“Das Banat ist die Stirn” – Heimat und gesunder Patriotismus

 

Die deutsche Gemeinschaft in Sackelhausen, wie ich sie noch erleben durfte, war eine an sich lose, doch funktionierende gesellschaftliche Struktur, die durch engere Verwandtschaftsverhältnisse und eben durch einen Kanon von Riten und Gebräuchen zusammengehalten wurde. In dieser Volksgemeinschaft dominierte – nicht anders als in Schlesien, im Egerland oder in Südtirol – das nationale Denken als patriotische Manifestation im Sinne eines generellen Bekenntnisses zur deutschen Kultur- und Wertegemeinschaft, ohne dass man individuell in der Lage gewesen wäre, die tatsächliche Eigen-Kultur zu definieren und historisch zu differenzieren. Die Gründe dafür waren vielfältig.

Es ist ein bekanntes Phänomen, dass das Deutschtum der Auslandsdeutschen, ganz egal in welcher Ecke der Welt sie sich befinden, wesentlich ausgeprägter, ja übersteigerter ist als der Patriotismus jener Menschen, die innerhalb der Grenzen des eigenen Vaterlandes leben. Das „Nicht-Infrage-Stellen“ der eigenen Identität zwingt dazu, Deutschland als Wertegemeinschaft wahrzunehmen, sogar zu verklären, ganz nach dem Motto vieler Amerikaner: „good or bad – my country“, ohne dabei kritisch von Regierung zu Regierung zu unterscheiden. Kaum ein Amerikaner würde sich je auf Dauer oder auf alle Zeiten von seinem Vaterland distanzieren, nur weil einer seiner Präsidenten versagte oder weil einige der Vorväter während des Genozids an Indianern persönliche Schuld auf sich geladen hatten. Solch eine Haltung imponierte mir damals. Jeder war eigentlich frei und selbst für sein Handeln verantwortlich – und nicht in der Sippenhaft der Geschichte.

Deshalb berief auch ich mich gerne auf das ferne Vaterland, nicht auf das Mutterland, denn ich glaubte, nur ein Vaterland zu haben – allerdings bezog ich mich stets auf das „Land der Dichter und Denker“, nicht auf jenes „der Richter und der Henker“; auf seine große Kultur, ohne aber noch in der Lage zu sein, die jüngste, kaum erst beendete Zeit des Nationalsozialismus adäquat einschätzen und aufarbeiten zu können. Das unfassbar Schreckliche, das niemand wahrhaben wollte, eben weil es so schrecklich war, wurde intuitiv wie bewusst bis zu einem gewissen Grad verdrängt, nach dem Motto: „Was scheren mich Spätgeborenen die Verbrechen jenes Hitler, der Schuld und Schande über Deutschland gebracht hatte und Vernichtung über die Menschheit, wo ich doch hier und jetzt lebe, in einem Staat mit totalitärem System unter „roten“ Vorzeichen? Die Vergangenheit ist nicht mehr zu ändern, aber die Zukunft über die Gestaltung der Gegenwart!“ Also richtete sich die nationale Rückbesinnung weitgehend auf die gesamtdeutschen Leistungen der letzten Jahrhunderte auf dem Gebiet der Wissenschaft, Kunst und Kultur, auf die großen Köpfe der Nation, die Menschheitsgenies hervorgebracht hatte. Das entsprach einem Zweckoptimismus, der vom nationalen und individuellen Überleben diktiert wurde. Im Schulunterricht, wo wir oft mit hausbackenen und altklugen Weisheiten überhäuft wurden, hatte uns eine vorausschauende Lehrerin ein Zitat eingehämmert, das mir noch lange im Gedächtnis nachhallte. Es war der Ausspruch: Achte jedes Mannes Vaterland, doch das deinige liebe!  

Die sinnhaltigen Worte stammten sicher von Goethe oder Schiller, den am häufigsten bemühten Dichtern und Lebensweisen, dachte ich zunächst. In Wirklichkeit war es ein Ausspruch Theodor Storms, jenes geschätzten und gern gelesenen norddeutschen Dichters vom grauen Strand am „grauen Meer“, der sich in der Auseinandersetzung mit den dominanten Dänen zum deutschen Patrioten entwickelt hatte. Storm appelliert in dem prägnanten Dichterwort an aufrichtige Vaterlandsliebe, ohne andere Völker chauvinistisch herabzuwürdigen oder gar verachten. Echter, reflektierter Patriotismus war gefragt, kein dumpfer Nationalismus oder gar Chauvinismus, Negativphänomene, die auf individuelle wie politische Unreife verweisen. Mit einer gewissen wohltuenden Genugtuung nahm ich später wahr, wie mein weltbekannter Namensvetter „Mel“ aus Hollywood über das Medium Film nicht nur zum unübertrefflichen Apologeten der Freiheit wurde, sondern sowohl in „Braveheart“ als auch in „Der Patriot“ für das Ideal der Vaterlands- und Heimatliebe eintrat. So liefen die Dinge zusammen!

Mein Vaterland, mein Mutterland – das war Deutschland; das Ganze, das ungeteilte Deutschland. Und da meine Muttersprache gerade das „Deutsche“ war, fühlte ich mich überall dort wohl, wo deutsch gesprochen wurde, auch wenn das, was ich mit „deutscher Kultur“ assoziierte, nicht überall meinen Vorstellungen entsprach. Selbst die noch instabile, nicht vollkommen „souveräne“ DDR empfand ich in meiner Jugend lediglich als eine temporäre Erscheinung, als momentane Laune der Geschichte, die sicher bald vergehen würde; ähnlich wie ich die Menschheitsverbrecher ohne Beispiel Hitler und Stalin, verantwortlich für viele Millionen Tote, als makabre Unfälle der Geschichte ansah, gleich einem möglichen Supergau in einem Kernkraftwerk. Hitler, der nie demokratisch mit einer gewählten Mehrheit an die Macht gekommen war, sondern die politische Macht usurpiert hatte, kam einem unheilvollen Vulkan gleich, dessen grollendes, gefährliches Brodeln bereits gut gehört werden konnte, bevor er zum Ausbruch kam. Man hätte seinerzeit die Warnzeichen nicht überhören dürfen; und man hätte ihn um jeden Preis stoppen müssen, noch vor der Machtergreifung und dem Ermächtigungsgesetz, unmittelbar nach den richtungweisenden Morden an Röhm und Schleicher. Um jeden Preis! Duckmäusertum, Feigheit, vorauseilender Gehorsam, falsche Pflichtauffassung, Ehrgeiz und überbetonter Legalismus der Wenigen und der Vielen verhinderten es. Das Ungeheuer im Schafspelz setzte sich durch und verbreitete – im übermenschlichen Bund mit dem Bösen – Tod, Terror und unsägliches Leid. Doch jene räumlich ferne, nur zeitlich nahe Diktatur war inzwischen grausamer Teil der Geschichte.

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