BRD oder DDR? Ethnische Selbstbehauptung und Identitätswahrung

 

                                      Wir wählen die Freiheit. Konrad Adenauer

Deutschland, das heißt die Bundesrepublik Deutschland, war die große imaginierte Schutznation hinter unserer Gemeinschaft, während die DDR, wie eine wenig geliebte Verwandte von den meisten aus unserer Mitte als nahezu tabuisierter „Unstaat“ betrachtet und behandelt wurde. Allein schon das Wort „demokratisch“ wurde als Hohn empfunden, wussten wir doch alle, wie „demokratisch“ es überall hinter dem Eisernen Vorhang zuging. Abgelehnt wurden neben der pseudodemokratisch heuchlerischen Staatsselbstdefinition auch ihr ebenso bigotter Marionettenapparat bestehend aus der Kader-Einheitspartei der Kommunisten SED, den gleichgeschalteten Blockparteien, der repressiven Staatssicherheit, der linientreuen Nationalen Volksarmee und der systemkonformen Gewerkschaften. Dass die Kaderschmiede der SED, die Nachwuchsorganisation „Freie Deutsche Jugend“, kurz FDJ, auch noch das Wort „frei“ im Namen führte, pervertierte die große Lüge noch, die den zweiten deutschen Staat durchzog, den seit Kriegsende von den Sowjets besetzten Teil Deutschlands. Nicht ausgegrenzt hingegen wurden die einfachen Staatsbürger der DDR, alles Menschen, die sich nie freiwillig für eine solche „Demokratie“ entschieden hatten, Leute, die uns nah waren und die sich bei hohem persönlichen Risiko sowie vielfachem Verzicht, bewusst den Verstrickungen innerhalb des Systems entzogen, ja sogar dagegen opponierten. Ein Faktum war bekannt: Die Führung des „zweiten deutschen Staates“, des in seinem Selbstverständnis nach Bert Brecht und anderer Linken sogar „besseren“ Deutschlands, dessen vollständiger Name selbst von unseren braven Lehrern nur mit Zähneknirschen und unnatürlicher Überwindung ausgesprochen werden konnte, wollte – in antizipierter Gegenseitigkeit – nichts von deutschen Minderheiten im Ausland wissen, Altstalinist Walter Ulbricht ebenso wenig wie später der ihm geistig ebenbürtige Erich Honecker. Für die Alt- wie Jungstalinisten aus Berlin, Führer und Despoten dank der Gnade Moskaus, waren wir Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen eigentlich kein politisches Thema. Bis auf wenige kulturelle Kontakte, die der Völkerverständigung dienten, ganz und gar nicht aber der „Einmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten“ gab es kaum Verbindendes; nicht nur weil man dem unorthodoxen, eigenwilligen  Ceauşescu misstraute. Auch die offene Selbstbehauptung der Deutschen im Banat und in Siebenbürgen mit ein paar Rest-Freiheiten erschien suspekt. Genauso wenig faszinierten uns die Altherrenriege aus Pankow, das Déjà-Vu der Paraden und Maskeraden potjomkinscher Art von Berlin aus, noch ihre hohlen Floskeln vom Lauf des Sozialismus, der weder vom Ochsen, noch vom Esel aufgehalten werden könne, vorgetragen im breiten sächsischen oder saarländischen Dialekt, der uns nur an die sprachlichen Unzulänglichkeiten des stammelnden Diktators im eigenen Land erinnerte, an heimische Heuchelei, an Einseitigkeit und das bunte Marionettentum und opportunistische Chamäleongebaren vor unserer Haustür. Einige Banater Schwaben oder Siebenbürger Sachsen reisten trotzdem gelegentlich in die DDR, wenn sie durften, vor allem in die kulturellen Zentren Leipzig und Dresden und brachten von dort das mit, was die DDR-Kultur doch noch hergab. Einiges von den Bachs, von Händel, ja selbst von Luther: Bücher, Partituren, Schallplatten, Kleinodien und Porzellan aus Meißen und andere Raritäten, gewissermaßen als Kompensation für den versperrten Weg in die Bundesrepublik. Wir lasen auch gern in den in der DDR oft recht großzügig edierten Werken deutscher Klassiker, natürlich ohne die obligatorische einleitende Interpretation aus marxistischer Sicht groß zu beachten. Den zweiten deutschen Staat als souveräne politische Einheit aber wollten viele meiner Landsleute doch nicht wahrhaben oder gar anerkennen, auch deshalb nicht, weil sie mit der DDR keine persönliche Zukunftsperspektive verbinden konnten oder wollten. Die DDR wurde weitgehend ignoriert – wie das ideologisierte Vorwort der Klassikerausgaben, in welchen nahezu jeder große deutsche Dichter zu einem Vorkämpfer der marxistisch-leninistischen Weltrevolution stilisiert worden war. Die seltene Überlegung, lieber unter deutschen Kommunisten leben zu wollen als unter rumänischen, kam ausschließlich in den bitteren Jahren des Stalinismus auf, gleich nach dem Krieg, als der kommunistische Ungeist gepaart mit blindem Nationalismus und Chauvinismus überall im Ostblock gleich schlimm wütete und der böse Deutsche für alles verantwortlich gemacht wurde, was schief gelaufen war und weiterhin krumm lief – ob er dabei gewesen war oder nicht. Schließlich war es uns nicht entgangen, dass die „ideologische Indoktrination“ im „zweiten deutschen Staat“ weitaus perfekter umgesetzt wurde als bei uns, im immer noch liberalen Banat, wo nachlässige Rumänen das Sagen hatten, eben mit deutscher Gründlichkeit und Konsequenz; und dass der „aus Ruinen“ erhobene „Arbeiter- und Bauernstaat“ Johannes Robert Bechers und Bertolt Brechts ein besonders braver und willfähriger Vasall des Großen Bruders sein wollte.

