„Proletarier“, Possenreißer und „Pojatzel“ – von der Freiheit des Narren

 

Nach dieser offensichtlich gezielten Ausbremsung suchte ich daraufhin nach Möglichkeiten, mir den Weg hinauf zu höherem Wissen nicht vollkommen verbauen zu lassen – und fand ihn schließlich in einem „Modell“, mit welchem meine noch verborgenen Gegner wohl nicht gerechnet hatten. Dank alles entscheidender „Beziehungen“, die manchmal das Unmögliche möglich machen und der Fürsprache einer einflussreichen Betriebsleiterin wurde aus dem Vorabiturienten über Nacht ein „Arbeiter“.

Meine neue Lebensphase als „Proletarier“ mit mehr Sehnsucht zur Vereinzelung als zur Vereinigung begann in dem – mit etwa sechstausend Mitarbeitern recht großen – Textilbetrieb „1. Juni“, in welchem Vater seit Jahren als Gärtner beschäftigt war. Im gleichen Atemzug mit der Arbeitsaufnahme in dem Großbetrieb schrieb ich mich – den neuen „Arbeiter-Status“ gezielt ausnützend – in den Abendkurs des einzigen deutschsprachigen Lyzeums ein und wahrte so zumindest formal die Chance auf Abitur und Studium. Es war die oben bereits erwähnte, stark nachgefragte Elite-Schule mit dem klingenden Namen Nikolaus Lenaus! Ein Refugium für die „Creme de la Creme“ aus den deutschen Ortschaften des Banat und der Stadt selbst, aber auch ein begehrter Hort für bildungshungrige Bonzenkinder.

Schon beim Einschreiben kam mir eines der Jugendgedichte Lenaus in den Sinn, die prägnante Reimerei „Der Unbeständige“, in welchem der viel herumgekommene Langzeitstudent Lenau die eigene Situation persifliert: „

Dass ich dies und das beginne,

Heute grad und morgen quer, 

Gegen das, was heut ich minne,

Morgen richte Spieß und Speer“

Wie glich doch meine augenblickliche Lage dem Los des angehenden Dichters damals um 1821 in Wien, der auch an so mancher Schule hatte „inskribieren“ müssen !?

Auch ich war plötzlich „ein unstäter Mensch auf Erden“, einer der systembedingt, aber unfreiwillig zum „Unbeständigen“ gemacht wurde, zum „Getriebenen“ und bald vielleicht auch zum „Vertriebenen“? Zum gebrandmarkten und bald auch ausgestoßenen „Fremdling ohne Ziel und Vaterland“ wie Goethes Faust? Anders als Lenau in seinem möglicherweise ersten Gedicht überhaupt, das er im Alter von neunzehn Jahren schrieb, suchte ich nicht in „metaphysischen Welten“ nach Lösungen, noch fahndete ich zwischen Bibel und Homer nach Wahrheit und Gewissheit, sondern ganz profan nur im „realsozialistischen Alltag“ einer angeblich fortschrittlich orientierten Gesellschaft, die höhere Bildung und somit Zukunft handhabte wie ein „Privileg“ aus längst überwundener Herren- und Junkerzeit, wie eine „Gnade“, die gewährt wurde oder entzogen. Noch konnte ich es nicht wissen, was demnächst auf mich zukommen sollte. Das Leben war offen wie ein Buch, obwohl die Perspektiven karg und die Gesellschaft verschlossen war.

Tagsüber betätigte ich mich regulär als Arbeiter im „mechanischen Atelier“ der Fabrik, in welcher hauptsächlich Frauen an Webstühlen und Nähmaschinen deutscher Herkunft Trikotwaren für den westeuropäischen Markt produzierten, im großen Stil und für harte Westmark.

