1968 – Der “Prager Frühling” und das Ende der Freiheit

Zur gleichen Zeit veränderten sich auch die politischen Verhältnisse im Land. Nach dem plötzlichen und rätselhaften Tod des Spätstalinisten Gheorghe Gheorghiu Dej als Folge eines Moskaubesuchs avancierte der damals noch unbekannte Nicolae Ceauşescu zum Staatschef. Ceauşescu – ein Hoffnungsträger? Das wurde zumindest eine gewisse Zeit auch über das Land hinaus angenommen. Aus der bisherigen „Volksrepublik“ wurde – als Signal für eine neu anbrechende Zeit, die eine Epoche des Lichts werden sollte – eine sogenannte „sozialistische Republik“. Als unmittelbare Folge dieses Wandels setzte sich im Land für kurze Zeit ein Hauch von Liberalismus durch – entstalinisierendes, politisches Tauwetter, ähnlich dem in der Sowjetunion nach Chruschtschows Macht-Antritt, das gerade die Intellektuellen und Künstler ergriff und sogar einige kritischere Köpfe unter ihnen spontan veranlasste, in die Kommunistische Partei einzutreten. Eine gewisse Aufbruchseuphorie machte sich breit, eine Tendenz zu mehr Liberalismus nach innen, verbunden mit einer gewissen außenpolitischen Emanzipation von Moskau. Etwas mehr Demokratie wagen – schon damals und jenseits des Eisernen Vorhangs? In der Tschechoslowakei, wo noch deutlichere Liberalisierungsbestrebungen auszumachen waren, sprach man seinerzeit in direktem Zusammenhang mit den Reformen Dubceks von einer veränderten Gesellschaft, von einem möglichen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, dessen partielle Umsetzung bis zum Einmarsch der Truppen der Warschauer Pakt-Staaten im Jahr 1968 andauerte.

Vorausgegangen waren – aus damaliger Sicht – gewaltige Reformbewegungen, die einerseits aus der ökonomischen Notwendigkeit heraus von erneuerungsfreudigen Parteiaktivisten getragen und befördert, andererseits von den bis dahin unterdrückten Intellektuellen noch verstärkt wurden. So forderte der Ökonom mit Künstlerseele Ota Sik, ausgehend von der desolaten Wirtschaftslage der Tschechoslowakei, eine grundlegende wirtschaftliche Liberalisierung des Landes – speziell die Abkehr von der staatlich gelenkten Planwirtschaft, von Bürokratie und Preisbindung und die Hinwendung zu einer freien, einer sozialistischen Marktwirtschaft. Kleine privatwirtschaftliche Unternehmen sollten ebenso zugelassen werden wie Joint Ventures mit ausländischen Unternehmen. Die Eigeninitiative sollte die bis dahin extrem praktizierte Gängelung durch den Staat ersetzen. Besonders weitsichtig war die damals noch überhörte und in ihrer Bedeutung und Tragweite noch nicht erkannte Forderung Siks, autonome, freie Gewerkschaften zuzulassen. Das war ungeheuerlich fortschrittlich!

Nur ich, der Neunjährige, wusste damit noch nicht viel anzufangen! Erst ein Jahrzehnt später sollte die Idee einer „freien Gewerkschaftsgründung“ auf fruchtbaren Boden fallen und gerade von uns in den Straßen von Temeschburg umgesetzt werden. Doch das war im Frühling 1968 Zukunft! Die angestrebten Erneuerungen der nicht oder nur schlecht funktionierenden sozialistischen Gesellschaft waren als ein Modell des dritten Weges gedacht, als eine progressive Form des gesellschaftlichen Neubeginns, der damaligen Tschechoslowakei angemessen, ohne dabei das ideologische System des von Moskau bestimmten Ostblocks gänzlich infrage zu stellen oder herausfordern zu wollen. Ota Sik schrieb über seinen ökonomischen Neuansatz ein viel beachtetes Buch, das seinerzeit auch in Deutschland gedruckt und rezipiert wurde. Mit den Wirtschaftsreformen einher gingen allgemeine demokratische Bestrebungen der Gesellschaft, die von Schriftstellern wie Pavel Kohout und Václav Havel getragen wurden. Sie führten zur Aufhebung der Pressezensur und demzufolge zu einer wahren Informationsflut in allen gesellschaftlichen Bereichen, die im „Manifest der 1000 Worte“ gipfelte. Studentenproteste und weitere Demokratisierungsforderungen der Intellektuellen, die eine endgültige Aufarbeitung der Zeit des Stalinismus reklamierten, heizten die Stimmung weiter an. Was in der Tschechoslowakei als „Prager Frühling“ verstanden wurde und als solcher in die Geschichte einging, war aus der Sicht Moskaus, speziell Breschnews, eine einseitige Rebellion, ja eine „Konterrevolution“, die den Bündnisfall auslöste. Gestützt auf eine sehr fragwürdige Interpretation des Warschauer Vertrages ohne eingetretene Aggression eines äußeren Feindes marschierten fünf Ostblockstaaten formal in die Tschechoslowakei ein, um die als anarchische Rebellion empfundene Demokratiebewegung, die bereits auf die Parteispitze unter Dubcek übergegriffen hatte, zu stoppen und den Status quo ante wieder herzustellen. Die Truppen der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens beteiligten sich aktiv an der Niederschlagung der Freiheitsbewegung der Tschechen und Slowaken, während sich die Truppen der DDR in Alarmbereitschaft hielten, ohne in die Kampfhandlungen einzugreifen. Auf der Seite der Rebellen fielen während der revolutionären Ereignisse 98 Menschen für das Ideal der Freiheit!

Bereits wenige Tage nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung verließen etwa hunderttausend enttäuschte Bürger ihr Land für immer und suchten in Österreich oder Deutschland Zuflucht, genauso wie nach der Niederschlagung der Erhebungen 1954 in Berlin und nach dem Ungarnaufstand im Jahr 1956. Moskau setzte den konservativen Stalinisten Husak als Staatschef ein, während Dubcek, der Breschnew lange wacker getrotzt hatte, für immer in Ungnade fiel – das heißt: Bis zu dem Tag nach dem Umbruch in Osteuropa, wo er Hand in Hand mit dem späteren Präsidenten Havel den demonstrativen Weg der nationalen Versöhnung nach erfolgter Vergangenheitsbewältigung beschreiten konnte.

Nach dem Einmarsch der Sowjets verbrannte sich der Student Jan Palach öffentlich auf dem Prager Wenzelsplatz – für die fast schon erreichte Idee der Freiheit – und als Protest gegen die Niederschlagung der Reformbewegung mit Panzern und nackter Gewalt.

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