Ethos und Humanität – im Wertevergleich zwischen Leitsatz und Vorurteil

Die Anfänge der Entwicklung in die ideologisch zugespitzte Auseinandersetzung und Radikalisierung begannen jedoch auf einer völkisch wertorientierten Basis in den Jahren der frühen Kindheit, als sich das Rivalitätsverhältnis zwischen den beiden koexistierenden Nationen, dem Staatsvolk der Rumänen und der deutschen Minderheit, bemerkbar machte. Die Roma, Sinti und andere Stämme, die nur Zigeuner genannt werden wollten, sowie weitere in unserem Dorf unterrepräsentierte Völker wie Ungarn, Serben, Bulgaren und Arumunen, auch Mazedonier genannt, spielten in dieser Konfrontation keine Rolle. Im Jahr 1970 stellten die Deutschen in Sackelhausen nach wie vor die Majorität der Einwohner. Die Familien waren jedoch durch die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs und dessen Folgen, durch Flucht, Vertreibung und Deportation stark auseinandergerissen und in alle Welt zerstreut worden. Fast in jeder Familie gab es Risse und Wunden. Trotzdem versuchte jede dieser Familien so gut es ging zu überleben, wobei die übergeordnete Gemeinschaft das Zusammengehörigkeitsgefühl gewährleistete und förderte. Die immer noch funktionierende Wertegemeinschaft war für die Familien vor Ort eine Art Standard, an dem es sich zu orientieren galt, eine Messlatte, an der auch die Leistung jedes Einzelnen gemessen werden konnte. In der alltäglichen Auseinandersetzung mit den Rumänen vor Ort, besonders aber in der abstrakten Konfrontation mit der Staatsnation, wurde dieser Kultur- und Zivilisationsstandard zum Paradigma schlechthin. Einige „Tugenden“ waren auf den ersten Blick zu erkennen, etwa im Anwesen, das für jedermann sichtbar, in der Regel gut und wohl geordnet dastand mit seinen fleißigen, strebsamen Menschen; andere Werte hingegen, Anstand und Würde oder Humanität, blieben auf den ersten Blick natürlich verborgen.

Wenn unterschiedliche Völker zusammenleben, kommt es auf politischer, religiöser, historischer und kultureller Ebene immer wieder zu Reibereien, ja Konflikten, die sich dann noch bis zur Unversöhnlichkeit verschärfen können, wenn die vielschichtigen Unterschiede sehr krass sind. Da der Mensch in seiner tagtäglichen Lebensbestreitung weitgehend werteorientiert lebt, ist er stets gezwungen, zu vergleichen und zu differenzieren. Dabei hat er, insofern er nicht von der Gesellschaft abgewandt, apolitisch und ahistorisch lebt, Ort und Zeit ignoriert, im Grunde nur zwei Möglichkeiten: Entweder er stellt sich der Herausforderung des „permanenten Vergleiches“, bleibt dabei flexibel und lernt dazu – oder er kultiviert Vorurteile, zieht sich in diese engen Bahnen zurück, bleibt darin gefangen und wird schließlich ein Opfer der Einseitigkeit.

Die Welt, in die ich hineingeboren wurde, hatte die eindeutige Tendenz zur einseitigen Entwicklung, hin zum Vorurteil und zur undifferenzierten Meinung und abkanzelnden Haltung, oft in Berufung auf falsche Autoritäten und gestützt auf eine Fülle von Halbwissen auf nahezu allen Wissens- und Erziehungsgebieten. Ja, durch unsere Lage hinter dem Eisernen Vorhang fast am Rande des Alten Kontinents waren wir vom Weltwissen und von der Kultur des Mutter- oder Vaterlands etwas abgeschnitten. Trotzdem gab es vielfache erzieherische Bemühungen, an den deutschen Kulturstandard anzuknüpfen, daheim, im Elternhaus ebenso wie in der Schule, wo emsige, geradlinige Pädagogen das weiter gaben, was sie sich im Verlauf einer zum Teil lebenslangen Lehrtätigkeit angeeignet hatten, bis hinein ins Weltanschauliche.

Lebhaft erinnere ich mich auch heute noch jener Leitsätze, die von einigen hellen Köpfen frühzeitig aus eigenem Antrieb in eine Collage zusammengestellt, dann im Klassenzimmer an die Wand gehängt wurden. Eines der beiden transparentartigen Plakate verwies die Trias von „Wille – Arbeit – Erfolg“, folglich auf das Primat eines freien Willens, der zu vielfältigem Schaffen, zu Ruhm und Ehre und zur Gloria post mortem führt. Ideologisch korrekt war das zwar nicht in einem Land, wo die eine „Partei immer im Recht ist“ und dieses „Recht auf ihrer Seite hat“; doch keiner nahm Anstoß daran, wohl auch deshalb, weil selbst in einer „sozialistischen“ Gesellschaftsordnung nichts ohne einen starken Individualwillen zum Erfolg führte. „Arbeit“ allein war noch längst kein Schlüssel zum Fortschritt.

Auf dem zweiten Wandkunstwerk war ein Schlüsselwort Goethes verewigt, eine allbekannte Sentenz, die einem seiner bedeutenden Gedichte entnommen worden war: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“. Das war eine neue, eindeutige wie treffende Ausformulierung des „Grundsatzes der Humanität“ in poetischer Form, eine Maxime, die von uns gerne als „regulative Idee“ angenommen werden konnte. Geistige Leitlinien dieser Art, die auf den Anspruch und die Leistungserwartung der Schule verwiesen, fehlten in den meisten Familien zu der Zeit, als ich als kleiner Junge anfing, die Welt um das Elternhaus herumzuerkunden. Der philosophische Ansatz, der meist über poetische Sprüche transportiert wurde, reduzierte sich auf einige altkluge Lebensweisheiten, die wir Kinder in ihrer vollen Tragweite noch nicht erfassen konnten. Was ich damals an konkreter Wertorientierung mit auf die Reise des Lebens bekam, beschränkte sich auf das vorgelebte Ethos der Eltern, auf die Vorbildfunktion der Großeltern und anderer Erwachsener aus der unmittelbaren Umgebung, die als erste Autoritäten anerkannt wurden. Der Formungsprozess und das Heranreifen zum humanistisch orientierten Idealisten, zum philanthropischen Kosmopoliten, Entwicklungen, die ich eher unbewusst als gezielt anstrebte, sollte viele Jahre andauern und die Arbeit unterschiedlichster Charaktere, die vollständig weder rekonstruiert, noch adäquat gewürdigt werden kann, umfassen.

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Buch, Publikation. Author Carl Gibson, History, Politics, Literature, Essay and tagged , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s