Abends drückte ich dann brav die Schulbank zusammen mit anderen Mitschülern unterschiedlichen Alters und Nationalität, die entweder aus der Stadt oder aus einer der zahlreichen deutschen Ortschaften des Banater Umlandes stammten. Neben Landsleuten aus Sackelhausen, darunter auch einige Verwandte, Cousins ersten und zweiten Grades und jungen Leuten aus Jahrmarkt, Blumenthal, Mercydorf – ja selbst aus Nitzkydorf, das später eine ambivalente Berühmtheit erreicht hat – sowie anderen Dörfern mit ähnlicher Struktur wie mein Heimatdorf, waren auch einige „Temeschburger Tschibeser“ vertreten – zwielichtige, teils mit allen Wassern gewaschene Schlitzohren, ferner junge, hübsche Großstadtjungfrauen, die nach ihrem Scheitern im regulären „Tageskurs“ der Schule sich nun eher nach einer geeigneten Partie fürs Leben umsahen als nach „höherer Bildung“.

Ein bunter, lebensfroher Haufen umgab mich in jenem „Lenau-Seral“, wie wir es zu bezeichnen pflegten – kein „Serail“, aber immerhin die richtige Kulisse für ein „lebendiges Theater“, das noch folgen sollte. Schließlich war laut Shakespeare die „ganze Welt eine Bühne! Und wir fast schon erwachsenen Musterschüler waren Teil dieser schönen Welt! Das Abendgymnasium wurde bald zum Parkett und zu den Brettern, die die Welt bedeuteten, zur Plattform der Selbstdarstellung, aber auch der Gesellschaftskritik. Also nutzte ich diese „Agora der Neuzeit als Forum“, um die selbst erwählte Rolle eines kleinen „Advocatus diaboli“ auszufüllen, um Bildungsinhalte, insofern sie ideologisch eingefärbt waren, so plastisch wie möglich „ad absurdum“ zu führen.

Theophil, der Nonkonformist als „Lehrer“ hatte den Prolog geliefert und  trefflichst inszeniert. Nun gedachte ich mit dem Hauptstück dort weiter zu machen, wo er geendet hatte, mit der „Enthüllung der großen Maskerade“ im „Grande Macabre“ der sozialistischen Wirklichkeit.

Eine Scheinwelt lag vor mir – und ich war willig wie bereit, den Schleier zu lüften zwischen potjomkinscher Fassade und nackter Realität, zwischen Gaukelei, Trug, Lüge und der tatsächlichen Wahrheit in ihren vielen Erscheinungen und Formen. Aufklärung war angesagt – und das Wachrütteln der Trägen, Denkfaulen und Schlafenden in den eigenen Reihen.

Gerade der Ökonomie- und Politikunterricht, von einem zierlichen, früh ergrauten Männlein aus dem Umland linientreu, doch wenig überzeugend vorgetragen, entwickelte sich gelegentlich zur grotesken Lachnummer. Seinerzeit noch ein begeisterter „Spiegel-“ Leser hatte ich mir den ironisch pointierten Stil des frivolen Nachrichtenmagazins aus Hamburg, das wir unregelmäßig und zeitverzögert, doch mit Genuss verschlangen, zueigen gemacht. Mich interessierte seinerzeit nicht immer die ausschließliche Wahrheit, das absolut Objektive, sondern vielmehr die „andere Sichtweise der Dinge“, die veränderte Perspektive, auch wenn sich die andere Betrachtung oft nur in reiner Polemik erschöpfte.

Die „andere Sicht“ war ein geeignetes Mittel zum Zweck, um die offizielle Doktrin lächerlich zu machen, zu verspotten und zu verhöhnen. Die verbohrte, kommunistische Einheitspartei selbst, die – nicht weniger dogmatisch als die katholische Kirche in ihren dunkelsten Tagen – immer im Recht sein wollte, bot die Angriffsfläche dazu, ideologisch wie praktisch. Im rhetorischen Disput, ob Marx und Engels in ihren eigenen „Thesen“ oder den von Hegel entliehenen „Antithesen“ wie „Synthesen“ irrten oder nicht, geriet ich mit dem grauen Männlein aus Bakowa oft aneinander und belustigte damit die Hörerschaft. Während ich zunehmend Gefallen an diesem Messen fand, war es dem kleinen braven Donauschwaben, der auch nur, wie er meinte, „seine Pflicht tat“, recht peinlich. Waren seine schon früh ergrauten Haare vielleicht ein Hinweis darauf, dass ihn die kompromittierende Aufgabe überforderte?

