„Unterm Rad“ – zwischen dem Hochdeutschen und banat- schwäbischer Mundart

 

Als ich als Zehnjähriger das „Lehrbuch für Geschichte“ aufschlug, fand ich darin viele Themen vor, von denen Goethe meinte, wir müssten sie mindestens dreitausend Jahre zurückverfolgen können: Das alte Mesopotamien, den Garten Eden und das Goldene Zeitalter der Menschheit zwischen Euphrat und Tigris; Spuren der Hethiter, die Reliefs der Assyrer, die Pyramiden bei Kairo, den Karnak-Tempel in Theben; ich sah die Hatschepsut, den weiblichen Pharao und Kleopatra, die schöne Helena der Ägypter, wie sie Marc Antonius und Cäsar bezirzt; das uralte Jericho, dessen Posaunen zum Himmel schallten, die Ruinen der verkommenen Stadt Sodom, die irgendwo am Donaustrand wieder auferstanden sein soll; ferner fiel mein Blick auf ein griechisches Amphitheater, wo gerade die Lysistrate des Aristophanes aufgeführt wurde, wo Vögel flogen und die Frösche quakten. Dann stieß ich noch auf das legendäre Rom mit der Statue der Wölfin, die Romulus und Remus säugt – nicht anders als die Kopie in Temeschburg vor der Kathedrale – ebenso auf die Trajanssäule mit dem dort verewigten Triumph Roms über die Daker, auf Triumphbögen in Orange, Paris, ja selbst in Bukarest, ohne genau zu erfahren über wen die Rumänen jüngst erst triumphiert hatten. Auch sah ich in meiner damals noch sehr lebhaften Fantasie etwas vom wahren Ausmaß der Chinesischen Mauer, unfern der buddhistischen Tempel Indiens, dann Burebista und Hannibal ante portas, Caligula und Nero, Seneca und Marc Aurel. Im Buche blätternd gewahrte ich zyklisch abrollende Menschheitsgeschichte, den Aufstieg und Fall der Kulturen, die einst Gibbons beschrieben hat. Und ganz weit hinten angesiedelt erspähte ich irgendwann mich selbst, als wohl unwichtigstes Teil der Menschheitsgeschichte, als kleiner Mensch in einem kleinen, entlegenen Dorf, das auch seine Geschichte hatte, eine Geschichte, die lückenlos etwa zweihundert Jahre zurückverfolgt werden konnte. Wenn ich weiter im Geschichtsbuch blätterte und – an der geschichtslosen Zeit der Völkerwanderung vorbei – bis in die Neuzeit vorstieß, in die Zeit der Renaissance und der Reformationen, in die Zeit der frühen bürgerlichen und politischen Emanzipation, in die Zeit der Revolten und Bauernkriege im Deutschen Reich wie im Banat, sah ich viele Nationalhelden, Stefan, Mircea, Vlad, Michael und viel Schreckliches – ich sah wie Bauernführer Georgi Dosza nur einen Steinwurf vor den Toren Temeschburgs aufs Rad geknüpft und bis zum Tode gefoltert wurde, während seine Kampfgenossen sein Fleisch aufessen mussten, das ihm mit glühenden Zangen aus der Brust gerissen worden war. Die Schreckensbilder, im Stich festgehalten, berührten mich seinerzeit genauso wie das Los der Urchristen in den Löwenkäfigen Neros, von dem ich im Religionsunterricht erfahren hatte. Mit Dosza und seinen Gefährten litten Rebellen, Aufrührer, Kämpfer für eine gerechte Sache, Märtyrer der Freiheit – und sie gaben ihr Leben hin für eine Idee: auf dem Rad – und unterm Rad!

Dagegen war unser Gerädertwerden ein Zuckerschlecken. Unsere Dorfschule war – verglichen mit anderen schulischen Einrichtungen der Region – eine führende, ja elitäre Schule, ganz im Einklang mit dem Führungsanspruch, den die stolze Gemeinde für sich reklamierte. Äußerlich wirkte sie imposant, wie ein Schloss und galt als die schönste Schule innerhalb der hundert Ortschaften um Temeschburg, die von Deutschen besiedelt waren.

Einige Lehrerinnen stammten aus dem Ort. Der Großteil der Lehrkräfte aber pendelte aus dem nahe gelegenen, kaum zehn Kilometer entfernten Temeschburg zu uns. Begegneten wir Kinder ihnen außerhalb des Schulgebäudes grüßten wir mit einem höflichen „Guten Tag“, während alle anderen mit einem mehr oder weniger prägnanten „Grüß Gott“ angesprochen wurden – bis auf den Pfarrer. Unser Monsignore sollte eigentlich nur mit einem „Gelobt sei Jesus Christus“ begrüßt oder angesprochen werden. Hielten wir uns daran, kam ein in den Bart gemurmeltes „In Ewigkeit Amen“ zurück.

Auf der Straße im Alltag sowie im Elternhaus pflegten wir den donauschwäbischen Dialekt, eine wenig kunstvolle „Kunstsprache“, in die wir von Kindesbeinen auf hineingewachsen waren. Ja, wir hatten sie mit der Muttermilch aufgenommen oder noch früher – wie den Zigarettenqualm und den Alkohol heute – bereits in der pränatalen Phase übers Gehör im Mutterleib. Im Schulunterricht jedoch wurde von Anfang an Hochdeutsch gesprochen. Als Folge davon waren viele von uns jederzeit in der Lage, die Barrieren des Dialektalen automatisch hinter sich zu lassen, ein anständiges bis gepflegtes Hochdeutsch zu sprechen und, wenn die Situation es erforderte, fließend zwischen Dialekt und Hochsprache zu wechseln. Diese Fertigkeiten ermöglichten später eine unproblematische Direktintegration in die Gesellschaft der Bundesrepublik, verbunden mit der Chance, schulische wie berufliche Tätigkeiten unmittelbar aufnehmen zu können. Vielen von uns ist dank der adäquaten Sprachausbildung und der ins Blut übergegangen klassischen Literatur, Grammatik und Phonetik jene unangenehme Frage erspart geblieben, die andere Germanisten und Schriftsteller aus der Region nach ihrer Einreise in die Bundesrepublik häufig über sich ergehen lassen mussten: Woher kommen Sie?

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One Response to „Unterm Rad“ – zwischen dem Hochdeutschen und banat- schwäbischer Mundart

  1. A_Schwob_ausm_Banat says:

    Mit „Temeschburg“ meinen Sie aber doch wohl Temeswar, nicht…? Und mit „Georgi Dozsa” ist wohl Georg Dózsa(deutsch), Dózsa György(ungarisch) oder Gheorghe Doja(rumänisch)?

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