Teil II: Zurück, zum Ursprung!? Prosperität und Niedergang – das Banat während der Weltkriege

Teil II: Zurück, zum Ursprung!?

 

Prosperität und Niedergang – das Banat während der Weltkriege

 

Die Welt meiner Kindheit war eine Welt des Umbruchs, des Zerfalls, des Niedergangs, ja des Untergangs. Die Häuser standen noch fest gemauert in der Erde, die Aufrechten hielten auch noch an ihren Werten fest und schlugen im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten so gut sie konnten; trotzdem waren die Auflösungserscheinungen nicht zu übersehen. Krieg und Kriegsfolgen hatten neue Konstellationen geschaffen – und der Exodus war im vollen Gange. Vor unserer Haustür lebten gleich mehrere rumänische Familien, darunter auch Zigeuner – und wir, die Deutschen, waren mittendrin, gefangen in einer Mausefalle. Und die Katze, die allmächtige Rumänische Kommunistische Partei, saß davor, überlegend, was mit uns geschehen sollte: Auffressen in gnadenloser Assimilation – oder alle gegen harte Währung verkaufen, wie das Blut, dass man den Leuten gegen ihren Willen abzapfte oder die Schweinebäuche auf dem Weltmarkt. Ob wir es wahrhaben wollten oder nicht: Nach 1945 waren wir endgültig in Rumänien angekommen, im „kommunistischen“ Rumänien noch dazu. Die Rumänen fühlten sich in dem einst rein deutschen Dorf immer heimischer, während wir, die bodenständigen Einheimischen, zu Ausgegrenzten wurden, zu Fremden auf der eigenen Scholle. Schon aus diesem Grund reifte in vielen Köpfen der schwere Entschluss heran, lieber früher als später dem Arbeiterparadies den Rücken zu kehren und für immer auszureisen – „heim ins Reich“ … Doch nicht etwa in den „demokratischen“ Teil Deutschlands, denn von Parolen hatte man genug, sondern in den Rechtsnachfolgestaat des Deutschen Reiches, in die demokratisch legitimierte, parlamentarische Bundes-Republik Deutschland. Die Hoffnung, künftig ein Leben in Freiheit und Würde führen zu können, wurde zur Triebfeder. Und die Erwartungen an die Bundesrepublik waren hoch. Dass bald auch mit herben Enttäuschungen gerechnet werden musste, wollte man nicht wahrhaben. Negatives wurde verdrängt. War doch „jedes Los“ in der künftigen Heimat Deutschland dem Leben unter Rumänen und Zigeunern vorzuziehen. Die Vorstellung einer „kalten Heimat“ Deutschland – ein Unding.

Wer von uns Spätgeborenen wissen wollte, wie unser Dorf früher aussah, vor und zwischen den Weltkriegen, der musste mit den Alten reden, den Geschichten in der „Spinnstube“ lauschen oder die eigene Ortsgeschichte aus dem Jahr 1925 aufschlagen, wo unter anderem genau nachzulesen war, wer wie viel Hektar Feld hatte, wer einen Weinberg besaß und wie viele Pferde, Kühe und Schweine in den Ställen standen, bevor sich der Wohlstand für immer auflöste. Eine echte Kuhherde, wie man sie heute noch im Herzland Rumäniens oft antrifft, erlebte ich noch als Kind. Mehrere Dutzend Kühe wurden durch das Dorf getrieben, morgens in aller Früh und abends kurz vor Sonnenuntergang, staubig, stinkend archaisch mit fallenden Kuhfladen, die knallende Peitsche des Hirten hallte im Ohr. Die eigene Kuh war längst abgeschafft worden, nachdem die Kommunisten selbst in diesem peripheren Bereich vollendete Tatsachen geschaffen hatten: „Kuh oder Kindergeld“ hieß es damals, also Arbeit und Selbstversorgung wie bisher oder – sozialistisch eben – Geld vom Staat.

Viele wählten das bequeme Geld und ersparten sich so die Mehrarbeit. Auf diese Weise verschwanden die Rinderherden aus dem Dorfbild, fast über Nacht. Die wenigen Kühe, die es noch gab, standen nunmehr fast verborgen im Stall. Einige weitere Jahre … dann hatten nur noch die hinzugezogenen Rumänen aus der Moldau eine Kuh. Die ganze Kindheit hindurch trank ich noch frische Kuhmilch aus der Nachbarschaft, täglich mit einer Zweiliter-Milchkanne aus Aluminiumblech selbst abgeholt. Später kam die Milch nur noch aus der Staatsfarm am Ortsrand oder aus der städtischen Milchfabrik. Milch in Plastiktüten kam auf – und wo „Milch draufstand“, war nicht immer „Milch drin“.

