Kriegsfolgen, Minderheiten und Irredentismus

 

Der erste große Krieg des 20. Jahrhunderts hatte die Deutschen im Banat ebenso wie die schon seit der Zeit der Deutschordensgründungen vor Ort präsenten Siebenbürger Sachsen in die Situation versetzt, als Minderheit existieren und bestehen zu müssen. Der Zweite Weltkrieg hatte die Minderheitenposition noch weiter akzentuiert und den Konflikt mit der Staatsnation verstärkt sowie ideologiebedingt weiter verschärft. Die Folge davon waren heftige Ressentiments auf allen Ebenen, Negativstimmungen, die eine friedliche Koexistenz der Volksgemeinschaften erschwerten. Die etwa zwei Millionen Menschen umfassende ungarische Minderheit war in einer vergleichbaren, eher noch schwierigeren Lage; denn das im Vertrag von Trianon beschlossene Abschneiden vom Mutterland wurde von den wesentlich nationalistischer orientierten Ungarn emotional nie akzeptiert. Während die Mitglieder der deutschen Minderheit weitgehend tolerant, ja konziliant agierten und ihre gesellschaftliche Mitwirkung nicht versagten, in der Hoffnung, das Beste aus den bestehenden Verhältnissen heraus zu holen, weigerten sich viele der von besonderem Nationalstolz geprägten Ungarn und Szekler, überhaupt rumänisch zu kommunizieren beziehungsweise sich gesellschaftlich zu integrieren. Sie wollten Ungarn bleiben, keine Rumänen werden. Und da es offiziell zugesicherte Minderheitenrechte gab, wurden sie auch vehement eingefordert, weitaus radikaler als es die Deutschen je gewagt hätten. Gerade in den traditionellen Siedlungsgebieten, im Szekler-Land und im Nordwesten Siebenbürgens, wo die Ungarn immer noch als weitgehend geschlossene Einheit existierten, dominierte ein der Geist der Verweigerung, der Ablehnung, ja selbst des Chauvinismus. Die willkürliche Zerschlagung der königlichen und kaiserlichen Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, oft als Völkergefängnis angeprangert, hatte zwar einigen Völkern – etwa den Tschechen und Slowaken – die Freiheit gebracht, anderseits aber auch andere, eben die Ungarn wie die Deutschen in jenem Raum, nahezu versklavt, zu Minderheiten reduziert und faktisch in Abhängigkeit und Unfreiheit geführt. Die später eingesehene Unsinnigkeit solch völkerrechtlich unzulänglicher Regelungen sollte bald darauf zur Gründung des Völkerbundes und der späteren Nachfolgeorganisation, den Vereinten Nationen, führen. Organisationen, die dann auch bestrebt sein sollten, einige der historisch wie ethisch falschen Entscheidungen und Entwicklungen rückgängig machen zu wollen, nicht territorial, doch moralisch. Die in Genf angesiedelte Internationale Organisation für Arbeit, ILO, bereits 1919 gegründet, um aus politischen, ökonomischen und ethischen Notwendigkeiten heraus eine Reihe von Prinzipien, darunter auch die Respektierung der allgemeinen Menschenrechte, der Arbeitsrechte und gewerkschaftlicher Freiheiten, durchzusetzen, war ein solches Organ.

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