränklichkeit, die ihn jedoch nicht abhielten, schwer zu arbeiten, asketisch zu leben und jedes Vergnügen zu ignorieren, waren allerdings eine gewaltige Hypothek für meine Mutter, die im Alltag oft an ihre Grenzen stieß und dabei gelegentlich auch ihre Erziehungsaufgaben etwas vernachlässigte, noch mehr für mich, da der drohende Tod als Damoklesschwert über dem Leben jede Zukunft zur Gratwanderung macht. Wo Sicherheit hätte sein sollen, machte sich Ungewissheit breit.

Im Gegensatz zum introvertierten, ja kontemplativen Vater war Großvater Ott, der ebenfalls ein bescheidener, ethisch orientierter, und zeitlebens auch ein freundlicher wie höflicher Mensch war, weitaus mitteilsamer. Er war mit dem Jahrhundert geboren und hatte noch die Zeit der Magyarisierung der Deutschen im Banat voll miterlebt, eine Maßnahme, die bereits mit dem Segen Wiens nach der Doppelmonarchiegründung um 1860 in allen Teilen Ungarns, das von deutschen Sprachinseln durchzogen war, eingesetzt hatte. Noch als Kind war Großvater vom Lehrer dafür verprügelt worden, weil er sich in den Pausen und außerhalb der konfessionellen Schule, mit anderen Mitschülern in seinem angestammten, donauschwäbischen Dialekt unterhalten hatte, statt ungarisch zu sprechen. Selbst auf der Straße sollte in Sackelhausen, seinerzeit „Szakalhaza“ nur ungarisch geredet werden. Wer sich darüber hinaus bewusst zum Magyarentum bekannte oder seinen deutschen Namen gar magyarisieren ließ, wurde bevorzugt behandelt und konnte im Ungarreich Karriere machen.

Ungeachtet der einschneidenden Diskriminierungen durch die Ungarn vermittelte mir Großvater erste Worte und Ausdrücke in ungarischer Sprache. Er brachte mir auch das Zählen in dieser in meinen Ohren recht exotisch klingenden Sprache mit dem merkwürdigen Tonfall bei, die europaweit nur noch mit dem Finnischen verwandt ist. Gelegentlich schimpfte er auch ungarisch, damit wir Kinder nicht verstehen konnten, was so ärgerlich und abfällig dahergesagt wurde. Einige Perlen ungarischer Sprache blieben mir trotzdem im Gedächtnis haften und erweiterten den Wortschatz um einige Ausdrücke, deren eigentlichen Sinn ich erst später herausfand. Während die gängigen Floskeln und Redewendungen dieser ersten Fremdsprache später aus mangelnder Praxis weitgehend der Vergessenheit anheimfielen, blieben ihre Derbheiten und Kraftausdrücke, die immer wieder in unterschiedlichen Situationen aufgefrischt werden konnten, erhalten. Und mit dem Kontakt zum Ungarischen, das vielleicht sogar der Berührung des Rumänischen vorausging, erhielt sich auch eine gewisse Grundsympathie für das feurige wie eigenwillige Temperament des Nachbarvolkes, das einst auch den Werdegang eines Lenau mitbestimmt hatte.

Da Großvater die letzte Phase des Ersten Weltkriegs an der Front erlebt hatte, wusste er auch noch manches vom rumänischen Militär zu berichten und von der Ausbildung dort, wo noch die Lanze Verwendung fand, während anderswo bereits Panzer rollten und Zeppelin-Luftschiffe aufstiegen. Doch er erzählte sachlich, ohne die Abläufe groß zu kommentieren. Weit einschneidender und eindrucksvoller aber waren für mich seine existenziellen Schilderungen, sein „Testimonium authenticum“ als Bericht über die abenteuerliche Flucht mit Frau und Kind im Herbst 1944, deren Details er mir Abend für Abend ausführlich ausmalte. Geschichte und Geschichten ergänzten sich. Allein schon der Verlust des Zugtiers, einer Kuh, nach nur fünfundzwanzig Kilometern Flucht, erwies sich als nachhaltige Katastrophe, da mit ihr auch der Wagen mit den Fettständern, den Schinken und anderen Lebensmitteln und somit die Nahrungsgrundlagen der kommenden Monate verloren gingen. Das Zusammenbrechen und der Tod dieser Kuh erschütterten mich genauso wie der Angriff amerikanischer Tiefflieger auf den Flüchtlingszug, dem Mütter und Kinder zum Opfer fielen.

Nach vielen Rückschlägen und Strapazen erreichten die Fliehenden Wochen später das schöne Städtchen Waidhofen an der Ybbs in Österreich, das ihnen allerdings nur als Hungerort in Erinnerung blieb. Da sie sämtliche Lebensmittelvorräte auf der Flucht eingebüßt hatten, überlebten sie in ihrem temporären Refugium, von Dauerhunger geplagt, mehr schlecht als recht, um dann ein halbes Jahr später nach dem Zusammenbruch des Reiches aus sowjetischem Besatzungsgebiet mehr oder weniger freiwillig in ihre Heimat zurückzukehren. Aber sie erfuhren auch zwischenmenschliche Solidarität, Nächstenliebe und Gemeinschaftssinn, alles Werte, die Menschen in der Not zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammenschweißen. Die manchmal recht tristen Geschichten ergriffen mich und verursachten mir nachts vielfach seelisches Unbehagen, weil ich mir das vermittelte Unrecht und Leid nicht erklären konnte. Oft sah ich nur die Opfer auf dem Leidensweg, ohne die Gründe zu kennen, die den unfreiwilligen Opfergang ausgelöst hatten. Vor mir rollte eine Passion ab, deren Sinn ich nicht verstand und auch später nie verstehen sollte.

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2 Responses to Tirol, Tirol … Argonner Wald … Waidhofen an der Ybbs – vom Reden und vom Schweigen

  1. salixfrance says:

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