Ein Königreich für ein Buch!

 

Doch Bücher waren ein seltenes Gut. Im Grunde lebten wir in einer Welt der Bücherfeindlichkeit. In vielen Häusern, in denen ich als Kind herumkam, gab es überhaupt keine Bücher. Und dort, wo es welche gab, wurden sie gehütet wie ein Schatz und nur ungern herausgegeben; aus Angst vor Eselsohren, Fettflecken und vor dem noch schlimmeren „Nie-mehr-Wiedersehen“!

Gute Bücher wurden einfach eingezogen und irgendwo versteckt in der Hoffnung, der ursprüngliche Besitzer würde bald vergessen, wo sie verblieben waren. Auf diese Weise kam mir manches Werk abhanden. Bücher blieben rar – und manchmal hatte ich sogar den Eindruck, der Buchdruck sei noch nicht erfunden.

Mein Elternhaus bildete da keine Ausnahme. Eine richtige Bibliothek war einfach nicht vorgesehen, noch bei meiner Großmutter in der Neugasse, die fest davon überzeugt war, das Lesen würde „die Augen verderben“. Nie sah ich ein Buch in ihren Händen, nicht einmal ein Gebetsbuch, in welchem die Alten doch gerne blätterten. Wenn ich gelegentlich in jenem deutschen „Almanach“ lesen wollte, der regelmäßig um die Jahreswende mit der Zeitung „Neuer Weg“ ins Haus flatterte oder sonst in einem Buch, musste ich eine lange Holztreppe hinauf steigen, in den Dachboden. Dort oben, wo niemand ein Buch vermutete, in der entrückten und doch so irdischen Welt geräucherter Schinken und Bratwürste, der Getreidereserven, der Weinvorräte und des vielfachen Gerümpels aller Art, standen zwei große, schlichte Holztruhen, in welchem früher einmal die Aussteuer aufbewahrt worden war. In einem dieser massiven Behältnisse war Mehl gelagert. In der anderen Kiste ruhten mehre hundert Bücher, gut verstaut und allen neugierigen Blicken entzogen, ferner Zeitschriften und zahlreiche Lehrbücher aus dem Bestand meines sieben Jahre älteren Bruders Hans, der die Dorfschule gerade zu jenem Zeitpunkt verlies, als ich sie betrat. In jenem Fundus konnte ich lange und ungestört stöbern und mir die interessantesten Werke heraussuchen.

In der Regel griff ich nach den reich bebilderten Lehrbüchern der Geschichte und Geografie, die mir das Weite der Welt und die Tiefe der Zeit am besten nahe brachten; nach Bänden über Sprache und Literatur, später auch über Chemie und Physik. Gegenüber Mathematik aber bestand eine natürliche Aversion von Anfang an, obwohl meine späteren Steckenpferde, ja Leidenschaften Musik und Philosophie viel mit Zahlen zu tun hatten. Was wusste ich von den alten Pythagoräern? Gar nichts! Mathematik erschien mir, dem Schwärmer, damals viel zu exakt, fantasielos und unromantisch – also hatte diese Lehrdisziplin, glaubte ich, recht wenig mit Freiheit zu tun. Da ich im Schulunterricht in der Regel ohne Büffeln und Pauken auskommen wollte, mogelte ich gern und entwickelte eine gewisse rhetorische Fertigkeit, immer irgendetwas antworten zu können, wenn Wissen abgefragt wurde, darauf spekulierend, einiges werde zutreffen. Doch in der exakten Wissenschaft Mathematik waren den Möglichkeiten erfinderischer Fantasie deutliche Grenzen gesetzt – ausweichende Antworten, das begriff ich bald, waren dort nicht möglich. Nachdem mein Muster versagt hatte, widerstrebte mir bald auch die gesamte Mathematik, die bis zum Abitur eine Schwachstelle blieb. In unserem Haus gab es noch ein paar medizinische Bücher, richtige Folianten, mit detaillierten anatomischen Zeichnungen, in denen mein kränkelnder, leicht hypochondrischer Vater öfters Mal las, Fachbücher, die er dann immer irgendwo vor mir versteckte, selbst unter der Bettmatratze, wo, in einer Schachtel verstaut, auch größere Mengen Geldscheine lagerten. Wie für vieles andere, so hatte er auch dafür nie auszumachende Gründe, denn wir lebten situationsbedingt aneinander vorbei, ohne angemessen je richtig miteinander kommunizieren zu können. Aber ich fand seine Fachliteratur mit den exakten Darstellungen und Beschreibungen aller menschlichen Körperpartien doch, auch des Intimbereichs, reichte sie herum, gab damit an, nahm sie mit in den Biologieunterricht, entlieh sie einer Lehrerin – und sah sie nie wieder! Honi soit qui mal y pense! Ein Königreich für ein Buch? Königreiche gingen verloren wie kostbare Bücher. Zeit und Vergänglichkeit erfassten sie auch.

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