Während im Jahr 1961 meine Einreise in die Bundesrepublik von deutscher Seite aus genehmigt und erste Ausreiseanträge gestellt wurden, setzte sich im Alltag mehr und mehr der „Sozialismus“ durch. Die gute alte Zeit war schon Teil der Chronik. Gelegentlich blätterte ich darin, las und erfuhr Erstaunliches. Einblicke wurden mir gewährt in die Zeit vor dem letzten großen Krieg, der alles endgültig verdorben hatte, in die Zeit, wo es „noch schön war im Dorf“, wie die Alten zu sagen pflegten.

Allein im mittelgroßen Sackelhausen gab es zwischen den Weltkriegen mehr als ein Dutzend Läden, genauso viele Metzgereien und über hundertfünfzig Handwerker zahlreicher Fachrichtungen, wohlhabende Bauern und Großbauern. Um 1925, als die Gemeinde mit über 4000 Seelen auf ihrem Entwicklungshöhepunkt angekommen war, bestand in Sackelhausen bereits ein eigenes Bankenwesen mit einem Spar- und Vorschussverein. Ferner gab es eine Milchgenossenschaft und eine Getreidemühle in der Rechtsform einer Aktiengesellschaft. Das Erwerben von Unternehmensanteilen hatte also Tradition! Selbst noch ein halbes Jahrhundert später, als Wertpapiere aller Art landesweit längst abgeschafft worden waren, begrüßten wir uns mit einem jovialen: Wie stehen die Aktien?

Sackelhausen erwirtschaftete nach der Jahrhundertwende hohe Exportkontingente, versorgte Wien und andere Regionen mit Fleisch und Getreide. Vom Wohlstand konnte sogar noch abgegeben werden. Zwischenmenschliche Solidarität machte karitative Projekte möglich. Nach dem Ersten Weltkrieg war unsere Gemeinschaft mühelos in der Lage, 150 ausgehungerte Kinder aus Wien zur zweimonatigen Erholung aufzunehmen – und bald darauf noch weitere 45 Kinder aus Württemberg. Das nach Reparationen, Inflation und Weltwirtschaftskrise gebeutelte Deutschland hungerte damals ebenso wie die zerschlagenen Reste der k. u. k. Monarchie, während es den Menschen im Banat recht gut ging – also gaben sie gerne etwas ab. Bald aber sollten sie selbst vor dem Nichts stehen.

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs brach mit dem Tausendjährigen Reich auch die wohlgeordnete Struktur des Banats zusammen, das funktionierende Gemeindewesen sowie die autonome Selbstverwaltung. Mit dem Rückzug der Wehrmacht über Temeschburg und durch das teilweise von Granaten zerstörte Sackelhausen flohen zwei Drittel der viertausend Einwohner in vier, teilweise kopflosen und schlecht organisierten Trecks nach Westen, überwiegend nach Österreich und Thüringen. Eines dieser vielen Schicksale auf der Flucht schildert der aus Sackelhausen stammende Autor Heinrich Lauer in seinem autobiografischen, sprachlich nahe am heimatlichen Dialekt angesiedelten Werk „Kleiner Schwab – Großer Krieg“ aus der Erlebnisperspektive eines Elfjährigen, der erst nach einer einjährigen Odyssee über Wien, Prag und Dresden in die alte Heimat zurückfindet.

Die Gemeinschaft von Sackelhausen, die sich in einhundertfünfzigjähriger Selbstbehauptung herausgebildet hatte und die gerade gut dabei war, die lange vernachlässigten kulturellen Werte auszubauen, wurde nunmehr für alle Zeiten in alle Winde verstreut. Nach Amerika waren junge Menschen vor Jahrzehnten nur für einige Jahre ausgereist, überwiegend, um Geld zu verdienen, um schnell reich zu werden; und um, gleich nach der Rückkehr, die harten Dollars in Grund und fruchtbaren Boden zu investieren, um neue, feste Steinhäuser zu bauen, um Weingärten anzulegen und um große Gewölbekeller für die zahlreichen Eichfässer zu errichten, in welchen der heimische Balsamsaft heranreifen sollte.

