„Rumänisches Herz“ und „Unkraut“ – Chauvinismus und Nationalkommunismus

Viele folgten der bald immer makabrer werdenden Aufforderung zum Tanz, die im Grunde auch eine „Einladung zur Identitätsaufgabe“, zur „Selbstverleugnung“ sowie zu „opportunistischer Gesinnung“ war – und sie alle lebten nicht schlecht dabei, auch manche Deutsche aus dem Banat und aus Siebenbürgen, denen das Hemd, der volle Magen und das weiche Polster vor dem Kamin näher waren als die Moral, als Anstand und Würde! Mein Gefühl sprach dagegen, lange bevor ich bestimmte Werte verinnerlicht, bevor ein Ethos ausgeprägt, ein Gewissen war und ein Sinn für Verantwortung. Mein Innerstes rebellierte dagegen. Als wäre ich zum Totentanz aufgefordert worden, scheute ich wie ein aufgeschreckter Gaul noch vor dem ersten Anlauf und wich zurück. Abscheu kam auf, Ekel und Ärger über die Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu verbiegen, das eigene Selbst zu verleugnen, sich anzupassen wie eine niedere Kreatur, die nur überleben will. Lieber stigmatisiert, aber frei als ein williges Glied in der Masse als Untertan! Schließlich war ein Mensch kein dressierter Tanzbär, der auf Kommando tanzt, weil man ihm mit feurigen Instrumenten beigebracht hatte, was ein „konditionierter Reflex“ ist. Obwohl „in Ketten geboren“, empfand ich mich stets als ein freies Individuum, von der Natur mit einem freien Willen ausgestattet, fähig selbst zu entscheiden, was gut ist und was schlecht sowie wann, wo und mit wem ich gerne tanzte! Dem Aufruf zum freudigeren „Reigen der Harmonie“, wie er etwa in der Siebten Symphonie Beethovens erklingt, in einem Tanz, der, nach Richard Wagners Wort, gar eine „Apotheose des Tanzes“ verkörpert, ein Tanz, der mich jederzeit düsteren Stimmungen von Trauer und Melancholie enthob, der an sich befreite, indem er mir die menschliche Würde zurückgab, hätte ich durchaus folgen können, jederzeit, obwohl kein rumänisches Herz in meiner Brust schlug, wenn da nicht ein kleines Hindernis in der Folgestrophe des Alecsandri-Verses meine mitfühlende Euphorie entschieden gehemmt hätte. Denn dort folgten höchst ambivalente, mich irritierende Verszeilen, deren Geist etwas von jener Negativität wachrief, die das Zusammenleben der ethnisch und historisch so unterschiedlichen Völker zutiefst untergrub, zumindest nach meiner Interpretation: Das Unkraut in den Feldern verderbe, Mögen auch die Feinde im Land vergehen, auf das zwischen uns nichts weiter zurückbleibe als ein Blumenmeer und Harmonie.“ Solche hier frei ins Deutsche übertragenen Verse, in welchen ich einen deutlichen Zug Chauvinismus erkannte, waren aus der Stimmung nationaler Sehnsucht heraus zu einem Zeitpunkt verfasst worden, als das Land „Rumänien“ noch eine Vision war, als es noch nicht als Einheitsstaat existierte und das „Volk der Rumänen“ noch in den drei Einzelfürstentümern leben musste, in der Walachei, in der Moldau – und weitgehend unfrei in dem von Ungarn und Deutschen bestimmten Siebenbürgen. Vergleichbar dem deutschnationalen Liedgut, das deutsch fühlende Patrioten diesseits des Rheins zur Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon dichteten, strebten auch rumänische Lyriker nach nationaler Vollendung, nach einem einheitlichen Staatsgebilde, in welchem sie in Verbrüderung leben konnten.

