Schuld und Sühne – Zur Instrumentalisierung Volksdeutscher in der Waffen-SS

Zu jenem Zeitpunkt wurde auf einen Schlag überdeutlich, dass die während der Zeit des Nationalsozialismus partiell instrumentalisierten Volksdeutschen, die, abgesehen von dem 1000- Mann- Freiwilligen- Kontingent, fast ausschließlich „gegen ihren Willen“ in die Kampfverbände der Waffen-SS integriert worden waren, eine Zeche für eine Suppe bezahlen mussten, die andere ihnen eingebrockt hatten. Diese oft unschuldig „Schuldiggewordenen“ waren – neben den Millionen Wehrmachtsangehörigen auf den Schlachtfeldern, Friedhöfen und in späterer Kriegsgefangenschaft – die eigentlichen Verlierer des Krieges. Sippenhaft, Vergeltung, Enteignung bis hin zur Vertreibung oder gar zur physischen Vernichtung in Rachepogromen und staatlich angeordneten Morden traf weitgehend diese Gruppe.

Sie und ihre Familien litten nach 1945 oft nur aufgrund ihrer nationalen Identität und ihrer reinen, nicht selbst gewählten Volkszugehörigkeit für eine Sache, die von perversen Gehirnen im fernen Berlin ausgeheckt und umgesetzt worden war, in vielen Fällen ohne als einfache Bürger und friedfertige Privatpersonen auch nur die geringste Mitschuld auf sich geladen zu haben. Die sogenannten „Volksdeutschen“ aus Rumänien und anderen deutschen Siedlungsgebieten verloren einen Krieg, den sie weder selbst ausgeheckt hatten, noch dessen Verlauf sie mitbestimmen konnten. Gerade diesen Opfern des Totalitarismus aus den eigenen Reihen heraus posteriori latenten Faschismus unterstellen zu wollen, was in übereilten Generalisierungen selbst überzeugten Demokraten unterläuft, ist ungeheuerlich und abwegig. Die Auslandsdeutschen im Banat, in Siebenbürgen, in Südtirol, in Schlesien, Böhmen, Mähren, Westpreußen oder anderswo hatten zu keinem Zeitpunkt einen nennenswerten Einfluss auf die Innen- und Außenpolitik des Dritten Reiches, die von einer kleinen Verbrecherclique um den wahnbestimmten Führer ausgeheckt und von einer nicht geringen Zahl ehrgeiziger Wehrmachtgeneräle mitgetragen wurde. Jenseits von Ethos und Moral wurde sie umgesetzt – wie bis dahin weltweit üblich: im Krieg als Mittel der Politik. Möglichkeiten einer konkreten Beeinflussung der Geschehnisse hatten die Auslandsdeutschen nie. Sie wurden allesamt – unter Ausnützung ihres gesunden Nationalstolzes, den sie zur Aufrechterhaltung ihrer nationalen Identität brauchten – von Anfang an missbraucht und manipuliert.

Wie weite Teile der Wehrmacht, die sich nicht an Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligten, wurden sie als Kanonenfutter eingesetzt und verbraucht wie Munition. Genauso wenig wie weite Teile des deutschen Volkes nicht in der Lage waren, die verbrecherische Dimension des Nationalsozialismus von Anfang an zu durchschauen, waren die noch viel weiter vom tatsächlichen politischen Geschehen entfernten „Auslandsdeutschen“ im Banat und in Siebenbürgen unfähig, ihre von höherer Warte aus beschlossene Verstrickung in Unrecht und in verbrecherische Kriegsaktivitäten zu verhindern.

