Herkunft und Heimat – Lex sanguinis oder Jus soli?

Uns aber, den nationalen Minderheiten und dem Staatsvolk der Rumänen, saß ein leibhaftiger Diktator im Nacken, der mit seinen wahnwitzigen Visionen – das schon abrollende Dörferschleifen war nur eine davon – unsere Existenz unmittelbar bedrohte: Nicolae Ceauşescu, der Führer eines inzwischen totalitären Staates, den wir als Heimat anerkennen sollten. Das sozialistische Rumänien als Heimat ansehen – das war zumindest mir genauso unmöglich wie das Anerkennen der selbstherrlichen Kommunisten-Einheitspartei, was für andere, die dem utopischen Sozialismus näher standen, kein Problem darstellte. Dem Begriff „Heimat“ näher standen eher das „multinationale, ja multikulturelle Banat“, das „kosmopolitische Temeschburg“, eine Stadt mit vielen Namen in den unterschiedlichen Sprachen der Region, schließlich das schon bunt „gemischte Sackelhausen“, aber nie und nimmermehr „Rumänien“ – die junge, synthetisch zusammengefügte Einheit aus der Vereinigung der alten Fürstentümer „Walachei“, „Moldau“ und „Transsylvanien“ oder Siebenbürgen. Was verband mich mit der Walachei, mit der Moldau? Nichts! Noch bevor sich der Verstand auswirkte, der eine artifiziell begründete Heimat hätte herbeidenken können, sprach das „Gefühl“ dagegen – und eine innere Aversion gegen unnatürliche Fügungen, die noch zunahm, als „kommunistisch ideologisierte Rumänen“ auf eine nicht unbedingt feine Art die Anerkennung ihres Landes auch als unsere „Heimat“ einforderten „Patria“ für alle!? Bestimmte der Ort, wo ich geboren war, auch meine Herkunft und Zukunft? Oder waren es doch andere Faktoren, die nationale Herkunft etwa, der völkische Ursprung, das sogenannte Blut – und eben nicht der Boden oder Stall? Ist ein Lamm, das in der Löwengrube geboren wird, plötzlich ein fleischfressendes Raubtier? Lex sanguinis oder ius soli? Ein alter Disput im Völkerrecht mit unterschiedlichen Rechtstraditionen. Wer scherte sich darum im sozialistischen Rumänien? „Du isst rumänisches Brot!“ Wie oft hatte ich diesen Ausspruch im späteren „Securitate-“ Verhör erdulden müssen, als man mir „Vaterlandsverrat“ vorwarf und ein illoyales Verhältnis zur sozialistischen Gesellschaft, verbunden mit dem maßregelnden Zusatz: Schämst du dich nicht!? Aus meiner Sicht „aß ich kein rumänisches Brot! … Das Banat, einst die Kornkammer der Donau-Tiefebene, die seinerzeit das mächtige Wien mit Mehl und Getreide versorgte, war immer schon den Entwicklungen voraus – „Das Banat ist die Stirn“, die „Frontspitze“ des ganzen Landes, pflegten selbst die Rumänen in einer geläufigen Redewendung anzuerkennen, ein geflügeltes Wort, aus dem Fortschrittsdenken und Avantgardismus sprachen, auch im Industriellen und in der Wissenschaft: „Banatu-i fruntea!“ „Ardealu-i mintea“ spotteten andere aus Siebenbürgen, dabei „Verstand und Vernunft“ für sich reklamierend.

Für viele Rumänen, die aus der fernen Moldau kommend im Banat ein besseres Auskommen und Wohlstand fanden, war unsere Gegend, der äußerste Westen des Landes, bereits der „Goldene Westen“, ein fruchtbares Kalifornien, ein „Eldorado“, eine Region der Prosperität, wo „Milch und Honig“ flossen – ein noch bestehendes Eden eben, und eben kein verwerfliches Sodom, wie es von Hetzern schriftlich herbeizitiert wurde, die von meiner „Heimat Banat“ redeten wie die Blinden von der Sonne!

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