Stalinistische Willkür und Revanchismus: Enteignung, „Bodenreform“, Zwangskollektivierung

 

Gleich nach Kriegsende und der sich anschließenden Machtübernahme durch moskautreue Kommunisten folgte die von blinder Ideologie bestimmte Zeit des Stalinismus, in der man für ein unbeabsichtigtes lautes Räuspern oder ein Wimpernzucken zum falschen Zeitpunkt schnell zum Tode verurteilt werden konnte. Es war die Zeit staatlicher Willkür, des Unrechts, der kollektiven Abrechnung, der Vergeltung und der Sühne. Den Revanchismus, den die Kommunisten früher oft und gerne anderen vorgeworfen hatten, betrieben sie jetzt selbst – gnadenlos und unerbittlich. Die Verbrechen des Bolschewismus nach der Oktoberrevolution im Rahmen der Machtkonsolidierung von Lenin und Stalin in der Sowjetunion erlebten eine Renaissance, überall im Ostblock, auch in Rumänien. Es war ein Déjà-vu-Erlebnis alter Ungerechtigkeiten in neuer Auflage, diesmal hauptsächlich gegen „Klassenfeinde“ und gegen „Deutsche“ gerichtet, die, in moralische Sippenhaft genommen, mit „Faschisten“ gleichgesetzt wurden. Seit der Machtübernahme der Bolschewiken nach 1917 hatten Lenin und Stalin die „Methode“ vorgegeben, frei nach Karl Marx: wer nicht für uns ist, der ist gegen uns. Ein guter Ansatz, dem Kommunismus weltweit zum Durchbruch zu verhelfen getarnt als Emanzipation der unterdrückten Arbeiterschaft. In Wirklichkeit vollzogen sich im gesamten sowjetischen Machtbereich der Ausbau und die Konsolidierung des roten Totalitarismus, der den braunen überlebt hatte. Endziel des Ganzen: die kommunistische Weltrevolution, doch nicht im Geiste der „Internationale“, sondern im Zeichen einer unerbittlichen Diktatur.

In der Zeit stalinistischer Grausamkeiten, die unmittelbar nach Kriegsende bereits zur blutigen Konfrontation mit den Westalliierten führte, wurde zunächst die bürgerliche Elite der Rumänen vernichtet, während eine Handvoll moskautreue Stalinisten, ausgestattet mit hoher krimineller Energie, ihre Machtpositionen ausbauten und festigten. Im Report zur Analyse der Diktatur in Rumänien, veröffentlicht im Jahr 2006 unmittelbar vor dem Beitritt Rumäniens zur EU, ist diese finstere Zeit, aus der die „Epoche des Lichts“ noch hervorgehen sollte, erstmals kritisch dokumentiert worden, nur leider noch nicht umfassend oder in anderen Sprachen nachzulesen. Bald nach dem Putsch und der Machtusurpierung der Kommunisten kamen – euphemistisch kaschiert als sogenannte „Agrarreform“ – die Zeiten der großen Vermögensenteignungen, der Zwangskollektivierung und der großen Gleichmacherei. Während alle Großbauern im Ort, die sich während der Jahre des Wohlstands zwischen den Weltkriegen ganze Ländereien zusammengekauft hatten und deren Felder fast schon bis zur Haustür der rumänischen Nachbargemeinden reichten, enteignet wurden, brach mit dem Verlust der Güter gleichzeitig die gewerbliche Struktur ein. Aus den vielen selbstständig tätigen Landwirten und Handwerkern wurde innerhalb kurzer Zeit eine Armee von Proletariern, Menschen, die bald darauf in den Staatsbetrieben von Temeschburg ein dürftiges Auskommen finden mussten. Aus vermögenden Landwirten, die Felder und Weinberge von fünfzig Hektar und mehr im Eigentum bewirtschaftet hatten, wurden mittellose Tagelöhner. Umwertung aller Werte? Nietzsche sollte auf anderer Ebene recht bekommen – aber nach den Vorstellungen von Karl Marx: Eine Umverteilung war angesagt. Sie wurde rücksichtslos durchgeführt, ungerecht und nur ideologisch begründet, von oben nach unten, wobei aus dem „Unten“ kein Privatbesitz wurde, sondern öffentliches Eigentum, sogenanntes „Volksvermögen“. Gastgeber und Patron, die „gazda“, die gestern noch einheimische Rumänen aus dem „Regat“, dem Königreich, beschäftigt und im humanen Umgang am eigenen Tisch ernährt hatten, wurden über Nacht „sluga“, also Knecht! Nunmehr durften die Herren von gestern auf ihren früheren Besitztümern zunächst für andere rumänische Eigentümer arbeiten, die das Land von den Kommunisten im Zuge einer Umverteilung umsonst erhalten hatten. Eine Weile später, nach der sogenannten „Bodenreform“, die nichts anderes war, als eine entschädigungslose Enteignung, ging es im Kolchos weiter, in einer LPG oder in einer Staatsfarm, wo vor allem die Tierzucht nach industriellen Maßstäben betrieben wurde.

Auch in der Verwaltung kam es zum Umbruch. Vor dem Krieg waren die Geschicke der Viertausend-Seelen-Gemeinde von einem Schulzen und einem Gemeinderat, der sich aus den Tüchtigsten vor Ort zusammensetzte, bestimmt worden. An ihre Stelle trat nach der Machtergreifung der Kommunisten ein fremder Parteisekretär rumänischer Nationalität. Selbst die Kontinuität der Glaubensgemeinschaft schien unterbrochen. Katholische Kirche und der Vatikan wurden Teil des imperialistischen Feindbildes. Ihre Mitglieder wurden von der Stunde an verfolgt. Während Bischöfe und katholische Priester in Schauprozessen abgeurteilt und für Jahre in finstere Gefängnisse geworfen wurden, Zellen, aus denen manch ein Opfer nicht mehr entlassen werden musste, brachen äußerlich die Kirchenbauten ein. In Sackelhausen stand die katholische Kirche zwar immer noch mitten im Dorf, nur war sie – symptomatisch für die führungslose Gemeinde – enthauptet und ohne Turm! Der war, als das Dorf von Temeschburg aus mit Granaten übersät wurde, einfach von Soldaten der Roten Armee weggeschossen worden.

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