„Wert und Ehre deutscher Sprache“

 

Doch bevor wir die Wichtigkeit von Sprachen überhaupt erkannten, wuchsen wir in die Sprachen hinein, neben dem Deutschen ins Rumänische, Ungarische, Serbokroatische, ja selbst ins Zigeunerische, und damit in die permanente komparatistische Auseinandersetzung, die an sich ein Denktraining darstellt. Die These, eine Parallelpraxis von Dialekt und Hochsprache führe zu einer effizienteren Gehirnbetätigung und einer höheren intellektuellen Leistung, waren uns damals ebenso wenig bewusst wie die grammatikalisch andersgeartete Sprachstruktur im Dialekt oder die oft vernachlässigte ästhetische Komponente des Ausdrucks. Meine Großeltern gebrauchten kein Imperfekt, keinen Genitiv und keinen Konjunktiv – für sie war die Welt „perfekt“ – so wie sie war. Für weite Kreise galt der Dialekt als Ursprache und war ein Synonym für engere Heimat, für Vertrautheit und Geborgenheit. Die Bestrebung, die komplexe Kategorie Heimat ausschließlich auf das heimatliche Idiom, auf einen Lokal- oder Regionaldialekt reduzieren und festlegen zu wollen, lehnte ich hingegen stets vehement ab. Weshalb? Weil die Autoritäten der Geistesgeschichte es mir so nahe gelegt hatten. Sprach Goethe etwa hessisch? Als Frankfurter hätte er es jederzeit gekonnt, aber er vermied es, wenn er sich literarisch artikulierte, aus gutem Grund. Die vielen Schwaben in der deutschen Literatur- und Geistesgeschichte, große Namen wie Hölderlin, Hegel, Schiller, ferner Uhland, Gustav Schwab, Wilhelm Hauff und andere in Schwaben und Baden Geborene, definierten sich über die Hochsprache Deutsch, die sie in ihrem gesamten Schrifttum pflegten, obwohl sie alle des Schwäbischen oder des Alemannischen mächtig waren. Eine Vermengung der beiden Bereiche, wie sie gelegentlich in literarischen Kreationen nicht nur aus dem Banat angetroffen werden kann, lehnte ich ab. Entweder – Oder! Oder? Und dies bis hinein in die Feinheiten grammatikalischer Struktur.

An solchen Maßstäben orientierten wir uns eher gefühlsmäßig. In jungen Jahren allerdings war Sprachästhetik ebenso unwichtig wie die Leistungsfähigkeit der Sprache. Nur gelegentlich fiel einigen von uns auf, dass ein differenzierteres Artikulieren im Dialekt kaum möglich war und, was noch wichtiger ist, dass eine kümmerliche Sprachweise auch ein verkümmertes Denken nach sich ziehen kann. Das hätten wenigstens jene künftigen Schriftsteller unter uns, die auch Denker sein wollten, beherzigen sollen. In der gesamten Schulzeit hörten wir weder etwas von Sprachphilosophie, noch von Semantik.

Doch der Grammatikunterricht war vorzüglich. Schon nach einigen Monaten Elementarschulunterricht waren wir in der Lage, Subjekt und Prädikat so miteinander zu verbinden, dass daraus ein vollständiger Satz entstand – und aus mehreren vollständigen Sätzen gar eine moderne Kurzgeschichte. Einige von uns verharrten auf diesem Niveau, auch als Schriftsteller! Damals konnten wir jedoch noch nicht ahnen, dass man für literaturästhetischen Minimalismus auch Literaturpreise einheimsen, ja reich, geehrt und berühmt werden kann.

Wir lernten zu jener Zeit auch einiges über Syntax, über die Struktur der Phrase und trainierten die Fertigkeit, den Sinn einer Phrase zu verstehen, vom Anfang ausgehend, über ein paar Schachtelsätze hinaus, bis zum Ende. Das schärfte bei einigen von uns das Denken, eine Fertigkeit, auf die andere, bei vielem von dem, was sie später taten, gerne verzichteten – auch beim Schreiben.

In dem vor Ort gesprochenen Dialekt wimmelte es geradezu von fremden Begriffen und Wortentlehnungen aus anderen Sprachen. Er war durchsetzt von zahlreichen österreichischen Eigenheiten und französischen Brocken, von eingedeutschten Begriffen aus dem rumänischen und ungarischen Umfeld. Auch kamen Wörter vor, deren Sinn nicht verstanden wurde oder deren etymologische Herkunft nicht mehr zu ergründen war; dann Worte und Redewendungen, deren Bedeutung verschwommen war.

