Der „Homo novus“ des Sozialismus – oder: der „unfreie Mensch“

 

Dreißig Jahre nach den vielversprechenden Umstürzen in den Staaten des Ostblocks nach dem Zweiten Weltkrieg schienen die Proletarisierung der Welt und die Errichtung des Weltkommunismus erreichbare Ziele. Das Mittel auf dem Weg hinauf war der „Homo novus“ des Sozialismus. Dieser aber war – nicht anders als die Vision des Kommunismus selbst – ein irreales Konstrukt, eine Art „Idee fixe“, ja eine neurotisch-paranoide Idee kommunistischer Ideologen, die bis zum totalen Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa aufrecht erhalten wurde, was sehr viel menschliches Leid und Unglück verursacht hat. Das Monstrum selbst jedoch sollte keine Kreatur Frankensteins sein, kein höher gearteter „Übermensch“, der sich vom früheren Menschen abhebt wie der gegenwärtige Mensch vom Affen; keine blonde Bestie sollte es werden, kein Borgia-Machtmesch der Renaissance, der alle Schranken niederreißt, auch die der Moral, sondern ein vollkommen „neuer Mensch“, ein „sozialistischer Mensch“ sollte entstehen – aber auch ein anderer als jener, den die Expressionisten erträumten! Weil sie nicht genau wussten, wie er auszusehen hatte, definierten sie ihn negativ, indem sie zu wissen glaubten, was er nicht verkörpern soll.

Die roten Ideologen glaubten an einen Homunkulus aus dem Reagenzglas, der in einer Nährlösung materialistischer Dialektik heranwächst wie die Holland-Tomate im Gewächshaus, am besten noch als Klon, dem alle bürgerlichen Erbkrankheiten entfernt wurden. Sie glaubten an den glücklichen Maya des Sozialismus, der gern Sklave ist und gern zum Schafott trottet, an ein altruistisches Individuum, das sich selbst opfert, um das Ideal einer glücklichen Gesellschaft in einer noch glücklicheren Menschheit zu ermöglichen; an ein willenloses Objekt, das sich, insofern es überhaupt noch denkt, als ein Teil eines Heeres von kommunistischen Sklaven versteht, die den weisen Weisungen eines absolutistischen Führers gehorchen und folgen.

Soweit die Theorie. Nur fiel den halbgebildeten Ideologen der Neuzeit, deren philosophischer Eklektizismus noch dilettantischer war als jener ihrer Abgötter Marx, Engels und Lenin, nicht auf, dass der Homo sapiens der letzten sechstausend Jahre eine Gattung ist, die selbstständig denken kann und die – schon aus Gründen der Selbsterhaltung und des Fortschritts – den Egoismus ausgebildet hat.

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4 Responses to Der „Homo novus“ des Sozialismus – oder: der „unfreie Mensch“

  1. Was halten Sie dann von der These, dass das “Bewusstsein des Menschen durch das gesellschaftliche Sein bestimmt” wird?

    • Die Gesellschaft bestimmt das Sein und das Bewusstsein des Menschen – doch nur bis zu einem gewissen Grad.
      So wurden Nationalsozialismus und Kommunismus sowie andere totalitäre Systeme möglich. Es besteht ein Wechselverhältnis.
      Das Milieu färbt ab, doch die Gesellschaft determiniert die Menschen nicht ganz.
      Das Individuum, das sich seiner Freiheit bewusst ist, kann sich absetzen, sich befreien, zu eigenen Erkenntnissen und Anschauungen gelangen. Die Thematik beginnt mit dem Höhlengleichnis Platons und führt über Hegel und Marx bis in die jüngste Geschichte. Die Kommunisten in der Sowjetunion und in Osteuropa machten dort weiter, wo die Nationalsozialisten Hitlers aufhören mussten. Das moralische Absetzen von verbrecherischen Systemen führt zu Opposition und Widerstand.

  2. Es ging mir nicht um die Gesellschaft, sondern um das “gesellschaftliche Sein”. Das heißt: die Gesamtheit der materiellen Lebensverhältnisse der Menschen. Darunter fallen besonders die Produktions- und Klassenverhältnisse, die die Menschen eingehen. Aber vielleicht meinten Sie dasselbe.

    Sie schreiben, dass das “Milieu” einen Einfluss hat, aber auch der freie Wille eine wichtige Rolle spielt. Wobei man sich natürlich fragen muss, wo der freie Wille seine Wurzeln hat. Aber abgesehen davon, ist mir nun nicht klar, warum Sie trotz ihrem Eingeständnis, dass die “Gesellschaft” Einfluss auf das Bewusstsein der Menschen hat, eine These zu propagieren scheinen, die “Ein “neuer Mensch” ist unmöglich” lauten könnte.

    Anders: Wieso kann das gesellschaftliche Sein im Sozialismus (falls dieser dann existiert) das Bewusstsein der Menschen nicht verändern und formen, während das gesellschaftliche Sein im Kapitalismus die Menschen heutzutage formt?

  3. Dialektik impliziert Fortschritt. Wir alle verändern uns stündlich im Miteinander, positiv und negativ. Mehrfach habe ich auch über die Veränderung des Menschen im Kapitalismus geschrieben. Der Mensch lebt oft in der “Uneigentlichkeit” ( im Sinne Heideggers) und Abhängigkeit, ohne dass er dieses Unfrei-Werden durschaut.

    Im so genannten “real existierenden Sozialismus” ist das alles nur vielfach primitiver, hier im Westen aber subtil und verführerisch. Das Unfreisein wird oft nicht wahrgenommen oder durchschaut.
    Blicken wir nach Nordkorea – dort wird der Mensch künstlich hinter dem Mond gehalten, fern vom Informationsfluss des Internets. So kann der im Dunkel der Höhle gehaltene Bürger nur Schatten erkennen ( wie in Platons Höhle) – er verkennt seine Möglichkeiten und die reale Welt.
    Der “Homo Novus” des Expressionismus , des Christentums und des Nietzsche – das sind utopische Möglichkeiten – regulative Ideen zum Humanum ( auch im Sinne Thomas Manns).
    Vieles ist in Freiheit möglich, wenn der kreative Wille sich entfalten kann. Totalitäre Staatssysteme aber machen das alles kaputt.

    (Da ich zwischen mehreren Kulturen aufgewachsen bin, ( siehe etwa die hier publizierten Kapitel zum Thema Sinti und Roma etc.), durfte ich selbst erleben, wie sich Minderheiten, Nationen und Ideologien als Milieu auswirken.

    Ein Entweder- Oder bei den Wechselwirkungen von Sein und Bewusstsein gibt es nicht. Alles ist im Fluss – oder in dialektischer Progression.

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