Bildung ist Freiheit, und Wissen ist Macht. Vom Ritus des Lesens

Im Alter von sieben Jahren wurden wir eingeschult, nachdem die meisten von uns sich bereits in der zweijährigen Kindergartenzeit gut kennengelernt hatten. Der Jahrgang 1959 war – mit mehr als vierzig Schülern – ein sogenannter starker Jahrgang und gleichzeitig, aus heutiger Sicht betrachtet, ein sehr erfolgreicher, wahrscheinlich der erfolgreichste in Sackelhausens Geschichte überhaupt. Von den ehemaligen Mitschülern, die heute allesamt im Westen leben, hat ein knappes Viertel ein Hochschulstudium abgeschlossen. Diese zehn Akademiker allein aus einem Jahrgang verweisen darauf, dass unser genetisch vorzüglich gemischtes und somit noch lange nicht von Inzucht bedrohtes Dorf heute nicht durch seine Bauten imponiert, noch durch seine längst verlorenen Ländereien, sondern lediglich durch die Menschen und Charaktere, die es in relativ kurzer Zeit unter schwierigen Bedingungen hervorgebracht hat.

Seinerzeit war jedoch noch nicht abzusehen, welchen Lauf unser aller Schicksal nehmen sollte. Wir lebten, determiniert durch die äußeren Verhältnisse, neben und zwischen Rumänen und Zigeunern ein relativ unspektakuläres, ja braves Leben, wie es uns seit je her vorbildlich von unseren Eltern und Großeltern vorgelebt worden war. Alles verlief in geordneten Bahnen weitgehend legalistisch und konform ohne größere Reibereien mit der Gesellschaft. Irgendwie hatten wir uns mit den Nachkriegsbedingungen arrangiert und lebten recht angepasst wie domestizierte Tiere hinter einem Sperrzaun, wobei mancher im Stillen seinen individuellen Weg beschritt, nach seinen Überzeugungen vorging und seine selbst definierten Ziele verfolgte. Jeder versuchte, sich auf seine Art freizuschwimmen und den Hürdenlauf durch die sozialistische Gesellschaft zu meistern. Die inneren und äußeren Existenzbedingungen waren dabei nicht immer optimal.

Wissen ist nicht nur Macht, wie Francis Bacon an einer Stelle betont. Wissen macht auch frei. Auch Bildung ist eine Form der Freiheit, wie die Muße ihre Schwester ist. Im Vorschulalter war ich bereits ausreichend sensibilisiert, um dies zu fühlen. Deshalb hatte ich es besonders eilig, das Lesen zu erlernen; denn mit dem Lesen konnte ich meinen damals ziemlich ausgeprägten Wissensdrang und meine intuitive Neugier am besten befriedigen. Bücher erschienen mir im Alter von acht bis neun Jahren die zuverlässigsten Informationsquellen zu sein, vor allem im Vergleich mit den oft unzulänglichen und nicht selten schlechthin falschen Aussagen und Mitteilungen meines Umfelds.

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