Lernt! Lernt! Lernt! Von „linguistischer Satisfaktion“ zum „interkulturellen Witz“

 

In jenem Jahr, das doch nicht ganz verloren war, avancierte ich zum ersten Mal im Leben zum Klassenprimus. Mein Foto klebte an der „Ehrentafel“ bester Schüler im Foyer des Schulgebäudes. Es war ein schönes Gefühl, auch einmal positiv im Rampenlicht zu stehen, nachdem ich bis in die achte Klasse doch nur bescheidenes „Mittelmaß“ war. Ein Hauch von elitärem Bewusstsein hing damals in der Luft. Der leistungsbewusste Deutsche hatte alle Rumänen in der Klasse überflügelt – und dies immer noch auf die alte Weise, mit Witz und Geist, ohne viel Fleiß und ganz so nebenbei mit halber Kraft – ein Faktum und Provokation? Die Stellung hatte sich einfach so ergeben, ohne erstrebt zu werden, fernab der Arroganz und völkischen Überheblichkeit des „latenten Übermenschen“, die uns unterstellt wurde, sogar selbstkritisch aus den eigenen Reihen.

Zur gleichen Zeit klebte die Karikatur meines späteren Mitstreiters Erwin, der schon früh die rote Pionier-Krawatte vom Hals gerissen und weg geschleudert hatte, an der Pinnwand der Konservenfabrik Fructus – als „Prototyp des nichtsozialistischen Menschen“, als Zerrbild eines verirrten Jugendlichen mit extrem langem Haar und besonders breiten Trapezhosen. Die überspitzt gezeichnete nichtsozialistische Kleidung war ein eindeutiger Hinweis auf eine antisozialistische, anarchische Gesinnung, die mit am Pranger stand.

Ungeachtet der etwas herausgehobenen Position unter den Mitschülern war ich seinerzeit in der Neunten – objektiv betrachtet – eigentlich nur ein „Einäugiger unter den vielen Blinden“ oder „der Esel unter den Schafen“, wie wir sonst im kleinen Kreis der Freunde gern zu spotten pflegten. Die rumänischen Schüler stammten in der Regel aus ärmeren, rückständigeren Gegenden im Landesinnern, aus den Regionen Bihor und in Maramuresch im nordöstlichen Siebenbürgen. Nicht selten waren sie gegen ihren Willen in die ferne Schulstadt Temeschburg gekarrt worden, um dort „etwas Anständiges“ zu erlernen, einen Beruf fürs Leben, der ihnen daheim ein Auskommen sicherte. Da sie bis zu ihrer ersten kleinen Weltreise ins Banat kaum mehr als das vertraute Dorfumfeld erlebt hatten, glaubten sie sich in der westlichen Großstadt Temeschburg bereits in den „Goldenen Westen“ versetzt. Im Vergleich mit ihren in der Armut zurückgebliebenen Landsleuten hatten sie nunmehr das große Los gezogen, während ich mich in der gleichen Schule wie ein Verbannter fühlte, der in ein ungeliebtes Milieu zurückfiel. Während die Rumänen heiter und glücklich wirkten, machte sich bei mir grenzenlose Enttäuschung, ja Melancholie breit. Erstmals kam das Gefühl auf, meine Existenz, das kurze, kostbare Leben, würde „hier und jetzt“ verschwendet werden. Mit Proust erschien mir das gesamte Schuljahr als vergeudete, verlorene Zeit – ohne zu erkennen, dass auch negative Erfahrungen nützliche Erkenntnisse für das künftige Sein vermitteln können. Viel brachte mir die Zeit an der Landwirtschaftsschule nicht ein, bis auf die Tatsache, dass mir immerhin vier, fünf rumänische Lehrer mit Sympathie und Wohlwollen begegneten, was das Selbstbewusstsein in „rumänischer Gesellschaft“ festigte. Zudem konnten noch einige exotische Wissensgebiete erschlossen werden, Nützliches, das mir später im Leben nie wieder begegnen sollte.

So wurde ich unfreiwillig an das ungeliebte, ja öffentlich verschmähte Russisch herangeführt, an eine Sprache, die ich mit der Mehrheit der Menschen in Osteuropa hauptsächlich aus ideologischen Überlegungen abgelehnte, was meinen linguistischen Interessen entgegen kam. Bis dahin kannte ich nur ein paar Brocken Russisch aus Vaters Zwangsarbeitszeit in Kriwoj Rog, aus den zahlreichen sowjetischen Spielfilmen im Fernsehen oder von der Straße, wo sie das Vokabular stürmender und plündernder Rotarmisten noch erhalten, bisweilen sogar tief ins Gedächtnis wie in die Volksseele eingeätzt hatte. Bis hinein ins Zotige war einiges zu vernehmen:

„Rugi werch, dawai diengi, dawai tschass, niemza, gittler …“

und Ähnliches, auch unterhaltsame Witze mit russischen Elementen, ja ganzen Sätzen. Der Klang der Sprache Puschkins, Dostojewskis und Tolstois faszinierte zwar nicht übermäßig, doch eröffnete sie mir den Zugang zum slawischen Kulturbereich, weniger jedoch zur „russischen Seele“. Als Mutter aller slawischen Sprachen sensibilisierte das Russische mein Ohr für linguistische Verwandtschaften und Unterschiede, etwa zum Serbokroatischen, das auch in Temeschburg gesprochen wurde oder zum Polnischen und Tschechischen. Außerdem bot Russisch, für einige von uns immer noch „die Sprache des Feindes“ – neben den oft wiederholten Parolen Lenins von der Notwendigkeit des permanenten Lernenmüssens – einen guten Nährboden für künftige Späße und Anekdoten linguistischer Art.

Allein schon das Konjugieren des Verbs „schreiben“ konnte höchst amüsant sein, jedenfalls für mich, gerade wenn man die Möglichkeiten der „Aussprache“ voll ausreizte. Als mich die junge, doch wenig attraktive Lehrerin dazu aufforderte, entschied ich mich eben für das Tätigkeitswort „schreiben“ und legte los, wohl wissend, dass ein ähnlich klingendes Verb im Rumänischen, dem Französischen entstammend und als Fremdwort im Deutschen gebräuchlich, den in Rumänien tabuisierten Vorgang des Urinierens umschreibt. Breit intonierend zischte es dann los:

„Ia pischu … pischesch … pischetsche … “

so lange und intensiv betont, bis die entnervte Dame mir Einhalt gebot:

„Ein anderes Verb fällt dir wohl nicht mehr ein!“

Lustig, lustig! Ja, das waren die kleinen linguistischen Satisfaktionen in einer Republik mit Minderheiten. Unfreiwillige Sprachexperimente dieser Art führten schließlich zur Ausbildung einer im Freundeskreis gern praktizierten, neuen literarischen Gattung, die ich später als „interkulturellen Witz“ umschrieb. Wer dabei mithalten wollte, musste unbedingt mehrsprachig sein, damit er die multivalenten Nuancen und Pointen verstehen und „konkreativ“ weiter stricken konnte.

Zusätzlich zum Rumänischen und Deutschen sowie zu den immer selbstverständlicher werdenden Weltsprachen Englisch und Französisch gehörten zwei bis drei weitere Sprachen und Dialekte zum Standardarsenal eines Witzbolds dazu, in der Regel einige etwas „zigeunerisch“ und ein paar Kraftausdrücke aus dem Serbokroatischen oder Ungarischen. So wurde spielend allerlei linguistisches Neuland erschlossen, was die Komparatistik förderte und indirekt die „Kosmopoliten“ dahinter.

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