Wie in jeder Diktatur – und wie unter den Kommunisten nach dem Krieg – waren ihre damaligen Repräsentanten nichts weiter als rücksichtslose Karrieristen, gleichgeschaltete Marionetten der Nationalsozialisten, die, nicht anders als die meisten Generäle der Wehrmacht, nur ihre eigenen Interessen verfolgten; sie waren Helfer und Helfershelfer, zynische Handlanger der Macht wie andere vorher und nachher! Ihre Aussage war nie Volkswille. Und ein Mandat hatten sie, wie in jeder Diktatur, auch nicht. Die wirklich Leidtragenden des unseligen Ganzen waren wie immer die Vielen! Was auch heute noch vergessen wird: Die oft zwangsrekrutierten Auslandsdeutschen wurden als Bürger eines anderen Staates automatisch in die Verbände der multinationalen Waffen-SS eingebunden, also aus formalen, rein staatsrechtlichen Gründen, nicht etwa aus ideologischen Überlegungen heraus. Darüber sollten diejenigen unter den Wissenschaftlern und Belletristen einmal gründlicher nachdenken, bevor sie voreilig und undifferenziert von der Faschismusanfälligkeit oder vom latent vorhandenen Faschismus in den Köpfen der Volksdeutschen reden. Wirklich „Freiwillige“ aus dem Banat in der Wehrmacht gab es nur einmal, 1940, als jene propagandistisch gesteuerte 1000-Mann-Aktion ablief, die auf das Konto des NSDAP-Handlangers und Volksgruppenführers Schmidt ging. Es waren Verwegene und Abenteurer, teils auch fanatisierte NSDAP-Anhänger, gerade einmal fünf bis zehn Personen pro Gemeinde, die sich zum „Deutschen Heer“ meldeten oder zur kämpfenden SS. Es blieb bei dieser Ausnahme.

Alle anderen Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen rückten weitgehend unfreiwillig ein – und nur auf höheren Druck, nachdem viele von ihnen als Angehörige der „Rumänischen Armee“ bei Stalingrad gekämpft und dort aufgerieben worden waren. Schon aus Selbstschutzgründen zogen sie den Kampf in den Reihen der Wehrmacht bzw. der Waffen-SS der schlecht ausgerüsteten Rumänischen Armee vor, auch weil die Verluste auf deutscher Seite niedriger waren als bei den Rumänen. Hinzu kam der politische Druck aus Berlin, der den Rumänen des Marschall Antonescu nahe legte, den Deutschen im Land eine Integration in die Wehrmacht zu ermöglichen.

Die Begeisterung für den Nationalsozialismus, der jene 1000 Freiwilligen unter dem Eindruck der Blitzkrieg-Siege über Polen und Frankreich um 1940 noch ergriffen hatte, war bei den 50 000 bis 60 000 in die deutschen Armeeverbände eingebundenen deutschen Rekruten aus Rumänien kaum vorhanden. Die Lust, das eigene Leben in einem Krieg aufs Spiel zu setzen, war ebenso gering wie der weltanschauliche Drang, den Bolschewismus in der Sowjetunion bekämpfen zu wollen, um dort neuen Lebensraum im Osten zu gewinnen: „Weshalb, Hans, meldest du dich nicht freiwillig zum deutschen Militär?“ fragte ein übereifriger Deutschnationaler einen Großbauern mit mehr als hundert Hektar Feld, der gerade der Rumänischen Armee entronnen war. „Melde doch du dich“, entgegnete der Bauer. „Wer zieht schon freiwillig in einen Krieg?“

Viele bodenständige Leute, die gerade ihr in Amerika bitter verdientes oder gar vom Mund abgespartes Geld in Grund und Boden investiert hatten, nach ihrer Überzeugung, in eine sichere Zukunft, sahen die Dinge ähnlich. Nur als bald darauf die Einberufung aller zum Wehrdienst Tauglichen politisch durchgesetzt wurde, hatte kaum noch einer aus der weiten Schar der Betroffenen einen Einfluss auf sein künftiges Schicksal als Soldat. Wer wehrtauglich war, musste an die Front – oder vor das Erschießungskommando als Verräter. Die meisten landeten dann – eben aus staatsrechtlichen Gründen bei der multinationalen Kampftruppe Waffen-SS, sprich in einem Verband, wo Reichsdeutsche stets in der Minderheit waren. Faschisten waren die Volksdeutschen deshalb nicht. In ihrer Mehrheit einfache Menschen vom Land hatten sie überhaupt keine Vorstellung davon, was unter den weltanschaulichen Begriffen Faschismus und Nationalsozialismus zu verstehen sei. Sie waren hart arbeitende Bauern und Handwerker, keine Glaubenskämpfer oder Krieger von Beruf oder aus Berufung. Nur weil sie Deutsche waren, gerieten sie mit in den Strudel, in ein tragisches Schicksal aller Deutschen auf der Welt, das viele Unschuldige mitriss und vernichtete.

