Geschichte und Wahrheit – Begrenzung oder Stimulans der Freiheit?

 

Vater, dessen nicht gerade weltmännisch ausgerichtete Familie ihren kümmerlichen Besitz beschützen und deshalb nicht im Schutze der Wehrmacht „heim ins Reich“ fliehen wollte, wurde in der Kriegsfolgezeit des Jahres 1946 zusammen mit anderen Volksdeutschen im leistungsfähigen Alter von siebzehn bis fünfundvierzig Jahren und selbst noch darüber hinaus zwangsweise in die Sowjetunion deportiert. Diese schlicht, doch ergreifend geschilderten Schrecknisse nahm ich mehr erschüttert als erstaunt zur Kenntnis, versuchend, die auslösenden Gründe jener Begebenheiten zu verstehen. Allmählich wurde mir bewusst, wie sehr wir alle, und somit auch ich, Produkte historischer Entwicklungen waren und wie massiv diese Geschichte gerade uns, die wir mehr exponiert waren als andere Menschen in anderen Regionen der Welt, ihren Stempel aufgedrückt und uns in alle Zukunft hinein stigmatisiert hatte. Wir Deutschen waren Gezeichnete, nicht anders als jene Bäume im Wald, die vom Förster zum Fällen mit dem Beil markiert werden. Also galt es, mit der Geschichte zu leben, sie zu verstehen, sie kritisch aufzuarbeiten und sie irgendwann auch konsequent zu bewältigen, indem man die richtigen Schlüsse zog und die Zukunft dementsprechend positiv verändert gestaltete. „Die Wahrheit wird euch frei machen“, hatte Jesus gelehrt, so die Bibel, wo auch sonst viel über Wahrheit und Freiheit ausgesagt wird. Die Wahrheit der Geschichte wurde nunmehr zum determinierenden Faktor – und die Suche nach Wahrheit wurde gleichbedeutend mit dem Erhellen historischer Tatsachen, vor allem der jüngsten und noch sehr präsenten Geschichte. Als mein spezielleres Interesse an Geschichte aufkam und der Weg der Selbstfindung, das „Erkenne dich selbst“ über historische Wahrheiten angestrebt wurde, war der Zweite Weltkrieg mit seinen mehr als fünfzig Millionen Opfern kaum erst zwanzig Jahre zu Ende. Noch fehlte die kritische Distanz und auch manche Voraussetzung, die Materie objektiv aufzuarbeiten, da vor allem das konkrete Wissen über die historischen Abläufe und Zusammenhänge nicht gegeben war. Auf diese Weise wurde, beginnend mit dem Testimonium von Zeitzeugen, ein Prozess in Gang gesetzt, der Jahr für Jahr intensiver und konkreter wurde und der alsbald an seine Grenzen stoßen sollte. Die für mich so wichtige historische Wahrheitsfindung endete zunächst aber dort, wo die ideologische Interpretation der Geschichte einsetzte. Da eine Ideologie an sich jede freie Forschung im Keim erstickt und abwürgt, erwies sich der beschrittene Weg, an dem ich noch während meiner gesamten Schulzeit bis ins zehnte Schuljahr festhalten sollte, als Holzweg, als Sackgasse. Doch vom Holzweg, das betont auch Heidegger, muss man zurück zur Lichtung, zu dem Ort, wo sich alles lichtet, auch die Wahrheit. Ab jenem Zeitpunkt, damals zählte ich sechzehn, siebzehn Lenze wurde die historische Auseinandersetzung durch eine ideologische abgelöst. Dann ging es nicht mehr primär darum, festzustellen, was historisch wahr ist und was falsch, sondern nur noch um das allgemeine Prinzip: frei sein oder unfrei sein – das war ab nun die Frage!

Advertisements

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Buch, Publikation. Author Carl Gibson, History, Politics, Literature, Essay and tagged , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s