Gelegentlich kam es sogar vor, dass selbst häufig im Alltag verwendete Wörter wie heben schon im Nachbarort nicht mehr in unserem Sinne verstanden wurden. Während die einen etwas anhoben, um das Gewicht einzuschätzen, erwarteten die anderen das profane Halten eines Objekts. Wenn ein Banater Schwabe aus der Stadt Temeschburg zurück in sein angestammtes Dorf fuhr, wenn er nach Hause reiste, konnte er, je nach regionaler Herkunft, heim, hem, ham, hoim oder hoom fahren, um nur einige Spielarten anzusprechen. An sich war jener Dialekt eine eigene, doch an sich rückständige Sprachform, die sich der Entwicklung, der alle modernen Sprachen unterworfen sind, weitgehend entzogen hatte.

Die Verschiedenheit und die möglichen Missverständnisse konnten auch zu Trennendem führen – zum Aneinander- vorbei-Reden! Eigentlich war nur der einzelne Dorfdialekt schlicht. Die Vielfalt der Dialekte jedoch wirkte denkstimulierend und sensibilisierte für Sprache überhaupt. Nur manchmal, wenn der lokale Akzent breit hervorgekehrt und kultiviert wurde, wenn die demonstrativ zur Schau getragene Grobheit des Ausdrucks alles überlagerte, empfand ich das Dialektale schlechthin als unästhetisch wie bildungsfeindlich. Hochdeutsch war das richtige Antidot gegen die Übermacht des Dialekts. Bei uns kam es gerade noch rechtzeitig an, bevor wir endgültig in die determinierenden Sprachstrukturen des Elternhauses hineinwuchsen.

Dorfpfarrer Hampel, ein Prälat, sprach ein gutes Hochdeutsch. Während die meisten Lehrer, die aus dem Dorf stammten, ein eher biederes Hochdeutsch mit einer gewissen ortstypischen Intonation sprachen, war das Deutsch einzelner Lehrer aus der bürgerlichen Schicht der Universitätsstadt Temeschburg praktisch akzentfrei. Nur feinere Ohren erkannten noch den milden Temeschburger Akzent, dessen österreichische Herkunft nicht ganz zu verleugnen war. Wie in Wien, wo man genau heraushören kann, ob jemand aus dem Ersten Bezirk herstammt oder aus Kagran, konnte man auch in Temeschburg feststellen, ob einer im besseren Milieu der Kernstadt oder in einem peripheren Arbeiterviertel aufgewachsen war. Der Unterrichtsstoff wurde uns bis in die achte Klasse in deutscher Sprache vermittelt. Parallel dazu erlernten wir, eine Stunde täglich, die rumänische Sprache bis auf ein Niveau, das uns in die Lage versetzte, die weiterführenden Schulen in Temeschburg in der Landesprache fortsetzen zu können. In anderen entlegeneren Ortschaften mit Mischbevölkerung und altersmäßig unterschiedlich zusammengewürfelten Klassen herrschten ganz andere Bildungsvoraussetzungen mit dem Resultat, dass mancher Angehörige der deutschen Minderheit seine Muttersprache nie richtig erlernte. Selbst Personen aus meinem engeren Umfeld waren davon betroffen und litten darunter, ein Leben lang. Ihre banatschwäbische Mundart, dann das Rumänische oder das Ungarische und Serbische wurden homogen und rein gesprochen; nur ihr Hochdeutsch, das ihnen nie richtig beigebracht worden war, gestaltete sich mangelhaft, was zu manchen Skurrilitäten führte – und zu geflügelten Worten, die nur Eingeweihte verstanden.

Wir Kinder aus Sackelhausen waren eigentlich privilegiert. Unseren Lehrenden sind wir zu Dank verpflichtet, obwohl manche aus ihren Reihen weit von der Vollkommenheit entfernt agierten. Die Stadtnähe und die Anwesenheit städtischer, in der Regel gut ausgebildeter Lehrkräfte war ein substanzieller Vorteil, der auch heute noch gesehen und anerkannt wird.

About carlgibsongermany

Writer, author, philosopher, historian, critic, blogger, Zeitkritiker, Publizist, Natur- und Lebensphilosoph, freier Schriftsteller, Blogger.
This entry was posted in Buch, Publikation. Author Carl Gibson, History, Politics, Literature, Essay and tagged , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s