Aufforderung zum Tanz – oder: vom Reigen und vom Contredance

Wenn die Rumänen aus den Tiefen der Walachei, aus dem sogenannten regat, der Moldau und aus Siebenbürgen, seit 1918 in einem Staat vereint, ihren Nationaltanz, ihre Hora, anstimmten, sollten wir natürlich mitmachen, mittanzen, mitsingen und … irgendwann auch mit den Wölfen heulen! Mit roten Wölfen! Mit den Rumänen mitzutanzen, dazu war ich gerne bereit. Doch lehnte ich es ab – und dies im krassen Gegensatz zu dem Häufchen Linksintellektueller aus der Region, mit den Kommunisten zu heulen, diese anzuerkennen, sie zu bestätigen, sie zu stützen und mit ihnen auch noch zu paktieren, nur aus einem reinen Opportunismus heraus, der die Laufbahn im sozialistischen Staat förderte und Vorteile wie Privilegien aller Art entsprach – bis hin zu den begehrten Westreisen in deren Genuss nur derjenige kam, der absolut systemloyal war. Der Zusammenklang der Völker in ihrer Verschiedenheit war eine Sache – doch die „Verbrüderung mit der menschenverachtenden Ideologie einer Diktatur“ und ihren Handlangern, das war eine prinzipiell grundverschieden andere.

Als geübter Walzer- und Polka-Tänzer und angehender Musikus in eigener Band achtete ich bereits in jungen Jahren auf die Art des anklingenden Tanzes, auf den Auftakt, um die Einstiegsschritte festzulegen. Wie auf dem Ball, wo es galt, den richtigen Einstieg zu finden, lauschte ich aufmerksam gerade den ersten Tönen, um die Tonart herauszubekommen, die wiederum mein Gestimmtsein mitbestimmte, Dur oder Moll, Freud oder Leid wie die ersten Schritte aufs Parkett. Und selbst auf die Tonlage jener Aufforderung zum Tanz legte ich Wert, der heiter und freundlich sein konnte, aber auch derb; auf jenen bestimmten „Ton“, der bekanntlich die gesamte Musik macht, sie festlegt – und der in der kurzen Zeit des Liberalismus in Rumänien zwischen 1965 und 1971 sogar noch mild versöhnlich klang wie in der Weberschen Komposition oder in der frühkindlichen Weise: „Brüderchen, komm tanz mit mir, Meine Hände reich ich dir.“

Doch was kam jetzt auf mich zu? Ein skandalöser Reigen á la Schnitzler, eine Tanzposse á la Heine oder ein preußisch kaltschnäuziger Befehl á la „Woyzeck“, mit dem gnadenlosen: „Tanz! Tanz! Tanz“!? Doch das war ein Kommando, eines, das aus sozialistischem Mund nicht menschenfreundlicher klang als in Georg Büchners Drama. Schließlich stand keine gut gemeinte Empfehlung dahinter, eine „Einladung zum harmonischen Mitwirken“ bei der neu zu errichtenden „Gesellschaft des Lichts“, sondern ein radikales, nicht zu hinterfragendes „Du sollst“, ja ein „Du musst“! Gehorsam, statt Einsicht und Freiwilligkeit. Wozu noch viel Freiheit der Wahl, individuelle Selbstbestimmung, wenn ein eindeutiger Befehl Klarheit doch schuf? Musik erklang! Marschmusik, Schauermusik! Die Musikanten spielten auf – virtuos und leidenschaftlich wie jener Mephisto in der Dorfschenke, bereit zu führen und zu verführen. Nur wollte sich jeder verführen lassen? Waren nicht schon zu viele vor mir verführt worden … und neben mir … – und hatten sie es später bereut?

