Andere Völker, andere Sitten – von nationalen Tugenden … Lastern und religiöser „Toleranz“

 

Worin bestand nun der eigentliche Unterschied zwischen der deutschen Mehrheit im Dorf und der nicht homogenen Bevölkerungsgruppe der Rumänen und Zigeuner, die zufällig, wenn Wohnraum zur Verfügung stand, aus den unterschiedlichsten Landesteilen anreisten, um für immer zu bleiben? Der Deutsche vor Ort definierte sich überwiegend über seine traditionellen, in der Regel konservativen Werte, über Besitz und Eigentum, Ordnungsliebe, Sauberkeit, Ehrlichkeit, über den schon sprichwörtlichen Fleiß, über Tüchtigkeit und über seine Beharrlichkeit. Aus diesem Kanon formte sich nach seiner Auffassung die deutsche „Kultur“. Das entsprach seinen hergebrachten Wertvorstellungen – das alles war seine Kultur – und irgendwo auch sein Eigentum.

Nahezu jeder Deutsche in Sackelhausen wohnte im eigenen, noch von den Vorvätern erbauten Haus. Die meisten Haushalte waren nahezu autark mit extrem niedrigen Lebenshaltungskosten. Das Autarkiebewusstsein, das in der heutigen Konsumgesellschaft fast gänzlich abhandengekommen ist, war ein über Generationen gewachsenes Gut an sich, das auch in Notzeiten das Überleben garantierte. Fast jeder Deutsche in Sackelhausen ging einer geregelten Erwerbstätigkeit nach und behauptete erfolgreich und nach außen hin gut sichtbar seine Existenz. Ehrlichkeit, Fleiß und Tüchtigkeit waren die tragenden Säulen der Volksgruppe, während manche Rumänen vor Ort zu einem mediterran angehauchten „Dolce far niente“ und „Laisser-faire“ neigten. Wie viele andere alte „Kulturvölker“ rund um das Mittelmeer auch neigte ich ebenso zur zweiten, scheinbar nichtdeutschen Kategorie, zum Laster der „Oblomowerei“, oft angeödet von dem vielen Rackern, Schuften und der Plackerei bei Tag und Nacht nur um den Preis materieller Werte, während die Schönen Künste und andere Sinnesfreuden auf der Strecke blieben.

Im Gegensatz zu den Rumänen, die, bedingt durch ihre regional unterschiedliche Herkunft, sich untereinander kaum kannten und im Ort noch keine richtige Gemeinschaft ausgebildet hatten, denn das dauert viele Jahrzehnte, verfügten die Deutschen in Sackelhausen über ein starkes, gefestigtes Gemeinwesen, das über Generationen seit der Besiedlung des Banats entstanden war und die Menschen von je her zusammenschweißte, gerade in Zeiten von Elend und Not.

Das symbolische Zentrum der Gemeinde war natürlich die katholische Kirche mitten im Ort, das Herz des Dorfes, der neuralgische Punkt, wo alle Menschen, alt und jung, an den wichtigsten Festtagen des Jahres, an Weihnachten, an Ostern, an Pfingsten und Allerheiligen, während des Kirchweihfestes, bei Taufen, Firmungen, Hochzeiten und bei Trauerfeiern seit zwei Jahrhunderten zusammen strömten. Lange Zeit gab es nur eine Religion, die „richtige“: die Römisch-katholische. Monarchin Maria Theresia hatte es seinerzeit 1765 so gewollt. Und dabei war es auch geblieben – bis zum Exodus und somit dem Ende des Deutschtums im Banat. „Religiöse Toleranz“ war ein Fremdwort in unseren Weiten, zumindest in meiner Familie. Wozu Toleranz, wenn nichts da war, was toleriert werden musste? Wenn ich mich in meinem Verhalten gegen den starren katholischen Kodex versündigte, den jedermann im Katechismus oder im Beichtspiegel nachlesen konnte, wenn ich unartig war oder sonst wie gegen die guten Sitten des Dorfes verstieß, wurde ich oft mit scharfen Worten zurechtgewiesen: „Du benimmst dich wie die Lutheraner!“ Das hörte ich nicht nur einmal. Was wusste man von Martin Luther im deutschen Dorf des Banats, von der Reformation, vom Protest, vom Neuglauben „Protestantismus“, von den Evangelischen? Nicht viel mehr, als dass die Abspaltung von der Mutter Kirche ein Irrweg war und der Protestantismus ein Irrglaube, Ketzerei! Martin Luther hingegen, aus streng katholischer Sicht seit je her „der Antichrist“ in Menschengestalt, wurde auch im erzkatholischen Banat, als Wurzel alles Sündhaften und Verruchten wahrgenommen, als althergebrachtes Synonym für alles Verwerfliche und Böse, als Unperson schlechthin, ja als der Leibhaftige selbst. In Wirklichkeit aber kannte kaum einer aus der weiten Schar naiv gläubiger Katholiken mehr als nur den Namen des großen Reformators. Das historisch bedingte Unverständnis für alles Protestantische im Banat führte letztendlich auch zu einer tiefen Zäsur, Befremdung und Kluft zwischen Banater Schwaben und den Siebenbürger Sachsen, die während der Reformation allesamt protestantisch geworden waren und es auch blieben. Im Sprachgebrauch meiner Mutter wurde das Schimpfwort „Lutheraner“ unreflektiert eingesetzt, so „wie man es ihr beigebracht hatte“, wie vieles andere auch, was unkritisch aus der langen Tradition übernommen wurde. Es war wie beim Gewohnheitsrecht – mehr Gewohnheit als Recht oder gar Gerechtigkeit.

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