Du gehst zur Schule, vergiss die Peitsche nicht! – Von Zucht und Züchtigung

 

Die persönliche Verhöhnung eines jungen Menschen nahm Theophil ebenso in Kauf wie die persönliche Beleidigung, die er voll auskostete. Ein absonderlicher Charakter war er – und eine Ausnahme! Doch was besagte die Regel? Formte sie uns zu den wertvollen Individuen, die eine noch aufzubauende Gesellschaft des Lichts nötig hatte, um zu blühen und zu gedeihen? Wo waren „Menschenrechte“ angesiedelt im realsozialistischen Bildungssystem, gar die „Würde des Menschen“? Davon hatte man zumindest in unserer Schule noch nicht allzu viel vernommen! Noch war die körperliche Züchtigung Norm! Theophil machte ebenso Gebrauch von der „Freiheit zu schlagen“ wie die Rektorin der Schule, deren Fausthiebe berüchtigt waren. Unsere adipöse Grundschullehrerin blieb einigen von uns vor allem deshalb gut in Erinnerung, weil ihre dicken Goldringe auf unseren Gesichtern und Köpfen eindeutige Spuren zu hinterlassen pflegten. Vizedirektor Patron, ein hochgewachsener, drahtiger Militärtyp, den ich nie habe lachen sehen, ging mit Vorliebe auf seine ungehorsamen Rumänen los, wo er in ihren Reihen weitaus rücksichtsloser zuschlagen konnte als bei den leicht gehätschelten Deutschen. Theophil schlug, ungeachtet der nationalen Herkunft, mangels Spanischem Rohr gern mit dem Lineal auf die Fingerspitzen seiner Opfer. Wenn der kleine Junge etwas ausgefressen hatte, was Strafe erforderte, musste er sein Händchen vorstrecken und die Finger so zusammenziehen, dass Zuchtmeister Theophil alle Kuppen mit einem Schlag treffen konnte – dort saßen die Nerven, der Tastsinn! Und dort schmerzte es am meisten! Waren die Finger aber zufällig nicht sauber und der schwarze Dreck vom Spiel im Straßenstaub noch gut unter den Nägeln sichtbar, schlug Gottvater Theo noch kräftiger drauf, die Rechtfertigung gleich hinterher brüllend: „So wie deine Hände, so ist auch dein Gefrüsss!“

Theo hatte irgendwo etwas über „Zucht und Züchtung“ gelesen – und noch mehr über „Züchtigung“! Und ein „Gezücht“, wie wir es waren, renitent und faul, musste zünftig gezüchtigt werden, wenn daraus noch etwas Brauchbares für Volk und Staat erwachsen sollte. Du gehst zur Schule, vergiss die Peitsche nicht! Das schien Theophils Maxime zu sein, die ihm vielleicht auf der Parteihochschule eingeschärft worden war? Am Ende der sozialistischen Pädagogik stand die Vorstellung von gesunden Menschen mit gesunder Seele und gesundem Körper, wobei beides – wo schon nicht durch Züchtung – dann wenigstens durch Zucht erreicht werden sollte, sic! Nietzsche, der Philosoph mit der Peitsche, den dort kaum jemand lesen konnte, ließ grüßen – und in Berufung auf ihn die Gleichschritt-Marsch-Tradition von SA und SS.

Während unsere blutjunge Musikerzieherin ohne Rücksicht auf das Geschlecht mit nahezu sadistischer Vorliebe Ohren zwickte und an den kaum vorhandenen Koteletten zupfte, prügelte Theo weiter mit der Messlatte auf uns ein. „Spanisches Rohr“, Rute und Knute waren bereits verpönt. So wurden wir auf das Leben in einer egalitären Gesellschaft vorbereitet, wo jeder das bekam, was ihm zustand – „suum cuique“ nach Karl Marx und den Mönchen! Aber wir wurden auf diese Weise auch für die späteren Verhöre beim Geheimdienst „Securitate“ ertüchtigt, mit der gelinden Andeutung, die lichte Zukunft könne doch härter ausfallen. „Es gommt daran!“ Und dabei wollten alle nur unser Bestes!

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