Die „Aufforderung“ kam – ich durfte „mein Tänzchen wagen“!„Sie spielten auf“! Nur vergaßen sie zu fragen, ob ich wie die meisten um mich herum, überhaupt Lust zum Tanz hatte und welchen Tanz ich tanzen wollte. War ich wirklich bereit, in den künftigen Reigen einzutreten, dort konform das Tanzbein schwingen im monotonen Einheitstakt der einzigen Partei, der Einheitspartei, ohne irgendwann „aus der Reihe zu tanzen“? Und dies auch zu Rhythmen und Tempi, die mir eigentlich fremd waren, weil mir die ganze musikalische Ausrichtung fremd war? „Die Partei, die Partei hat immer recht … denn wer kämpft für das Recht hat immer recht!“ Ein Hohn? In der DDR Ulbrichts und Honeckers war es nicht anders als im sozialistischen Rumänien des angeblichen Dissidenten von oben Nicolae Ceauşescu. Sollte ich nun künftig im Reigen herumhopsen wie ein Clown, „Hora“ tanzen, jauchzen und klatschen und singen, frohlocken wie ein entrückter Satyr im dionysischen Taumel? Oder tanzte ich doch lieber beschwingt einen sündhaften „Pas des deux“ mit meiner Angebeteten, mit der Maid meiner Wahl, mit Göttin „Libertas“ – oder mit einem berauschten Ludwig van Beethoven den altehrwürdigen „Contredance“ symphonisch erhebend?

Wer fragte danach? Konnte ein deutsches Herz auf Kommando rumänisch fühlen, zu einem „inima romana“ werden? Aus Großvater Johann Ott war anno dazumal 1914 kein Ungar geworden, obwohl man ihn als deutsch sprechenden Schüler im Schulhof ausgewatscht und ihn bald darauf in die k. u. k. Armee gesteckt hatte – als ungarischer Staatsbürger deutscher Nationalität. Weshalb wohl? Vor meinen Augen tanzten viele zur rhapsodischen Melodie und zu den versöhnenden Worten, die ihnen vielleicht aus dem Herzen sprachen: „Kommt, lasst uns die Hände reichen, was ist mit dem rumänischen Herz? Lasst uns die Hora der Verbrüderung auf der Erde Rumäniens tanzen“ – alles Rumänen, die ihre Jahrhunderte hindurch herbei gesehnte „nationale Einheit“ erreicht hatten und sich nunmehr der Errungenschaft erfreuten – mit Musik und Tanz. Die Botschaft der ersten Liedstrophe der Einheitshora, deren Text der national fühlende Poet Vasile Alecsandri in nachrevolutionärer Zeit gedichtet hatte, klang in der Tat verbindend. Damals im Schulhof, wo diese „Aufforderung zum Tanz“ das erste Mal an mein Ohr drang, hörte ich die Botschaft wohl, allein auch mir fehlte der Glaube und das Gefühl – sie erreichte meine Seele nicht, weil ein freudig-harmonischer Enthusiasmus des Aufbruchs nicht angeordnet werden darf, sondern nur frei dem eigenen Fühlen folgend individuell angestrebt werden kann. Wir alle, Deutsche, Ungarn, Serben und andere Nationalitäten – vielleicht selbst die nie offiziell angesprochenen zahlreichen Zigeuner im Land – waren wirklich eingeladen, in den nationalen Reigen einzutreten, um dann mitzumachen in der „Hora unirii“ zunächst und bald darauf in dem ganz großen Reigen der „real existierenden sozialistischen Gesellschaft“. Doch nach den seelischen Empfindungen, nach dem Fühlen der Völker fragte niemand – vielleicht, weil aus den Vielen und Verschiedenen das Eine werden sollte: Die kommunistische Monade? Löste der den Völkern nach der großen „Oktoberrevolution“, besonders aber nach 1945 forciert aufgestülpte Kommunismus die „nationalen Identitäten“ wirklich auf? In einer kommunistischen Nation? Der sich bald schon auflösende Vielvölkerstaat „Jugoslawien“ vor unserer Haustür sprach dagegen. Einige aber glaubten so fest an die selig machende Kraft des kommunistischen Welterlösungsmodells, dass sie bald darauf den Andersdenkenden die gleiche Überzeugung aufzuzwingen bereit waren – mit Gewalt. Wer im Reigen  nicht willig mittanzte, wer Kritik übte, ohne sich fügen zu wollen, der wurde ausgestoßen, rücksichtslos, jenseits von Recht und Gesetz, ohne Gnade.

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