Fast immer wenn als krönender Abschluss einer Feier im Schulhof oder im Pionierlager jene Hora der völkisch-territorialen Einigung und Einheit intoniert wurde und die Tänzer sich weihevoll die Hände reichten, um dann romanisch-romantisch euphorisiert in den aus meinem Empfinden heraus zweideutigen Text einstimmten, war ich nur halbherzig dabei. Es war mir unmöglich, beim lahmen Tanzbeinschwingen den vollen Text mitzusingen, aufrichtig, ohne zu heucheln, nicht nur, weil mir die gesamte Atmosphäre recht fremd blieb und die Stimmung nicht übersprang, sondern auch weil ich dem Gehalt der Verse nicht folgen wollte. Immer dann, wenn die zweite Strophe gesungen wurde, fragte ich mich in innerer Diskrepanz, ob das „Absingen der chauvinistischen Zeilen“ in sozialistischer, übernationaler Gesellschaft überhaupt noch zeitgemäß war. Denn ich fühlte mich unmittelbar angesprochen, fast schon provoziert! Dabei machte ich mir meinen Reim darauf, verunsichert zunächst, bald wesentlich kritischer. Eine Frage konnte nicht verdrängt werden: „War ich, der Abkömmling deutscher Siedler, vielleicht jenes schlechte Kraut, jenes Unkraut in den Fluren, jene pflanzliche Form der Parasiten aus dem Liedund somit gar der Feind im Land?“ Oder war es der Ungar neben mir, der angebliche „Irredentist“, der die kaum erst erreichte Einheit schnell wieder zerstören wollte in einer Revision von Trianon? Der Ungar, der sein geliebtes, in Versailles Rumänien zugeschlagenes Nordsiebenbürgen wieder haben wollte? Oder der viel verachtete Zigeuner, der sich nunmehr selbstbewusst „Roma“ nannte, obwohl er sich „Rroma“ nennen sollte? Oder der ewige „Partisane“ aus dem benachbarten Serbien, der alles negierte und bekämpfte, was nicht serbisch und orthodox war? Oder war doch nur der verhöhnte Erzfeind seit Jahrhunderten gemeint, der Türke? Der Türke – das war für viele Orthodoxe nicht nur der „Giaur“, der „Heide“, sondern gleich auch noch der Prototyp des dummen Menschen! „Turcule!“ – „Türke!“ So schimpften die Rumänen, wenn sie einen Dummen ausgemacht hatten; also Depp, Trottel, Simpel – das hörte man, nicht immer boshaft, bei jeder kleinen Ungelenkigkeit! „Unreflektierter Sprachgebrauch“, selbst bei Pädagogen!? Und keiner nahm Anstoß daran.

Wir, die Deutschen im Land, sollten unsere „alten Lieder“ nicht mehr singen, innig tiefe Lieder der Sehnsucht, der Liebe, der Herkunft, der Tradition, der nationalen wie religiösen Identität, schlichte Handwerker-Lieder aus den unterschiedlichsten Zünften, Jäger- und Soldatenlieder, nur weil sie deutsch waren, deutsch klangen, weil sie bedrohlich und gefährlich wirkten – und weil sie auch von den Angehörigen der Wehrmacht sowie der Waffen-SS auf dem Weg in die Schlacht gegen den Bolschewismus gesungen worden waren! Doch was war mit den eigenen anachronistischen Botschaften? Weshalb hielten die Kommunisten, die doch als „neue Menschen“ Internationalisten sein wollten, immer noch an nationalen Denkstrukturen fest? Und weshalb verschmolzen sie beides, ihr noch junges Nationalbewusstsein und den kommunistischen Internationalismus, zu einem alle andere Nationalitäten irgendwo ausgrenzenden rumänischen Kommunismus? Aus übersteigertem Nationalismus und aus engstirniger ideologischer Verblendung vielleicht, ohne zu bedenken, dass gerade auf diese Weise der Hass zwischen den Nationen geschürt wird? Die angestrebte Harmonie förderten solche Vorgehensweisen jedenfalls nicht. Persönlich empfand ich politisch wie strategisch falsche Weichenstellungen dieser Art, die geeignet waren, „Feinde des Vaterlandes“ selbst heranzuzüchten, nicht nur als Plumpheiten, vielmehr als schmerzvollen, ewigen Dorn im Fleisch, gleich jedem Chauvinismus und jeder Hetze. Mit Trennendem und Spaltendem lässt sich keine Versöhnung herbeiführen – nirgendwo auf der Welt!

Was ein Kind noch intuitiv fühlte, ging am kalkülbestimmten Opportunismus der Erwachsenenwelt bereits völlig vorbei. Die meisten arrangierten sich mit den Verhältnissen. Einige Parvenüs, aus denen unter normalen Bedingungen nicht viel geworden wäre, witterten sogar ihre Chance – und sie nutzten sie, indem sie auf den Zeitgeist setzten und sich von der Welle des Kommunismus tragen ließen – bis die „Titanic“ sank … und selbst die Mitläufer wie Profiteure mit den letzten Ratten von Bord gehen mussten, bevor der Kapitän gelyncht wurde. Für mich waren solche Aspekte nur wiederkehrende Hinweise darauf, dass die falschen Leute den Staat lenkten. Aus solchen und anderen Gründen erfolgte zaghaft, doch konsequent eine zunächst intuitive, dann immer bewusster werdende Absetzung von dem Land, in welchem wir lebten, das auf diese Weise nie Heimat werden konnte gefolgt von; einer Rückbesinnung in einem Rückzug in die eigentliche Heimat, in die Kultur des Vaterlandes, die weit und umfassend war – nicht festgelegt auf eine kleine, unscheinbare Region am Rande Europas. Deutschland war besiegt – die Deutschen waren geblieben, im Banat, in Siebenbürgen und anderswo, noch! Wie lange noch? Wohin ging die Reise? „Gehen oder bleiben“? Eine große, eine existenzielle Frage, für jeden Einzelnen und für die gesamte deutsche Gemeinschaft in Rumänien. Kam der „Exodus“, lösten wir uns auf, verabschiedeten uns aus der Gegenwart und wurden allesamt Geschichte.

 

 

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