Ein „Spiel mit dem Feuer“ – verbotene Dinge und deplatzierter Humor

 

Schon nach kurzer Zeit wurden meine provozierenden Thesen populärer und fanden in einzelnen Ohren mehr und mehr Beachtung. Aus zunächst zufälligen Bemerkungen und spontaner Kritik bildeten sich innerhalb von wenigen Monaten Anschauungen aus, die – aus gegnerischer Sicht – bereits als „systematische Regimekritik“ ja als „bewusste Dissidenz“ interpretiert werden konnten. Zum großen Verdruss jenes parteiloyalen Landsmanns zitierte ich in meinen ideologischen Provokationen und Plädoyers mit Vorliebe „bundesdeutsche Quellen“ und trug Argumente vor, die ich westdeutschem Schrifttum entnommen hatte. Eine Ungeheuerlichkeit! Das eigene Land despektierlich behandeln, abwerten, die marxistische Parteidoktrin und den Kommunismus lächerlich machen, und das noch in Berufung auf „imperialistische“ Medien und Publikation – das klang irgendwie nach Landesverrat, nach der „feindseligen Haltung eines vaterlandslosen Gesellen“, der dorthin strebt, wo es ihm gut geht: „Ubi bene, ibi patria!?“ Diesen Vorwurf machte mir jener kleine Landsmann aus Bakowa mit fast weinerlichem Gesicht, weil ich ihn mit dem System mit bloß stellte und ihn auch moralisch in die ungeliebte Bredouille brachte. Was ihn seinerzeit deprimierte, heiterte mich auf, weil ich mich im Recht wähnte – und frei. Eine Chimäre!?

Was ich dort noch etwas selbstgefällig, doch aufrichtig betrieb, war im Grunde ein höchst gewagtes „Spiel mit dem Feuer“, nur diesmal außerhalb des Labors und auf veränderter Umkreisbahn. Ein anderer Bolero klang an, leise und dumpf, um sich dann langsam zu steigern und anzuschwellen. Die „Verhöhnung der sozialistischen Realitäten im Land“, der Missstände im Ostblock und in der Sowjetunion, die köstliche Trivialisierung einzelner Marxzitate, die Verspottung anderer Ideologen des Weltkommunismus konnte schnell als „antisozialistische Propaganda“ ausgelegt und mit mehrjährigem Gefängnisaufenthalt bestraft werden. Das verkannte ich damals eklatant – wie ich als Kind auch nicht daran glauben wollte, dass es so etwas wie „verbotene Bücher“ geben könne. Im „Beichtspiegel“ war ich erstmals auf jene sonderbare Kategorie gestoßen, um seinerzeit gleich forsch nachzufragen:

Was sind eigentlich verbotene Bücher?“

Monsignore Hampel, Gott habe ihn selig, der als einsamer Rufer in der Wüste den Mut aufbrachte, von der Kanzel aus gegen die Machthabenden im Land zu wettern, winkte beschwichtigend ab! Nur kannten die Kommunisten die gleiche Kategorie auch, nicht nur in der DDR!

Auch sie hatten einen inoffiziellen „Index“ wie der Vatikan. Es ziemte sich nicht, über „göttliche und gottgleiche Dinge“ zu lachen, zu spotten, sie zu hinterfragen – weder in der Kirche, das lehrte der Katechismus, noch in der roten Gesellschaft!

Hohn, Spott, Sarkasmus, Satire und das göttliche Lachen waren nicht nur Quellen von Freiheit, Lebenslust und Lebensfreude, sie bedeuteten auch immer schon „Gefährdung der Moral“ und dahinter Autoritätsverlust den möglichen Untergang der „sittlichen Ordnung“ im Staat, der selbst nichts anderes war als die gesellschaftspolitisch abstrakte Erscheinung des „Willens zur Macht“.

Der berüchtigte „Paragraf 166 des Rumänischen Strafgesetzbuches“, einer jener vielen unendlich „dehnbaren Gummiparagrafen“, die auf alles angewandt werden konnten, hätte in meinem Fall jederzeit greifen können. Eine mehrjährige Haftstrafe wäre mir bei Anklageerhebung sicher gewesen. Noch ahnte ich nicht, in welcher Gefahr ich mich tatsächlich befand. Munter witzelte ich weiter bis zu jenem Tag, an dem zwei Offiziere der „Securitate“ im Lenau-Lyzeum auftauchten, sich nach meinen Aktivitäten erkundigten und den Rektor der Schule, den westlich ausgerichteten Kosmopoliten Erich Pfaff, in schwere Bedrängnis brachten.