Der Zweite Weltkrieg stoppte dann diese vielversprechende ökonomische Aufwärtsentwicklung abrupt. Kaum die Hälfte der Geflüchteten kehrte nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches ins Banat zurück. Somit schrumpfte der Anteil der deutschen Bevölkerung in dem einst stattlichen Dorf fast um die Hälfte auf zweieinhalbtausend Einwohner. In die leer gewordenen Häuser zogen Rumänen aus allen Landesteilen ein. Mancher Heimkehrer fand bei der Ankunft nur noch sein besetztes Haus vor, das von sogenannten „Mazedonier“ oder Aromunen belegt worden war. Abends, vor dem Einschlafen, berichtete mir Großvater Ott von dieser schwer zu erduldenden Zeit. Leicht bewegt, doch sachlich schilderte er mir das Elend jener Tage, als der Hausherr und seine Familienangehörigen im inzwischen leeren Kuhstall hausen und so notdürftig überleben mussten, während fremde Leute, sogenannte Kolonisten, in der guten Stube und in der Kammer am Kamin saßen – oder, wie auch geschehen, mit vorher eingeweichtem Strick hinter Frau und Kinder herjagten. Andere Zeiten, andere Sitten! In einigen Nachbarhäusern waren nach der Deportation ihrer Eltern nur Kinder zurückgeblieben, den Launen der nicht immer menschlichen und gerechten Mazedonier überlassen. Der Siedler von einst, der alles aufgebaut hatte, siedelte nunmehr eine gute Weile mit Frau und Kind im Pferdestall. Schließlich wurde dieser nicht mehr gebraucht. Mehr als Tausend Pferde hatten die Kriegstage nicht überlebt. Sie waren abhandengekommenen als Zugtiere auf der Flucht ins Reich, zum Teil sogar aufgegessen worden. Nach der Kapitulation waren kaum noch fünfzig Pferde übrig – und die mussten, nach dem Willen der Partei, „zur Kollektiv“, wie es umgangssprachlich hieß, um dort – in der „Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft“, kurz LPG – ihrem Beitrag zum Aufbau des Sozialismus im stalinistisch-kommunistischen Rumänien zu leisten. Tier und Mensch wurden den hohen Idealen und Aspirationen der neu zu errichtenden Gesellschaftsordnung untergeordnet. Die Zahl der Rinder und Schweine schrumpfte ähnlich dramatisch, während die Anzahl der Esel in den Entscheidungsgremien der Partei dramatisch zunahm. Damit verflog auch der einstige Wohlstand über Nacht. Aus reichen Bauern wurden arme Schlucker, privilegiert, die enteigneten Felder „für den Staat“ bestellen zu dürfen.

Das Werk im Druck liegt inzwischen vor:

Das Gesamtwerk Symphonie der Freiheit und Allein in der Revolte

Das Gesamtwerk Symphonie der Freiheit und Allein in der Revolte7 ok

Carl Gibson Allein in der Revolte Titelbild

Das neue Buch von Carl Gibson

Vor wenigen Tagen ist erschienen:

Carl Gibson, Allein in der Revolte

Eine Jugend im Banat

Aufzeichnungen eines Andersdenkenden –Selbst erlebte Geschichte und Geschichten aus dem Securitate-Staat

J.H. Röll Verlag, Dettelbach, 409 S.
ISBN 978-3-89754-430-7

http://www.openpr.de/news/704256/Allein-in-der-Revolte-Carl-Gibsons-neues-Buch-ueber-die-kommunistische-Diktatur-in-Rumaenien.html

Carl Gibson mit seinem neuen Werk Allein in der Revolte

Carl Gibson

carl Gibson, Symphonie der Freiheit und Allein in der Revolte, Titelbilder

Carl Gibson neues Buch Allein in der Revolte Buckrückseite

Carl Gibson neues Buch Allein in der Revolte

Nachdem bereits ím Jahr 2008 die “Symphonie der Freiheit” im gleichen Verlag erschienen war, wird jetzt der noch ausstehende Teil des Gesamtwerkes vorgelegt.

Die “Symphonie der Freiheit” ist nunmehr vollständig.

Carl Gibson mit seinem neuen Werk Allein in der RevolteNeuerscheinung:

Carl Gibson

Weshalb wurde der zweite Band vor dem ersten publiziert?
Weil die wichtigen Inhalte absolute Priorität hatten.