Von wenigen Linken absehend, die ideologisch verblendet mit dem „demokratischen Deutschland“ sympathisierten, für die Bundesrepublik aber nur Schmach, bestenfalls Verachtung übrig hatten, gab es im Grunde in unseren Köpfen nur ein Deutschland, nämlich jenes, das auch völkerrechtlich und mit allen Verpflichtungen die Nachfolge des Deutschen Reiches angetreten hatte: Die Bundesrepublik Deutschland. Ein Deutschland, das die „moralische Verantwortung“ für die Verbrechen des Nationalsozialismus übernommen hatte, das die „Verpflichtung“ zur Aussöhnung sah, zur Sühne bereit – und das auch den Opfergang der weitgehend unbeteiligten volksdeutschen Zivilisten anerkannte, den einreisenden Aussiedlern als Wiedergutmachung und Integrationsbeihilfe einen Lastenausgleich bezahlte, selbst eine Rente, als symbolische wie materielle Geste für das vielfach erlittene Unrecht, welches Deutsche in schwerer Zeit zu ertragen und auszufechten hatten; ein Deutschland, das in einem Anflug von selbstvergessener Großzügigkeit auch diejenigen mit offenen Armen aufnahm, ehrte und fürstlich belohnte, die früher auf Deutschtum, deutsche Identität, deutsche Leiden, ja auf die Bundesrepublik Deutschland gespuckt hatten.

„Von der Stelle, auf die ich vorher spuckte, esse ich nicht mehr“, sagt der archaische Rumäne. Der Deutsche aber in seiner grenzenlosen christlichen Nächstenliebe liebt auch seinen Feind – frei nach Erich Mielke, dem Stasi-Chef, einem bereits in der Weimarer Republik mit Haftbefehl gesuchter Doppelmörder, der, kurz vor seinem Jüngsten Tag ungeniert vor protestierenden Massen ausrief: „Ich liebe doch alle Menschen!“

Ja, nach jenem Deutschland hin richteten sich die Blicke der meisten, auch wenn einige wie ich, mehr Wahrheitswillen, Aufklärung und Gerechtigkeit für die Opfer erwarteten als grenzenloses Verzeihen für jedermann. Was dort in der Bundesrepublik ablief an Aufschwung, Wirtschaftswunder, Kriegsfolgenbewältigung fesselte uns – und vor allem die Entwicklungen auf dem Gebiet der „Familienzusammenführung“ interessierten essenziell. Viele jener Familien, die durch die Kriegsereignisse auseinandergerissen worden waren und inzwischen in aller Welt verstreut leben, überlebten nur in der Art eines Winterschlafs mit dem Ziel, irgendwann und möglichst bald in die BRD auszureisen und das tatsächliche Leben erst in Deutschland zu beginnen.

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