Pfaff war – wie Berwanger und andere exponierte Repräsentanten der Temeschburger Kulturwelt – zwar auch ein Mann des Systems, doch ein recht angenehmer. An seiner Integrität zweifelte ich nie, obwohl auch er mit der „anderen Seite“ reden musste. Er war bestimmt auch in der „Partei“, weil es nicht anders ging. Doch die Summe seiner „guten Taten“, seiner Meriten für die deutsche Kultur im Banat, dürfte alles ihn negativ Angelastete weit überragen. Die ihm später von einem höchst merkwürdigen „Bürgerrechtler“ unterstellte Behauptung, er hätte einzelne Schüler des Lenau-Gymnasiums der „Securitate“ empfohlen, halte ich für abwegig und ehrrührig. „Schuldirektor“ Erich Pfaff bürgte damals für mich und gelobte Besserung in meinem Namen. Trotzdem war der Sicherheitsdienst danach bestrebt, mich endgültig von der Schule zu entfernen, wohl um eine ideologische Beeinflussung anderer zu verhindern.

Das erfuhr ich noch schnell genug. Meine damalige Deutschlehrerin, eine sensible Germanistin von Ausnahmeformat, die aus meinen manchmal melancholisch gestimmten Aufsätzen recht deutlich ersehen konnte, was emotional in mir vorging – und die ich aus literarischer Sympathie heraus genauso achtete wie ihre Vorgängerin Ingrid Weber – nahm mich eines Tages beiseite und fragte, ob ich denn möglicherweise auch einen Ausreiseantrag gestellt hätte.

Welche Frage? Seit 1961, seitdem ich den Windeln entsprungen war, lag das seinerzeit von den Eltern eingereichte Ausreisegesuch der Behörde vor! Jener Antrag war längst Geschichte und durch einen neuen ersetzt – nur die Realitäten waren echt. Die „Securitate“  vor Ort, namentlich ein gewisser Major Indrei, hatte wahrscheinlich auch bei ihr angeklopft und ihr eine Einschätzung meiner Person abverlangt, nicht anders als ein Jahr zuvor in der Zehnten. Nur fragte ich nicht explizit nach, weil ich die Überwachungsbestrebungen und Infiltrationstendenzen des Sicherheitsapparates vollkommen unterschätzte.

Doch die Hinweise auf eine „gezielte Ausspionierung“ in der Schule und am Arbeitsplatz verdichteten sich weiter. Mein vertrauter Klassenkamerad Edgar Ludwig, ein strammer Bursche aus Nero, ein extrovertierter, kommunikationsfreudiger Dorfmusikant, der bereits mit meinem Bruder Hans Nächte durchmusiziert hatte, berichtete mir mehrfach von seinen nicht freiwillig zustande gekommenen Kontakten mit einem Sicherheitsoffizier, mit eben diesem Ioan Indrei, der angeblich für das „kulturelle Temeschburg“ zuständig gewesen sein soll. Neben der Überwachung der Universität und der Lenauschule war er auch zur Beobachtung der Künstler abkommandiert worden, die im Deutschen Staatstheater und in der Oper ihr Brot verdienten. Wenn Edgar, der selbst kleine Bühnenrollen übernahm und als Statist agierte, seinen täglichen Pförtnerdienst am Künstlereingang der Oper versah, kam Major Indrei gelegentlich auf ihn zu, bat ihn in den Kartenverkaufsraum und stellte ihm dort, immer an einer bestimmten Stelle, eine ganze Reihe gezielter Fragen über meine Person, meinen Charakter, meine Herkunft, mein Verhalten im Unterricht und in der Gesellschaft, ohne zu ahnen, dass Edgar alles umgehend an mich weiter gab. „Infiltrationen“ hatten Methode. Da die „Securitate“ unseren „Klub“ in Sackelhausen weder unterwandern, noch sonst wie aushorchen konnte, versuchten sie über Edgar heraus zu bekommen, ob in der ihren Späher-Augen verborgenen Welt nicht doch größere oppositionelle Aktionen ausgeheckt wurden. Was Edgar in den zufälligen Gesprächen so erzählte, wurde wahrscheinlich über vorinstallierte Wanzen mitverfolgt und aufgezeichnet, protokolliert, dann fein säuberlich in eine Akte gelegt, die Monat für Monat mehr anschwoll. Die Deutschen vor Ort, speziell die Ausreisewilligen, standen unter einem „Generalverdacht“, der durch aufrührerische Einzelaktionen neue Nahrung bekam.

Der Geheimdienst hatte seinerzeit eine Abteilung eingerichtet, die sich auf sogenannte „faschistische Deutsche“ konzentrierte. In Verbindung mit dem unseligen antisozialistischen Propaganda-Paragrafen 166 konnte – wie im Fall der Totok-Brüder – einem kritisch aufrührerischen Deutschen schnell „der Prozess gemacht werden“, selbst einem kritischen Linken. Jenes Risiko verkannte ich damals ebenso fundamental. Lustig machte ich aufklärend weiter, mich dabei über höhere Tabus hinwegsetzend, ohne zu ahnen, in welche Gefahr ich mich manövrierte. Das Tempo des Boleros in der großen Symphonie des noch unfreien Lebens wandelte sich zum furiosen Crescendo hin. Sturm kam auf, obwohl ich nur Wind gesät hatte.

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