Bücherwelten, sexuelle Aufklärung und Tabus

 Als der Inhalt der alten Holztruhe eines Tages erschöpft war und ich dann annähernd wusste, was in den nächsten sieben Jahren an abzuwälzender Lernmaterie auf mich zukam, fand ich immer öfter den Weg in die öffentliche Bücherei, die in der Ortsmitte im Bereich des Kultur- und Rathauses untergebracht war. Oft war ich dort nur ein einsamer Gast. Doch das störte mich kaum, denn tausend Bücher waren um mich und hinter jedem Buch eine neue Welt!

Die Regale der Dorfbibliothek waren prall gefüllt. Also entlieh ich innerhalb von wenigen Jahren fast alles, was relativ kindgerecht und in deutscher Sprache greifbar war: Die Kinder- und Hausmärchensammlung der Gebrüder Jakob und Wilhelm Grimm, die Märchensammlung von Ludwig Bechstein, die Kunstmärchen von Wilhelm Hauff und Hans Christian Andersen, die großen Sagen der Weltliteratur, die Sagen des klassischen Altertums von Gustav Schwab, dem Freund und Förderer Lenaus, an dessen Wirkungsort Gomaringen auf der Schwäbischen Alb ich später während meiner Tübinger Studien einige Zeit leben sollte. Ferner las ich vieles von Karl May, manche Abenteuerromane, die berühmten Geschichten von Jules Verne, James Fenimore Cooper, Daniel Defoe und Robert Louis Stevenson und schließlich, als mir der märchenhaft romantische Stoff ausging, stieg ich auf die ereignisreichen Historien-Dramen Schillers um, las im Don Quichotte, andere klassische Weltliteratur großer Franzosen, Briten und Russen, bis hin in jene Bereiche, wo die Nachvollziehbarkeit nicht mehr gegeben war.

Einmal fiel mir eine Sammlung mittelalterlicher Schwänke in die Hände, ein zerzaustes Büchlein in Sütterlin-Schrift, „gotisch“, wie wir zu sagen pflegten, das sich als kleines Erotikbüchlein entpuppte. Da ich als Neunjähriger noch nichts Ähnliches gelesen hatte, übte dieses merkwürdige Dekameron eine sonderbar aufregend erregende Wirkung auf mich aus und setzte wohl erste hormonelle Wallungen in Gang, wie ich sie bis dahin noch nicht erlebt hatte.

Sexualität und sexuelle Aufklärung waren in unserem recht prüden Umfeld kein Thema – man schämte sich einfach! Und man schämte sich mit der gesamten modernen sozialistischen Gesellschaft, die in dieser Frage auch nicht fortschrittlicher war als wir – von anderen als rückständig bezeichneten – Dörfler und dazu neigte, den gesamten Komplex der Sexualität zu tabuisieren. Der aufgeklärte, ja desillusionierte und schon zum Zyniker mutierte Poet Ion Caraion witzelte später darüber auf seine Art – expressiv und direkt: Die Rumänen der Nachkriegszeit hätten eigentlich weder Geschlechtsorgane, noch praktizierten sie Geschlechtsverkehr, eben weil sie so etwas nicht ziemte – „Sie schämen sich einfach“, höhnte der alte Knastbruder und gebrauchte dabei ein paar derbe Vulgärausdrücke aus dem Jargon-Repertoire der Bierkutscher, um mit dem erzeugten Kontrast die Diskrepanz zwischen sozialistischem Alltag und sozialistischer Moral zu verdeutlichen. Die gesellschaftliche Heuchelei begann dort, wo Aufklärung und Bildung abgewürgt wurden. Wer mehr über die Klassiker der kommunistischen Weltanschauung wissen wollte, wurde selbst in unserer Bücherei schnell fündig. Vieles von dem, was Karl Marx, Friedrich Engels und Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, geschrieben hatten, war greifbar. Natürlich auch die gesammelten Werke des Landesvaters Nicolae Ceauşescu, ein großer Denker auch er, Schriften aus der Feder unbekannter Ghostwriter, die gegen satte Barzahlung von einem italienischen Verleger herausgebracht worden waren. Ob jemals einer dieser Bände ausgeliehen wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.