Ein späteres Dekret des Führers, in welchem die in der Wehrmacht und in der „SS“ Kämpfenden bald daraufhin zu Bürgern des Reiches erhoben und somit faktisch eingebürgert wurden, hat die Situation aller Volksdeutschen nur noch verschlimmert. Die in Untaten der – im Rahmen der Nürnberger Prozesse als verbrecherische Organisation eingestuften – „Waffen-SS“ verstrickten Volksdeutschen – und mit ihnen nach guter Sippenhaft-Tradition jeder Volksdeutsche – wurde bald zum universellen Sündenbock, der die volle Macht der Vergeltung zu spüren bekam. Die exponierten Außenposten des Deutschtums, apolitische Charaktere wie der eigene Vater und bald darauf, allerdings schon massiv politisiert, auch ich selbst, hatten eine Schuld zu bewältigen, die von anderen begründet worden war, von fernen unbekannten Verwandten.

Bei Aischylos, Sophokles und Euripides hatte ich die Determination durch eine Schuld der Vorväter nie verstehen wollen. Etwas in mir sträubte sich dagegen! Und zwar tief und mit Macht! Plötzlich aber sah ich mich selbst in der Rolle des Ödipus versetzt, eines tragischen Helden, der jedoch nicht gegen das eigene Schicksal ankämpfen muss, sondern gegen primitive Denkstrukturen und Handlungsweisen vor der eigenen Haustür. Der Deutsche in der Diaspora wurde nach 1945 zum Freiwild wie früher und über Jahrhunderte Juden und Zigeuner. Jedermann durfte ihn richten, jenseits von Menschen- und Völkerrecht. Ein Volk, das sich der Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht hatte, verwirkte in den Augen der triumphierenden Sieger jeden moralischen Rechtsanspruch. Also richtete sich der völkische Hass gegen die Deutschen, vor allem gegen die exponierten, schutzlosen Auslandsdeutschen, die im eigenen Staat keine Fürsprecher hatten und im fernen Ausland hinter dem Eisernen Vorhang nur die Bundesrepublik Deutschland, ein Rumpfland, das mit sich selbst und der eigenen Selbsterhaltung beschäftigt war. Wer den Weg „heim ins Reich“ noch nicht hinter sich hatte, wer noch nicht entkommen, entsprungen war, dem drohte alles – bis hin zur physischen Vernichtung. Im jugoslawischen Teil des Banats, wo die Pogrome gegen Deutsche einen europäischen Höhepunkt an Barbarei erreichten, ersparten sich die Tito-Kommunisten Vertreibung und Deportation ihrer deutschstämmigen Staatsbürger, indem sie nahezu allen einen kurzen Prozess machten. Zehntausende Volksdeutsche wurden unmittelbar nach dem Ende des Krieges in pogromartigen Übergriffen und schauderhafter Lynchjustiz von Partisanen und Handlangern einfach ermordet, ohne dass die sonst so moralische Weltöffentlichkeit aufgeschrien hätte.

Gegen Deutsche, die „schon wieder einen Weltkrieg angezettelt hatten“, war praktisch alles erlaubt. So kam es zu einem beispiellosen Genozid auf jugoslawischem Boden, der sich nur wenige Jahrzehnte später unter den Augen der Europäischen Union fast an gleicher Stelle, in Srebrenica, grauenhaft wiederholen sollte. Wieder wurden zehntausend Menschen, diesmal Muslime, von serbischen Freischärlern vor den Augen der aufgeklärt liberalen Weltöffentlichkeit wie der UNO hingemordet – und alle sahen bei diesem modernsten „Menschheitsverbrechen“ zu, in der Mitte Europas am Vorabend des 21. Jahrhunderts. In der Tschechoslowakei, wo sich der Hass gegen die drei Millionen Sudetendeutschen richtete, sie in Flucht und Tod trieb, war es nicht viel anders. Suum cuique.

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One Response to Schuld und Sühne – Zur Instrumentalisierung Volksdeutscher in der Waffen-SS

  1. Henning says:

    Ich stimme dem nicht zu. Bitte informieren Sie sich, aus wem sich bspw. die 7. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division „Prinz Eugen“ im Banat rekrutierte: aus sogenannte Volksdeutschen. Und das ganz freiwillig. Sie war berüchtigt wegen ihrer vielen grausamen Massaker an der (zumeist jugoslawischen) Zivilbevölkerung. Die grausame Reaktion der Tito-Partisanen nach 44 hat seinen Ursprung darin.

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