Nun aber wächst doch noch zusammen, was zusammen gehört!

Die Graphik auf dem Titelbild (Kirche in Bukarest) stammt
von Michael Blümel,

das Foto auf der Buchrückseite wurde im Zentrum von Temeschburg
von Monika Nickel im Jahr 2009 aufgenommen.

Einige Kurzinfos aus dem Text auf der Buchrückseite:

Carl Gibson, M. A., Jahrgang 1959, Bürgerrechtler während der kommunistischen Diktatur in Rumänien, lebt als Philosoph, Historiker und Schriftsteller (VS) in Bad Mergentheim.

Mehrere Buchveröffentlichungen, Aufsätze, Essays. Zu seinen Hauptwerken zählen die literaturhistorische Dichter-Monographie: Lenau. Leben – Werk – Wirkung, Heidelberg, 1989 sowie die autobiographische Darstellung: Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceausescu-Diktatur, Dettelbach 2008.

Ergänzend zur “Symphonie der Freiheit”, ein Erinnerungswerk, in welchem die Geschichte der ersten freien Gewerkschaft “SLOMR” im Ostblock aus der Insider-Sicht eines Dissidenten sowie die Bedingungen der politischen und kulturellen Opposition differenziert wie kritisch beschrieben werden, schildert der Autor nunmehr im Folgeband “Allein in der Revolte” seinen Weg in den antikommunistischen Widerstand gegen die Ceausescu-Diktatur.
Carl Gibson beschreibt das Phänomen des “real existierenden” Kommunismus aus der konkreten Erlebnisperspektive eines jungen Nonkonformisten in Temeschburg im Banat und erörtert dabei den Kampf um Menschenrechte sowie das Ringen der deutschen Minderheit um ethnische Identität.
Zeitgeschichtlich orientiert fragt der Autor nach den Ursachen und Gründen, die zum Exodus der Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen aus Rumänien führten.

Die Neuerscheinung ist seit Februar 2013 auf dem Buchmarkt und überall im Buchhandel erhältlich, auch online u. a. hier:

http://www.amazon.de/Allein-Revolte–Eine-Jugend-Banat/dp/389754430X/ref=sr_1_4?s=books&ie=UTF8&qid=1362134956&sr=1-4

http://roell-verlag.de/shop/article_978-3-89754-430-7/Gibson,-Carl%3A-Allein-in-der-Revolte%3A-Eine-Jugend-im-Banat.-Aufzeichnungen-eines-Andersdenkenden-%E2%80%93-Selbst-erlebte-Geschichte-und-Geschichten-aus-dem-Securitate-Staat.html?pse=apq

Das Buch erscheint nach einer – fast dreijährigen – Verzögerung durch den Verlag.

Potenzielle Rezensenten bitte ich, Rezensionsexemplare direkt beim J.H. Röll Verlag in Dettelbach anzufordern.

Für eine Bekanntmachung meiner Buchpublikation auf einer Website oder Homepage bin ich dankbar.
In dem Buch steht das, was ich zum Banat und zur kommunistischen Diktatur zu sagen hatte.
Carl Gibson

Carl Gibson mit seinem neuen Werk Allein in der Revolte

Carl Gibson

P.S.: Eine Weiterverbreitung dieser Informationen freut mich.

Kontaktdaten:
Carl Gibson
Ketterberg 8
97980 Bad Mergentheim
Telefon: 079731 99 27 176
Email: Gibsonpr@aol.com
Email: carlgibsongermany@gmail.com

Zur Person, zum Autor bzw. Bibliographie:
http://www.gibsonpr.de
http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Gibson_(Autor)

Auszüge aus dem Werk finden sich auf diesem Blog.
Soweit diese Erstinformationen – weitere Infos werden folgen.

Carl Gibson mit seinem neuen Werk Allein in der Revolte 9

Carl Gibson

Carl Gibson wurde abgelichtet von Monika Nickel.

Rechtlicher Hinweis:

Alle Rechte für das Gesamtwerk (“Symphonie der Freiheit” und “Allein in der Revolte”) liegen beim Autor Carl Gibson.

Vervielfältigungen jeder Art, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Copyright: Carl Gibson

Advertisements

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Buch, Publikation. Author Carl Gibson, History, Politics, Literature, Essay and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s