Große Dichter der Oktoberrevolution, die einst blind akklamiert und der Kommunisten-Partei gehuldigt hatten, waren an dem inneren Konflikt zerbrochen und schließlich gescheitert aus dem Leben geschieden, Gorki, Majakowski, Jessenin …

Zerriss die große Lüge einer Weltanschauung und Erlösungsideologie auch dieses Männlein in innerer Diskrepanz? Der „Schulmeister“ besserer Tage hatte es hier mit zum Teil erwachsenen Schülern zu tun, die nicht alle auf den Kopf gefallen waren. Diesen nun erklären zu müssen, die sozialistische Planwirtschaft sei dem freien Spiel der Kräfte in der Marktwirtschaft überlegen, erforderte Begabungen, die der kleine Mann schlechthin nicht hatte. Als Figur des Kompromisses, die mit der Lüge leben und diese noch rechtfertigen muss, weil sie ihm einen ewig vollen Bauch und ein weiches Kissen sichert, litt er wohl auch unter seiner selbst gewählten Rolle, während ich meine relative „innere Freiheit“ noch auskostete, manchmal sogar überheblich triumphierend.

Moralisch im Recht zu sein war mir stets wichtiger, als öffentlich Recht zu bekommen.

Bei falscher Konzilianz einen Opportunismus gutheißen – das konnte und das wollte ich nicht, nicht zuletzt deshalb, weil Heuchelei und Duldung von Unrecht in Diktatur und Untergang führen.

Usurpator Hitler erinnerte daran und das Zaudern der Demokraten bei der Durchpeitschung des „Ermächtigungsgesetzes“ zum angeblichen Schutz von Volk und Staat im Reichstag.

Ob ich von den teils kräftig mitlachenden Mitschülern verstanden wurde? Wohl nicht immer! Nicht alle waren „politisiert“ – und nicht jedem lag das „Aus-der-Reihe-Tanzen“. Jedenfalls handelte ich recht ernsthaft aus eigenem Antrieb – und vorerst nur für mich. Gezielte Regimekritik, Dissidenz, gar politische Opposition in einer neuen Vereinigung oder gar in einer Untergrund-Partei, das waren noch ferne Möglichkeiten.

Um die von Marx und Engels formulierten Theorien effizient ad absurdum zuführen, bedurfte es keiner großen Kunst; die Hinweise auf die nackte Realität, auf ihre Umsetzung in der Praxis, im Alltag reichten da schon aus.

„Klartext“ war angesagt, nicht nur in „Vietnam“, wo die Supermacht USA einen verlogenen Stellvertreterkrieg führte, um ein Prinzip zu wahren; auch in Prag, in Moskau und im Sozialismus vor der eigenen Haustür galt es aufzuklären, indem das angesprochen und kritisch erörtert wurde, was nicht stimmte. Der Staat, das abstrakte Ungeheuer Leviathan, hatte mich mehrfach provoziert, gedemütigt, entmündigt. Nun fühlte ich mich endlich in der Lage, als freies, souveränes Individuum zurückzuschlagen, öffentlich auf meine Art. Bei dieser Herausforderung agierte ich manchmal mit dem diabolischen Spaß eines Mephisto, gelegentlich gar – zur großen Belustigung einzelner Mitschüler – wie ein „mittelalterlicher Schalksnarr“ und „Possenreißer“, der sich der „Freiheit des Narren“ besinnt, der sich die Freiheit herausnimmt, um frank und frei das zu verkünden, was er aus innerer Wahrhaftigkeit heraus durchlebt und erfühlt hat. „Du musst nicht immer den Pojatzel spielen“, hatte man früher den „renitenten“ Lausbuben in der Schulklasse zur Raison gerufen, wenn ich frech gegen Anstand verstoßen und verbal provoziert hatte! Jetzt tat ich dies wieder – auf höherem Niveau!

Von einer „Grundnaivität“ bestimmt, die in jedem Menschen das Gute sieht und in jedem Staatsgebilde eine ethische Struktur zum Schutz der Individuen ging ich davon aus, mein „Humor“, der irgendwo ein „Galgenhumor“ war, werde verstanden. Schließlich lebten wir in einer angehenden „Gesellschaft des Lichts“ mit „humanem Antlitz“. An den „Galgen“ hinter dem Witz dachte ich damals noch nicht.

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