Als ich eines Tages aus Mangel an Alternativen selbst einen der Prachtbände aus der in Leder gebundenen Werksausgabe der drei Haupttheoretiker des Marxismus-Leninismus mitnehmen wollte, ich glaube, es war gar das „Kapital“, fragte mich die mir wohlgeneigte Bibliothekarin Frau Susanne sichtbar verblüfft: „Was willst du denn „damit“?“

„Lesen, natürlich“, entgegnete auch ich leicht verdutzt. Welch eine Frage? Schließlich war doch alles, was die Druckmaschinen passiert hatte, zum Lesen bestimmt, oder etwa nicht? Nachdem ich später daheim einige ideologische Ausführungen überflogen hatte, ohne den Sinn der Worte auch nur annähernd zu verstehen, wurde mir schnell bewusst, dass zwischen Wollen und Vermögen eine noch unüberbrückbare Lücke klaffte. Die folgenden Jahre habe ich schließlich damit verbracht, diesen unbefriedigenden Zustand zu beseitigen, indem ich noch viel mehr las und das Welt-Wissen dort aufnahm, wo es mir begegnete: Wie alle anderen Mitschüler zunächst in der Volksschule, regelmäßig aber auch über die deutsche Tageszeitung „Neuer Weg“, die in Bukarest redigiert, täglich im Abonnement vorlag und deren außenpolitischen Teil ich mit besonderem Interesse verfolgte; über Radiosendungen, das mich über den Äther mit allen Nationen verband und mein Ohr früh für fremde Sprachen sensibilisierte; über das Rumänische Fernsehen, wo wir die einige Jahre großzügig ausgestrahlten ausländischen Filme in der Originalsprache verfolgten und so auch die tatsächliche Stimme der Schauspieler vernahmen; schließlich im Austausch mit Schulkameraden und Nachbarskindern, die mir ihre Bücher, ihre Zeitschriften und Illustrierten aus Deutschland, ja selbst ihre billigen Groschenhefte zur Verfügung stellten. Der „Ritus des Lesens“ hatte auch andere erfasst, vielleicht weil es viel zu kompensieren gab und jede auch noch so triviale Lektüre der unvollkommenen, immer unheiler werdenden Welt um uns herum eine Gegenwelt entgegensetzte.

Gelesen wurde alles, was unterhaltsam war, den Horizont erweiterte sowie den Blick schärfte, über die unsichtbaren Gefängnismauern hinaus, hinter welchen wir geistig überwintern mussten: Bundesdeutsche Bestseller, Musiker-Biografien, Bücher über Prominente wie die „Royals“, alte, verstaubte „Schinken“ in „gotischer“ Schrift – gelegentlich selbst Verbotenes und gefährliche Bücher aus der braunen Zeit, die eigentlich nicht mehr hätten im Umlauf sein sollten wie das von Hitler rezipierte „Volk ohne Raum“ von Hans Grimm oder Klassiker des Antisemitismus aus der Feder des Führers wie das über alle Welt verstreute Pamphlet „Mein Kampf“. Einiges an nationalsozialistischer Literatur und Propaganda-Schrifttum hatten die freiwilligen Bücherverbrennungen nach dem Zusammenbruch überstanden, zirkulierte noch und zwang jene, die überhaupt so etwas lasen, zur geistigen Auseinandersetzung mit der Materie. Das war weniger gefährlich als die Vergiftung durch bloße, unverifizierbare Gerüchte und Hetzparolen, die vorwiegend jene erreichten und festlegten, die überhaupt kein Buch zur Hand nahmen.

Zeitweise erreichten uns die Büchersendungen des Instituts für Auslandsbeziehungen aus Stuttgart mit zum Teil wichtigen Inhalten, etwa Nachschlagewerke und Enzyklopädien auf neuestem Stand, die uns mit dem objektiven Weltwissen verbanden. Differenziertes Wissen war die Voraussetzung überhaupt, um die Einseitigkeit der offiziellen Doktrin zu durchschauen und ihr ein Gegengewicht entgegenzusetzen. Dank dieser Medien und des regelmäßigen Austauschs mit dem liberalen Westen über Verwandte hatten wir gegenüber den Rumänen im Land – aber auch im Vergleich mit den teilweise perfekter abgeschotteten Bürgern der DDR trotz Westfernsehen – einen eindeutigen Wissensvorsprung und ein aktuelleres Wissen von dem, was tatsächlich in der Welt vor sich ging.

 

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